Dies ist das nach Himmel und Hölle nun der elfte Erzählband, der 1932 geborenen kanadischen Autorin. Sehr viele ihrer Kollegen halten sie für die beste nordamerikanische Schriftstellerin. Bei uns wird sie kaum gelesen. So ist und bleibt sie immer noch der absolute Geheimtipp. Den Fischer Verlag muss man loben, weil er trotzdem viel Geld für die Lizenzen gezahlt hat, sehr viel Geld auch für eine hervorragende Übersetzung. Diese Erzählerin ist eine echte Entdeckung. Die Geschichten die sie erzählt sind sehr komplex, voll mit kleinsten Details, die aber im Leben der beschrieben Personen Entscheidendes bewirken können. Die Erzählerin ist eine wahre Connaiseuse ihrer Umwelt.
Sie lebt in einem kleinen Kaff in Ontario, hat ihr gesamtes Personal, für alle ihre Geschichten, aus diesem kleinen Dorf bezogen. Es sind Menschen, vornehmlich Frauen und Mädchen, die keine großartigen Karrieren machen, die kleine, unscheinbare Leben leben.
Auch in ihrem neuen Buch Tricks ist in den acht Erzählungen viel von Wunden, Tod, Bedrohung, Sehnsucht und Leid die Rede. Wenig endet glücklich. Die Erzählerin betrachtet die menschlichen Unzulänglichkeiten mit kritischem Auge. Eigentlich haben die Geschichten kein gemeinsames Dach, kein gemeinsames Thema, keinen Plot den man neunzig Minuten erzählen kann aber sie sind durch die Art, wie sie erzählt werden miteinander verbunden. Alice Munro beobachtet dabei sehr gekonnt die ehelichen Gefühlshaushalte. Und was mich so unendlich fasziniert ist, dass diese kleinen Leben eine unglaubliche Größe entwickeln. Es sind Geschichten die man immer wieder lesen kann, sie sind endlos in ihrem Reichtum durch ihre vielseitigen Verästelungen.
Diese Geschichten sind schon sehr raffiniert ausgerollt. Es gibt überhaupt keine psychologischen Kommentare von Alice Munro zur Person. Die Personen werden quasi nur durch Handlungen und Entscheidungen charakterisiert. Es wird nicht erklärt, es wird simpel konstatiert.
Sie erzählt einfach in ein Leben hinein, man weiß zunächst gar nicht wo die Reise hingeht. Sie hält die bedeutenden Dinge bewusst klein. Und wenn man nach der Lektüre von einigen Seiten denkt, das war die Geschichte, dann plötzlich kommt eine Wendung und diese Wendung erfolgt dann auch noch aus der Logik heraus. Sie schreibt so, wie sich uns eine russische Puppe darstellt. Immer erscheint wieder einen neue Puppe, immer wieder tut sich bei der Autorin eine neue Geschichte auf, die viele unterschiedliche Facetten und Schichten entwickeln.
Und irgendwie, obwohl es immer wieder niederschlagende, tragische, melancholische Erzählungen verheirateter Menschen sind, die ihre Geheimnisse doch in irgendeiner Form bewahren, am Ende erscheint alles wie ein Loblied auf die Ehe.
Alice Munro ist eine Dialogschreiberin, denn viele ihrer Texte bestehen aus wörtlicher Rede, und sie macht es großartig geschickt, dass die Grenze zwischen dem, was sie sagt und dem, was die Personen ihrer Geschichten sagen, gleitend ist.
In ihren Geschichten zeigt sie, im psychologischen, ohne zu erklären, die Psychologie. Ihre Geschichten sind raffiniert konstruiert. Diese Erzählerin kann derartig rasant erzählen, das geschieht mit einer Meisterschaft, die hinreißend und zugleich zu tiefst irritierend ist.
Ich empfehle dieses Buch mit Nachdruck und Leidenschaft aus vielen Gründen.