Der amerikanische Volkswirt und Harvard-Professor Edward Glaeser legt mit "Triumph of the City" ein gut lesbares und hochinformatives Plädoyer für die Stadt und den Hochhausstädebau vor. Für Deutsche mag das Buch etwas enttäuschend sein, denn vor allem stehen US- und südamerikanische und asiatische Städte im Mittelpunkt. Auf die deutsche Geschichte kommt er aber kurz zu sprechen. Die 1930er Jahre, zu deren Beginn sein Vater in Berlin geboren wurde, seien eine sehr schwierige wirtschaftliche Phase für Europa gewesen, die durch schlechte Politik wie das Schutzzoll-Gesetz, des "Smoot-Hawley-tariff", das den internationalen Handel zum Erliegen brachte, verschlimmert wurde. Der Niedergang der Ökonomie in Spanien und Deutschland sei dem der Demokratie vorausgegangen. Auch staatsbürokratischen Maßnahmen auf kommunaler Ebene steht Glaeser begründet skeptisch gegenüber, wie z.B. die Kapitelüberschriften "How Policy Magnifies Poverty" und "Help Poor People, Not Poor Places" zeigen.
Als europäische Städte kommen nur Paris, London und Mailand vor. Leipzig wird zweimal erwähnt, das Glaeser angesichts vieler leerstehender und zugenagelter Häuser an Detroit erinnern würde. Meine weitere Erwartung über die Ökonomie hinaus auch etwas zu den weitergehenden städtebaulichen Aspekten zu erfahren, wurde nicht so recht erfüllt. Da Glaeser Sohn eines deutschen Architekten ist, war die Spekulation darauf nicht unbedingt abwegig. Nur in Ansätzen stellt sich Glaeser den Problemen der Realisierung von guter Architektonik und Städteplanung. Er ist zwar nicht blind für ästhetische Fragen, wie die Abschnitte über Paris zeigen. Dort gibt Glaeser zu, daß das Pariser Zentrum mit seinen sorgsam geplanten Sichtachsen für die Umwandlung in eine Hochhauslandschaft zu schade wäre. Aber Ästhetik steht genauso wenig im Zentrum seiner Argumentation wie die zahllosen Beispiele verfehlter Stadtplanung, für die der Trabantenstadtgürtel um Paris in seiner Häßlichkeit und grenzwertigen Sozialverträglichkeit ja genug Material geliefert hätte. In seinem Plädoyer für das Wachstum der erfolgreichen Stadt sorgt sich Glaeser aber vor allem um die Verfügbarkeit bezahlbaren Wohnraums für die Ärmeren. Am Beispiel von Paris erkennt man die Ambivalenz dieser Problematik. Wenn Paris schön und original bleiben muß, kann es in Zentrumsnähe nicht genug vertikales Wachstum für Wohnraum bieten und wird zwangsläufig zu einer Stadt der reichen Leute.
Edward Glaeser provoziert mit einer Reihe interessanter Thesen. Es fängt harmlos an: Daß der ökologische Fußabdruck von Vorstädtern viel größer ist als der von Hochhausbewohnern, also Hochhäuser weniger umweltbelastend sind, sieht man ja schnell ein. Ebenso, daß das rasante Wirtschaftswachstum von Städten wie Rio de Janeiro die Armen magisch anzieht, daß also Slums indirekte Indikatoren für Prosperität sind. Auch kann man noch glauben, daß die Slum-Bewohner wohlhabender sind, als ihre Verwandten, die in den Dörfern geblieben sind. Wenn das aber bedeuten sollte, daß das Leben im Slum lebenswerter und glücklicher wäre als das ärmere Leben auf dem Lande kommen erste Zweifel auf. Dazu müßte man sich die entsprechenden sozialwissenschaftlichen Studien genauer ansehen. Zahlenmaterial und Graphiken liefert das Buch nicht, dazu muß man auf das sehr umfangreiche Quellenverzeichnis zurückgreifen. Davon abgesehen, daß der Lebensstandard in einem Slum nicht überall gleichermaßen miserabel ist, sondern stark differiert, wäre es nicht unplausibel, wenn seine Bewohner sich selbst eine hohe Zufriedenheit attestieren. Schließlich war es ja die Hoffnung, die sie hierherbrachte und die kompensiert ja weiterhin einen Teil der Miserabilität. Eine mögliche Selbsttäuschung der Befragten zieht Glaeser selbst nicht in Erwägung.
Generell gewinnt man jedoch den Eindruck, daß die meisten seiner Thesen gut mit Zahlen belegbar sind (Ein gutes Fünftel des Buches sind Quellen, Anmerkungen und Index). Dabei ist er durchaus selbstkritisch, wie bei dem Umstand, daß New Yorker langlebiger zu sein scheinen. Daß die Todesrate jüngerer New Yorker deutlich niedriger ist als im US-Durchschnitt ist auf Anhieb nachvollziehbar, denn sie hängt mit der geringeren Zahl von Verkehrstoten und Suizidfällen zusammen. Das erste Faktum läßt sich auf die stärkere Nutzung öffentlicher Transportmittel und das zweite auf die geringere Verfügbarkeit von Schußwaffen im Vergleich zu ländlichen Gegenden zurückführen. Es verblüfft aber auch Glaeser, daß sogar ältere New Yorker langlebiger sind und weniger häufig an Krebs sterben. Daß New Yorker gesünder sind, weil sie längere Strecken zu Fuß gehen müssen, könne keine Erklärung sein, denn auch in der Autofahrerstadt Los Angeles seien die Alten gesünder als im Landesdurchschnitt. Hier zieht Glaeser quellenkritisch in Erwägung, daß Selektion eine Rolle spielen könnte, daß also Leute mit Gesundheitsproblemen frühzeitig pensioniert würden und in wärmere Gegenden zögen und somit die Gesünderen übrigblieben und so die Statistik dominierten. Jedenfalls kann Glaeser eine hohe Authentizität beanspruchen, da er in Manhattan in einer Zeit aufgewachsen ist, in der allein wegen der viel höheren Kriminalitätsrate das Leben im New Yorker Großstadtdschungel viel unwirtlicher war als heute. (Cineastisch wird übrigens die Zeitspanne des New Yorker Wandels von den Spielfilmen
Taxi Driver [Collector's Edition] und
The Brave One markiert, die beide Gewalt in NY zum Thema haben und drei Jahrzehnte auseinanderliegen. In einem Interview meinte Jodie Foster, die ja in beiden mitspielte: "The truth of this city is that despite the fact that it is, in fact, the safest big city in the world, statistically, it's a city that has a lot of fear".)
FUNDGRUBE AN FAKTEN
Das Buch ist auch eine Fundgrube an kleinen Fakten, die man gerne der Allgemeinbildung zurechnen möchte. Davon einige Kostproben:
=> Mailand:
Das Ausbildungssystem sei die Basis der Erfolgsgeschichte der Stadt, die auf die Kaiserin Maria Theresia zurückginge, die eine Reihe von Schulreformen mit konfisziertem jesuitischem Vermögen finanzierte, von denen auch die Universitäten von Mailand und Pavia profitierten. Und schließlich sei Mailands Polytecnico nach dem Vorbild deutscher Industrieschulen konzipiert.
=> Paris:
Blaise Pascal, der berühmte Mathematiker und Philosoph habe sich auch bei den Urbanisten Ruhm erworben, da er es war, der im Jahre 1662 die erste öffentliche (pferdegestützte) Buslinie organisierte.
Baron Georges-Eugène Haussmann, Sohn protestantischer deutscher Einwanderer, war es, der maßgeblich das städtebauliche Gesicht der Stadt prägte.
=> London:
Über 30 Milliardäre (die Hälfte nicht-englisch) leben dort, die gekommen wären, weil London ein guter Ort sei, um das Megareichsein zu genießen.
=> Europa nach dem Untergang Roms:
Die Bedeutung Europas im Laufe seiner Geschichte hänge eng mit seinen großen Städten zusammen. Dem Untergang des Römischen Reiches sei der Niedergang der römischen Ingenieurkunst gefolgt. Vor 1000 Jahren hatte Europa nur vier Städte mit mehr als 50000 Einwohner: Konstantinopel, Sevilla, Cordoba und Palermo. Dabei waren die letzten drei islamisch. Die Invasoren Roms hatten die Kraft, die römischen Legionen zu besiegen, aber sie hatten es nicht geschafft, die vorbildliche städtebauliche Infrastruktur Roms aufrecht zu erhalten.
=> Texas:
Alle Erdbewohner fänden dort Platz (nachgerechnet: Auf jeden der 7 Milliarden kämen fast 100 qm). Texanische Städte wie Houston und Dallas böten bezahlbaren Wohnraum und daher seien seit dem Jahr 2000 eine Million Amerikaner dorthin gezogen.
MARKTMECHANIK
Glaeser demonstriert an so vielen Beispielen erfolgreich die einfache Erklärungsmechanik von Nachfrage und Angebot, daß man fast an ihren naturgesetzlichen Status glauben könnte. Eine Variante dazu aus dem Kapitel "The Inner City":
"All forms of travel involve two types of cost: money and time. The cash cost of commuting is the same for rich and poor, but rich people with higher wages give up more income when they spend more time commuting and less time working. As a result the rich are generally willing to pay more for faster trips to work. Why are the centers of Manhattan and Rio richer than the more distant areas? Richer people can pay more for the privilege of having shorter commutes."
Demnach ließen sich New York und Boston in vier Einkommens- und gleichzeitig Transitzonen aufteilen. In der inneren bewegten sich die Reicheren zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln, in der zweiten die Ärmeren mit Bus und Bahn, in der dritten die Reichen mit dem Pkw und in der äußeren seien die weniger Wohlhabenden auf das Auto angewiesen.
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