Die Wissenschaft der Archäologie und ihre Vertreter sind im Allgemeinen schon recht vorsichtig, recht konservativ, wenn es darum geht, Mythen aus der Vergangenheit und wirklich nachweisbare, historische Ereignisse auseinanderzuhalten. So war es gerade ein Nicht-Wissenschaftler, nämlich der Kaufmann Heinrich Schliemann, der auf Basis der Informationen in der Illias Homers die Stadt Troja auf dem Hügel Hisarlik im Westen Kleinsasiens ausgrub - und damit als Nicht-Archäologe zum populären Helden dieser Wissenschaft wurde. Natürlich sehr zum Ärger der "wirklich wissenschaftlichen" Fachkollegen.
Der sich daraus ergebene Streit um die Autenzität von Illias und Odyssee ist auf die ein oder andere Weise seit Schliemanns Entdeckung fortgeführt worden und gilt immer noch als nicht abgeschlossen. Joachim Latacz führt diesen Streit nun mit diesem Buch fort. Und er nimmt Partei - für eine Wertung der Funde als eine historische Basis für die Geschichte Homers, auf deren Grundlage ein einzigartiges Stück Weltliteratur entstanden ist. Dessen Inhalt dann aber wiederum weit über eine Nacherzählung der historischen Ereignisse hinaus geht.
Gegenüber Schliemann hat Latacz einen wesentlichen Vorteil. Inzwischen ist weit mehr über die späte Bronzezeit bekannt. Insbesondere weiss man mehr über die damals dominierende Großmacht Kleinasiens, die Hethiter. Und so kann Latacz aus der Gleichung Troja=Hisarlik ein Troja=Hisarlik=Willius machen, über welches die hethitischen Textfunde zusätzliche Informationen liefern.
Ja, für das alles gibt es keine wirklich harten Beweise. Wer aber diese fordert, muss dann wohl viele Aussagen der Archäologie und Altertumswissenschaft widerrufen. Die Vergangenheit zurückzubringen, sie für uns verständlich zu machen, ist immer zu einem Teil Spekulation. Es geht darum aus vielen kleinen Informationen ein ganzheitliches Bild zu gewinnen, und genau das tut hier Latacz. Der Leser lernt dabei viel über Archäologie, über Sprache, über Schrift, über Geographie. Selbst die Dichtkunst des Hexameters muss für den Nachweis herhalten.
Inzwischen ist das Buch bereits fünf Jahre alt. Nur wenig der hier geäußerten Theorien und Sachverhalte habe ich in der Zwischenzeit überzeugend widerlegt gefunden. Insofern kann man wohl langsam davon ausgehen, dass der Inhalt weiterhin Bestand haben wird.
Für den Laien ist das ganze auch aus einem anderen Grund spannend. Er erhält einen Einblick in die wissenschaftliche Arbeit und Diskussion. Selten habe ich in einem anderen Buch den Prozess von der mühsamen Erarbeitung einzelner, scheinbar unwichtiger Details der Feldforschung zu der großen, dann für alle spannenden These für die Titelseite so durchgängig beschrieben gesehen.
Ja, manchmal ist das auch mühsam zu lesen, wenn über Seiten hinweg kleinste Details analysiert werden. Aber der Einblick in die Vergangenheit und die Gegenwart der heute arbeitenden Archäologen lohnt sich.