Jede neue Tristan-Aufnahme ist ein Ereignis, weil mit riesigem Aufwand verbunden und deshalb so selten. Noch dazu wurde diese Einspielung bei ihrem ersten Erscheinen 2005 als vielleicht letzte Studio-Produktion einer Oper überhaupt und als Abschied eines der großen Tenöre unserer Zeit angekündigt - natürlich erhofft sich so mancher Hörer deshalb die Antwort auf das seit mehr als 50 Jahren immer wieder enttäuschte Gebet nach der "perfekten" Aufnahme, die es - trotz Furtwängler, Böhm und Kleiber - noch immer nicht gibt. Wenn man sich von dieser übertriebenen Erwartung freimacht, kann man eine größtenteils überzeugende Aufnahme erleben:
Antonio Pappano lässt erfreulich durchsichtig musizieren, verfällt auch nicht der verbreiteten Unsitte, zu versuchen, Furtwängler an Langsamkeit zu überbieten (wie Karajan und Thielemann). Trotzdem klingt hier nichts gehetzt oder beiläufig - eine sorgfältige, etwas detailverliebte Interpretation, bei der ihm Chor und Orchester sehr präzise, flexibel und klangschön folgen.
Domingos Tristan hat mich positiv überrascht: Natürlich singt er immer noch nicht akzentfrei, hat aber den Hauptfehler seiner früheren deutschen Aufnahmen - die viel zu hart gesungenen Konsonanten, die jede Melodielinie zerhackten - stark reduziert (die etwas zerkauten Vokale bleiben allerdings). Jetzt kann man ihn nicht nur endlich verstehen, er kann auch die Vorteile seiner italienischen Gesangstechnik ausspielen, insbesondere sein legato. Die Rolle klingt bis in die letzte Phrase sehr sorgfältig studiert und durchdacht, hat allerdings nicht ganz die Selbstverständlichkeit seiner großen Verdidarstellungen - vielleicht ein Problem der Sprache, möglicherweise hätten aber auch einige Bühnenauftritte in der Rolle gereicht. Es bleibt ein erstaunlich jugendlich klingender, schwärmerischer, musikalisch besonders im zweiten Akt überzeugender Tristan, wenn auch nicht ganz in einer Liga mit Melchior, Vickers und v. a. Suthaus. Dafür fehlen ihm dann doch einige Kraftreserven.
Nina Stemmes Isolde fand ich eher etwas enttäuschend, was auch an meiner Erwartung liegen mag: Die derzeit weltweit gesuchteste Sängerin gerade dieser Rolle hätte die stimmlichen Voraussetzungen für jugendlich lyrische Isolde, auch qualitativ vergleichbar mit Margaret Price. Leider aber scheint sie statt dessen mit Birgit Nilsson konkurrieren zu wollen - mit bedauerlichen Folgen: Die Simme klingt teilweise künstlich vergrößert und abgedunkelt, das Vibrato wird dann unkontrolliert, übergroß. Dazu kommt, dass Stemme im Ausdruck im ersten Akt übertreibt. Schade, denn sie ist dort, wo sie ihre Stimme frei strömen lässt, eine faszinierende Interpretin.
Fujimuras Brangäne erinnert mich an Blanche Thebom: Eine eher hohe, weiche und leichte Stimme, etwas neutral im Ausdruck und im ersten Akt teilweise stimmlich überfordert - mal wirkt sie dann kurzatmig, mal flackert ihr Vibrato deutlich. Nicht souverän, aber auch nicht schlecht.
Rene Pape dagegen ist der überragende Marke unserer Zeit, der keinen Vergleich zu scheuen braucht, Olaf Bär ein sehr grimmiger, ernsthafter Kurwenal, der v. a. in den leisen, zarten Passagen ("Bist Du nun tot?") überzeugt.
Bei Rolando Villazon und Ian Bostridge habe ich mich gefragt, ob sie als Gag engagiert wurden (große Namen für kleine Rollen) oder ob beider Akzent von Domingo ablenken sollte. Villazon klingt für an lyrische Tenöre in der Rolle des jungen Seemanns (Schreier, Unger) gewohnte Ohren gewöhnungsbedürftig, aber sehr eindrucksvoll, Bostridges Hirte solide.
Insgesamt also ist diese Aufnahme weit mehr als der Abschied des Placido Domingo vom Aufnahmestudio, nämlich eine insgesamt - insbesondere orchestral - durchaus gelungene Aufnahme der Oper, wenn auch kein Meilenstein.