Hut ab vor den Autoren - selten ein so leicht verständliches Buch zu einem so komplexen Thema gelesen! Die Inhalte sind überzeugend dargelegt und bieten viele Anstöße, um sich eigene Gedanken zum Thema Alternativmedizin zu machen. Insgesamt eine durch und durch empfehlenswerte Lektüre, durch die sicher keiner der Leserinnen und Leser dümmer wird; allerdings ist das Buch starker Tobak für alle, die auf die Wirkung von Akupunktur, Homöopathie und anderer alternativer Therapien vertrauen, deren Wirksamkeit - über einen Placebo-Effekt hinaus - im Buch in Zweifel gezogen wird.
Ganz klar muss gesagt werden, dass die Autoren nicht alle alternativen Therapien der Wirkungslosigkeit bezichtigen; so wird - unter anderem - der klassischen Massage, der Meditation, autogenem Training, der Osteopathie und bestimmten Heilkräutern eine nachweisbare Wirkung für bestimmte Beschwerden attestiert. Auch wird, obwohl die Autoren für die Akupunktur keine sicher belegbare Wirksamkeit finden, die traditionelle chinesische Medizin genauso wenig wie die ayurvedische Medizin in Bausch und Bogen verdammt.
Wunderbar sind auch die sozialhistorischen Herleitungen, die gut erklären, auf welchen gesellschaftlichen Hintergründen Behandlungsmethoden entstanden oder auch wieder in Mode kamen.
An zwei Punkten ist jedoch auch Kritik angebracht: Der Begriff der evidenzbasierten Medizin wird von den Autoren etwas willkürlich benutzt; er bezeichnet im engeren Sinne eigentlich eine medizinwissenschaftliche Richtung, die seit Anfang der 90-er existiert und also noch keine zwanzig Jahre alt ist. Die Autoren meinen jedoch, wenn sie die Fortschritte in der Heilbehandlung allein der evidenzbasierten Medizin zuschreiben, alle durch wissenschaftliche Studien zustande gekommenen belastbaren Erkenntnisse der Medizingeschichte, so etwa auch die Entdeckung der richtigen Therapie für Skorbut durch den Schiffsarzt Thomas Lind im Jahre 1754. Diese sprachliche Unschärfe hinsichtlich der Verwendung des Begriffs "evidenzbasierte Medizin" hat schon zu Angriffen auf das Buch geführt, die die Autoren bei genauerer Definition hätten vermeiden können.
Zum zweiten halte ich es für unnötig, das die Autoren die "Wahrheit" für sich reklamieren - sogar in den Titeln der einzelnen Kapitel ist von der "Wahrheit über ..." die Rede. Das ist kontraproduktiv und missverständlich, denn so engstirnig sind die Autoren gar nicht, wie sich bei genauerer Lektüre zeigt. Genau genommen ist die vom Buch proklamierte "Wahrheit" eine Momentaufnahme des jetzigen Forschungsstandes, nach klar definierten Kriterien aus einer klar definierten Perspektive ausgewertet. Sie wäre nicht weniger wertvoll, wenn sie auch nur als solche bezeichnet würde. Offenbar trieb die Autoren aber das Bedürfnis, die Sachverhalte unmissverständlich und klar zu benennen, wobei sie meines Erachtens etwas übers Ziel hinausgeschossen sind. Dennoch: 5 Sterne für ein absolut beispielhaftes und lohnenswertes Sachbuch!