"Wo man einen Sudanesen hinstellte, da blieb er stehen, bis ein Gegenbefehl kam."
(Paul Reichard, 1854 - 1938, Afrikaforscher)
In dem September 2007 erschienenen Band 7 der Reihe "Schlaglichter der Kolonialgeschichte" entmystifiziert Marianne Bechthaus-Gerst die Geschichte des deutschen Kolonialismus in Afrika. Die Lebensgeschichte des Askari Bayume "Majub" Mohamed Hussein, eingedeutschter Familienname Husen (22.02.1914 - 29.09.1941) dient hierbei exemplarisch als roter Faden in einem gesamthistorischen Kontext.
1889 lässt sich der Vater Majubs Adam Mohamed von Hermann v. Wissmann als Söldner für dessen Feldzug in das spätere Deutsch-Ostafrika anwerben. Als Rechtfertigung für die Inbesitznahme der Schutzgebiete dienten offiziell humanitäre Gründen, wie Kampf gegen die Sklaverei. Die angeworbenen Söldner stammten aus anglo-ägyptischen Armee, die gegen die Truppen des "Mahdi" gekämpft hatte. Als Stammesangehörige der Shilluk und Dinka wurden sie auch als Nubian Trupe oder Wanubi, d. h. nichtarabische, sudanesische Moslems, bezeichnet. Neben Zulus, Somalis und sog. Kissuahili werden sie 1891 in die deutsch-ostafrikanische Schutztruppe überführt.....
.....noch keine zehn Lebensjahre alt, wurde Majub neben seinem Vater zu einem Kindersoldaten. Der wesentlichste Grund der Kinder für die Beteiligung am Krieg war die schlichte Tatsache, dass dieser herrschte. Aus purer Not ließen sich diese Watoto bei nicht ungefährlichen Aktionen, wie dem Posttransport und dem Heliographieren einsetzen. Mit der Schlacht von Mahiwa (15. - 18 Oktober 1917) bei der ihn eine Kugel in den Oberschenkel traf war der Krieg für den 13jährigen beendet. Nachdem er 1927 auf Schiffen der Deutschen Ostafrika Linie als Kellner angeheuert hatte, fand er im April 1929 eine Anstellung im Restaurationsbetrieb "Haus Vaterland" in Berlin. Nebenbei war er als Lehrer und Sprachinformant für Kisuaheli an der Berliner UNI Seminar für orientalische Sprachen tätig. Trotz seiner Verdienste wurde Majub das Frontkämpfer-Kreuz vorenthalten. Majubs Leben war nun geprägt durch sein "Askaritum". Er beteiligte sich an mehreren Völker- und Afrikaschauen, die zuerst privat organisiert, schließlich durch ein Zusammenwirken der "Deutschen Gesellschaft für Eingeborenenkunde", der "Deutschen Arbeitsfront - Fachgruppe Ambulantes Gewerbe", dem Auswärtigen Amt, dem "Kolonialpolitischen Amt der NSDAP" und dem "Reichssicherungshauptamt" durchgeführt wurden. Obwohl seit Sommer 1940 ein Auftrittsverbot für Schwarze verhängt wurde, spielte Majub in einer Reihe von Filmen, wie "Carl Peters" mit Hans Albers in der Titelrolle, mit. Finanziell stets Klamm, mit einem Berg Schulden, nagten seine deutsche Ehefrau und die Kinder am Hungertuch. Daneben hatte Majub zahlreiche Amouren aus den uneheliche Kinder hervorgingen. Als gegen ihn, nach einer Denunziation bei der Gestapo kein Strafverfahren wegen "Rassenschande" eingeleitet werden konnte, wurde er am 27.09.1941 in "Schutzhaft" genommen, wo er drei Jahre später starb. Hinweise für die Todesursache gibt es nicht.
Der Mythos
Paul von Lettow Vorbeck wurde im Oktober 1913 zum Kommandeur der Schutztruppe ion Deutsch-Ostafrika ernannt. Durch seine rigorose Kriegsführung während des "Boxeraufstandes" hatte er sich bereits einen Namen gemacht. Der Angriff der Briten auf Deutsch-Ostafrika stellte einen Bruch der "Kongo-Akte" dar, nach der im Falle eines europäischen Krieges die Neutralität der afrikanischen Kolonien vereinbart worden war. Anfang November 1914 gelang es 1100 deutschen Soldaten und Askari in der Schlacht bei Tanga 8000 britische Briten zurückzuschlagen. Erst 14 Tage nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes im Wald von Compiègne (25.11.1918) und Order aus Berlin ließ der ungeschlagene Generalmajor Lettow-Vorbeck die Waffen sinken. Am 2. März 1919 zog er in einem Triumphzug durch das Brandenburger Tor und suggerierte, dass im Krieg doch nicht alles verloren worden sei.
Die historische Realität
Die Waffenkameradschaft afrikanischer und deutscher Soldaten sollte ein wichtiges Element im kolonialrevanchistischen Diskurs darstellen. Zur Wiedererlangung der Kolonien wurde der "Mythos des treuen Askari" mit perfekter soldatischer Einstellung wurde der angeblichen Kolonialschuldlüge des Versailler Vertrages entgegengesetzt. Tatsächlich sah der "Vater der Askari", Lettow-Vorbeck, seine afrikanischen Soldaten als abstrakte Größe und Kanonenfutter an. Ihm lag es fern, sie als Individuen zu betrachten, die zudem noch was einzufordern wagten, was er 1953 nach einem Besuch in Tanganyika durch seine Wortwahl "Wollköpfe" und "Mohren" dokumentierte. Bis zu 500.000 Menschen waren direkt oder indirekt der Kriegsführung Lettow-Vorbecks zum Opfer gefallen. Dennoch sollte er zu einer Leitfigur der damals noch jungen Bundeswehr werden, die sogar Kasernen nach ihm benannte.
Die Askari waren einerseits von der Bevölkerung als wild und grausam gefürchtet, andererseits waren sie angesehen und respektiert. Sie standen für die koloniale Gewalt, die sich in Strafexpeditionen, der Strategie der verbrannten Erde und grausamen Massakern offenbarte. Die Afrikaner fürchteten die Askari mehr als die Deutschen selbst. Seit Beginn des Jahres 1917 gab es Hunderte von Fahnenflüchtigen unter den Askari, die am Ende nur noch 1200 Getreue zählen konnten.
Eingedeutschte Afrikaner und ihre gebürtigen deutschen Ehefrauen verloren ihre Pässe und wurden zu Staatenlosen gemacht. Einerseits waren Afrikaner und Schwarze Deutsche vom NS-Rassestaat als "artfremd" deklariert worden und waren daher vom "Eheverbot" betroffen. Sie mussten ein Ehetauglichkeitszeugnis herbeibringen, das mit erniedrigenden Untersuchungen und der Willkür der Untersuchenden verbunden war. Andererseits wollte man sie für die koloniale Sache instrumentalisieren und jedes diskriminierende Verhalten von deutscher Seite vermeiden, da sich dieses nach einer Rückgewinnung der Kolonien negativ auf das deutsch-afrikanische Verhältnis auswirken könnte. Der Entzug der Ausweise und die Aushändigung von Fremdenpässen bedeuteten erste Schritte in Richtung Ausgrenzung aus dem '"Volkskörper". Unter besondere Kennzeichen wurde "Neger" eingetragen. Aus diesem Zwiespalt heraus konstruierten der öffentlichen Stellen den "guten" Afrikaner der aus den ehemaligen Kolonien stammte und im Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite gekämpft hat. "Verdiente Kolonialneger" wurden nicht wie andere Menschen schwarzer Hautfarbe, z. B. die Nachkommen französischer Besatzungssoldaten und deutscher Mütter (sog. "Rheinbastarde") zwangssterilisiert. Kolonialpolitisches und Auswärtiges Amt waren häufig gefragt, wenn es um die Abwägung kolonial- und außenpolitischer Interessen gegenüber rassenpolitisch begründete Maßnahmen ging. Die wiederholte Überschreitung von Rassenschranken in afrikanisch-deutschen Beziehungen und die unbedingt zu verhindernde rassische Vermischung wurden im NS-Staat zu einem Horrorszenario stilisiert. Die ambivalente Haltung gegenüber Schwarzen Menschen im NS-Staat zeigte sich z. B. auch dadurch, dass Horst und Herbert Sabac el Cher trotz ihrer dunklen Hautfarbe in der Wehrmacht "dienen durften", während andere aufgrund von Beschwerden aus der "Hitlerjugend" entfernt wurden. Wenig zimperlich gingen "(Waffen)-SS" und "Wehrmacht" hingegen afrofranzösischen Kriegsgefangenen um. Danach bestand auch keine Veranlassung mehr, die Afrikaner, sowie andere Schwarze vor den allgemeinen Verfolgungsmaßnahmen auszunehmen. Massaker waren an der Tagesordnung, wenn deutsche Offizier den Befehl gaben, alle 'Neger' bei der Gefangennahme zu liquidieren. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 verloren die kolonialen Ambitionen des NS-Regimes jedoch radikal an Bedeutung, bis solche Pläne angesichts der Unmöglichkeit eines schnellen Sieges im Osten ganz aufgegeben werden mussten...
Ein Anhang mit Anmerkungen/Fussnoten, Abkürzungen, einem 10seitigen Quellen- und Literaturverzeichnis, sowie ein Register geographischer Namen und ein Personenregister runden die wissenschaftliche Arbeit der Professorin für Afrikanistik an der Universität zu Köln ab. Gleichermaßen beeindruckend und beklemmend sind die zahlreichen Schwarzweiß-Fotos, u. a. ein Bild von 1937, auf dem ein Afrikaner in Askari-Uniform mit einer Swastika-Armbinde, dem weißen Publikum die Exponate erklärt. Als Zeitdokument leistet "Treu bis in den Tod" einen gewichtigen Beitrag gegen das Vergessen der afrikanischen und anderen schwarzen Opfer von Kolonialismus und Rassismus.
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