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Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman
OT The Life and Opinions of Tristram Shandy, GentlemanOA 175967 DE 1769Form Roman Epoche Aufklärung
Der Roman von Laurence Sterne, der bis 1767 in neun Bänden erschien, bewirkte im Winter 1759 eine Sensation, da er er eine Parodie des noch jungen englischen Romans darstellte.
Inhalt: Obgleich der Titel eine Lebensbeschreibung des Ich-Erzählers in Aussicht stellt, erfährt der Leser über die Biografie Tristrams kaum etwas, und auch andere Erwartungen des Publikums durchkreuzt Sternes Roman gründlich. Angetreten mit dem Vorsatz, sein Leben gewissenhaft und unter Berücksichtigung aller kausalen Zusammenhänge darzulegen, verstrickt sich der Held er wird erst im dritten Band geboren! in zahlreichen Digressionen (Stichwort R S. 1033), die allesamt auseinander hervorgehen. Der chronologische Ablauf wird auf diese Weise nicht nur verlangsamt, sondern zum Stillstand gebracht und schließlich sogar ins Gegenteil verkehrt, da der Roman nach dem Bewusstsein des Protagonisten geordnet ist: Die Erzählung beginnt 1718 neun Monate vor Tristrams Geburt und wechselt zwischen verschiedenen Daten anscheinend planlos hin und her; das Buch endet in der Erzählung mit dem Jahr 1713. Dazwischen liegt ein vorgebliches Chaos aus scheinheilig kaschierten Schlüpfrigkeiten, eingeschobenen Erzählungen sowie leeren oder geschwärzten Seiten. Das Vorwort reicht der Erzähler im dritten Teil nach.
Struktur: Was nach erzählerischer Unfähigkeit bzw. purer Spottlust aussieht, ist tatsächlich wohl durchdacht. Sterne parodiert den Vernunft- und Ordnungsglauben der Aufklärung, zugleich aber setzt er an die Stelle des klassischen Erzählmodells (das auf dem Prinzip linearer chronologischer Abläufe basiert) einen neuen, »zirkulären« Romantypus.
Der eigentliche literarische Kunstgriff des Buchs liegt darin, dass durch das Fehlen einer stringenten Handlung der Blick vom Erzählten auf den Vorgang des Erzählens selbst gelenkt wird. Der Protagonist Tristram denkt laut über seine Schreibweise nach, erwägt, prüft oder verwirft ausdrücklich den Gebrauch verschiedener Stilmittel und diskutiert solche Fragen mit seinen Lesern, welche ihm wiederholt mit Einwänden ins Wort fallen (herkömmliche Romane hatten dem Publikum dagegen eine nur passive Rolle zugestanden). Dadurch bekommt das Werk den Charakter einer Konversation.
Wirkung: Der Roman war nach seinem Erscheinen sofort erfolgreich. Sein Stil wurde u. a. im Sentimental Magazine nachgeahmt. In Frankreich, wo man Sterne den Titel eines »englischen Rabelais« verlieh, inspirierte er Denis R Diderot zu dessen Roman Jacques der Fatalist und sein Herr (177880).
In Deutschland ist R Jean Paul sein wichtigster Nachfolger. Die sittenstrengen Viktorianer stießen sich an Sternes Albernheiten und Anzüglichkeiten, seit etwa 1920 aber ist seine Aktualität unbestritten. Für Milan R Kundera war Tristram Shandy »der modernste Roman des 18. Jahrhunderts«. Indem Sterne dem Bewusstsein des Helden als erzählerischem Strukturprinzip den Vorrang vor einer chronologischen Darstellung einräumte, wies er bereits auf den Roman der Moderne voraus, wie ihn James R Joyce und Virginia R Woolf erarbeiteten. N. S.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.