In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren ist das allgemeine Interesse an Erdgeschichte und urzeitlichen Lebensformen sprunghaft gestiegen, natürlich auch bedingt durch einschlägige Kinohits. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich dieses Interesse allerdings zumeist als pure "Dinomania", während andere Aspekte der irdischen Evolution eher ein Mauerblümchendasein führen. Das ist eigentlich schade, denn gerade in jüngster Zeit sind die Dinge gehörig in Fluss geraten. So waren zum Beispiel die "Schneeball-Stadien" der Erde, als der Planet selbst am Äquator mehrmals von Eismassen bedeckt war, bis vor kurzem noch unerforschtes Neuland.
Dagegen sind die Trilobiten (= Dreilappkrebse) schon wesentlich länger bekannt. Diese zwar unscheinbare, aber äußerst vitale Tiergruppe bevölkerte die Meere vom frühen Kambrium bis ins späte Perm - eine fast 300 Millionen Jahre währende Erfolgsstory. Dennoch: Eine Biographie dieser Geschöpfe zu schreiben, noch dazu in Form eines populärwissenschaftlichen Buches von 274 Seiten Umfang, erfordert neben einer guten Portion Begeisterung auch ein ziemliches Maß an Optimismus in Bezug auf Geduld und Interesse der potenziellen Leserschaft. Richard Fortrey, Paläontologe am National History Museum in London, ist dieses Wagnis eingegangen und hat seinen Lieblingsobjekten damit gewissermaßen ein Denkmal gesetzt. In einem flüssigen und gut lesbaren Stil beschreibt Fortrey die Historie sowohl der Trilobiten als auch der mit ihnen befassten Forschung, schildert detailliert jede anatomische Einzelheit dieser gar nicht so homogenen Spezies und richtet sein Augenmerk immer wieder auf die Umwelt - der Leser wird zum Zeugen von Kontinentalverschiebungen, Klimaänderungen und anderen geophysikalischen Ereignissen. Es ist gleichsam eine Wanderung durch das gesamte Erdaltertum, in dem die Trilobiten im wahrsten Sinne des Wortes die "Leitfossilien" spielen.
Erwartungsgemäß taucht auch hier eine Dosis Evolutionsphilosophie im Sinne von Stephen Jay Gould auf. Danach ist jede biologische Entwicklung ein rein willkürliches Geschehen, bestimmt durch die Würfel des Zufalls. Evolution bedeutet keinen Fortschritt im Sinne von Höherentwicklung, sondern nur eine "Veränderung auf gleichem Niveau". Diese Anschauung ist in angelsächsischen Paläontologenkreisen fast schon zum Dogma geworden (aber wie jedes dogmatische Gedankengebäude auch stets vom Einsturz bedroht).
Dies alles tut dem Buch jedoch keinen Abbruch. Richard Fortrey ist es dankenswerterweise gelungen, die verwendeten wissenschaftlichen Termini auf ein unverzichtbares Mindestmaß zurückzuschrauben und den relativ trockenen Stoff mit diversen Kunstgriffen und anekdotischem Material immer wieder aufzulockern. Trotzdem liest sich das Ganze nicht wie von selbst. Man muss schon ein klein wenig Enthusiasmus aufbringen, um in Begleitung einer Schar eigenartiger Krebstiere eine Reise durch die Zeit zu unternehmen. Leider hat der Verlag darauf verzichtet, englische Zitate und Gedichte ins Deutsche zu übersetzen (etwa nach dem Motto: Wer so etwas liest, braucht keine Übersetzung). Dafür ist das Werk ansprechend bebildert (natürlich hauptsächlich mit Trilobiten) und im Wesentlichen auch gut lektoriert.