Ich habe Paul McCartney zum ersten Mal Ende '89 live in der Festhalle in Frankfurt gesehen und mir das vorliegende Album natürlich gleich bei Erscheinen als 3fach-LP (und später nochmal als CD) gekauft. Paul war seit 10 Jahren (zuletzt mit den Wings) nicht mehr auf Tour gewesen, und man merkte seinen Konzerten - und folglich auch diesem Live-Album - seinen Hunger auf Auftritte deutlich an.
Zudem hatte Paul endgültig seinen Frieden mit seiner Beatles-Vergangenheit gemacht: von den 37 Tracks entstanden allein die Hälfte in seiner Zeit als Beatle (hingegen nur 3 mit den Wings). Darüber hinaus nutzte Paul die Gelegenheit, sein damals aktuelles (durchwachsenes) Album "Flowers in the Dirt" zu promoten (6 Songs, die live allesamt atmosphärischer und überzeugender rüberkommen, besonders Figure of Eight, Rough Ride und We got married; an das von Blackbird inspirierte Put it there hängte er zusätzlich noch die Ausblende von Hello Goodbye dran). Ansonsten spielte Paul fünf Songs von weiteren Soloalben, von denen vor allem Maybe I'm amazed zu gefallen weiß, und es war diese Version von Coming up, die mir diesen Songs erst so richtig zugänglich machte; ich habe 20 Jahre gebraucht, bis mir auffiel, dass hier Samples von den Orchester-Crescendos aus A Day in the Life eingebaut sind!
Als der Perfektionist, der er ist, machte Paul sich die Mühe, die jeweils besten Versionen seiner 102 Konzerte auszuwählen (wie die beiden sehr schön von Linda gestalteten Booklets zeigen). Die Band hatte bereits auf "Flowers in the Dirt" mitgewirkt und war gut eingespielt: Hamish Stewart (Ex-Average White Band) unterstützte Paul hervorragend als Bassist, Gitarrist und Sänger; Robbie McIntosh (Ex-Pretenders) wurde zu einem meiner Lieblings-Gitarristen; Schlagzeuger Chris Whitten ging anschließend mit den Dire Straits auf Tournee, und Keyboard-Allrounder Paul "Wix" Wickens ist bis heute in Pauls Tourbands dabei.
Wie gesagt, griff Paul für diese Tournee zum ersten Mal tief in die Oldie-Kiste seiner Beatles-Songs: In Fool on the Hill baute er Auszüge aus Martin Luther Kings "I have a Dream"-Rede ein, Can't buy me Love und die Version aus Sgt. Pepper's, clever kombiniert mit der Reprise-Version desselben, sowie The End boten Paul reichlich Gelegenheit, sich an der Lead-Gitarre auszutoben, Yesterday ist hier (wie schon '76 auf Wings-Tourneen) die gekürzte Version, Get back, I saw her standing there und Back in the USSR gehen gut ab, und bei Hey Jude (eingeleitet von dem albernen If I were not upon the Stage) läuft mir immer noch ein Schauer über den Rücken. Absolutes Highlight ist für mich das "Abbey Road"-Schlussmedley Golden Slumbers/Carry that Weight/The End. Ich weiß noch, wie ein Freund in der Festhalle vorm Zugabenteil sagte: "Jetzt müsste er eigentlich Golden Slumbers bringen...", und als dann genau das geschah, war das Gänsehaut pur, wie diese Live-Version erahnen lässt!
Nur Birthday ist zu saft- und kraftlos geraten. Auf weiteren Maxis verstreut erschienen im Laufe der Zeit von dieser Tournee zusätzlich noch Good Day Sunshine, P.S. Love me do, C Moon, Let 'em in, Mull of Kintyre sowie das John Lennon-Memoriam-Medley Strawberry Fields forever/Help!/Give Peace a Chance, die aber nicht weiter ins Gewicht fallen.
Einziges Manko dieser CD sind die paar überwiegend minderqualitativen, bei Soundchecks entstandenen Einsprengsel, die zwar (laut Booklet) den Humor der Band wiedergeben sollen, aber ziemlich unsensibel in die Live-Aufnahmen eingeblendet werden und den Konzertfluss immer wieder störend unterbrechen, namentlich Crackin' up, Inner City Madness, Together und das alberne Sally. Selbst die ernsthaft gespielte alte Ray Charles-Nummer Don't let the Sun catch you crying ganz am Ende wäre nicht nötig gewesen, da es die Stimmung des "Abbey Road"-Schlussmedleys unnötigerweise wegwischt. Einzig Matchbox (mit toller Slidegitarre von Robbie) überzeugt. Positiv zur Liveatmosphäre trägt bei, dass (anders als auf "back in the u.s."/"back in the world" 2003) etliche von Pauls humorigen Ansagen zu hören sind.
Diese CD ist praktisch bis heute die Blaupause für Pauls Live-Mitschnitte (CD & DVD), d.h. er bringt auf Tournee zahlreiche, jeweils leicht variierende Beatles-Hits neben ein paar Zugnummern aus seinem aktuellen Album, gewürzt mit ein paar Hits seiner Wings- und Soloalben.
P.S. Vorsicht: der parallel erschienene Konzertfilm "Get back" kann die mit diesem Album geweckten Erwartungen nicht erfüllen.
(P.P.S.: Die von Amazon ebenfalls hier gelistete CD "tripping the live fantastic - highlights!" konzentriert sich auf Einzel-CD fast ausschließlich auf die Beatles-Songs und ist somit schnell zu vergessender Nepp; beinharte McCartney-Fans werden wohl auf das nur dort zu findende All my Trials nicht verzichten können.)