Dass ein solcher Satz Wolfgang Koeppen in der Bundesrepublik von 1953 nicht gerade viele Freunde brachte, kann man verstehen. Und trotzdem findet man diesen Satz im Roman "Das Treibhaus". Dazu muss man noch wissen, dass das Erscheinen des Romans in die Zeit der Dikussion um die deutsche Wiederbewaffnung bzw. um den Eintritt des Bundesrepublik in die NATO fiel. Der Rede kurzer Sinn: Den herrschenden Machteliten, die meist ohne größére Probleme den Übergang vom Nazistaat in die Demokratie bewerkstelligt hatten, passte der Roman gar nicht ins Konzept. Man tat sich noch leichter bei der Ablehnung, weil der Roman - auch von Schriftstellerkollegen - vielfach "verrissen" wurde: Man warf Koeppen u.a. vor, er hätte sich zu sehr an Döblin, Joyce oder dos Passos angelehnt. Ein großer Meister warf sich allerdings - trotz gewisser Einschränkungen - für den Roman in die Bresche: Marcel Reich-Ranicki.
Das Buch ist ein "Roman des Scheiterns". Dem sensiblen und depressiven SPD-Abgeordneten Keetenheuve, der die Nazizeit in den westlichen Demokratien überlebt hatte, gelingt es nicht, seine Ideen in der eigenen Fraktion, geschweige denn bei der Regierung durchzubringen.. Er, der Emigrant, der Intellektuelle, scheitert am Pragmatismus der neuen alten Eliten, ganz egal, auf welcher Seite sie stehen. Dass er auch privat scheitert - seine um vieles jüngere Frau Elke verträgt das Alleinsein nicht, während ihr Mann in Bonn ist, und stirbt am Alkohol - rundet die Tragik Keetenheuves nur ab. Er bleibt einfach "ein Ausländer des Gefühls".
Koeppen hat ein Buch geschrieben, das sich einem oberflächlichen Lesen entzieht. Er schreibt - für 1953 - sehr modern; er bringt viele Gedanken, die sehr modern wirken - z.B.: "Die Wahrheit ist oft nur eine Frage der Aufmachung." Oder: "Der deutsche General war für Keetenheuve ein Krebs des deutschen Volkes." Oder: "..Viele zogen willig in den Krieg, weil sie den Alltag haßten...weil der Krieg..auch Flucht und Befreiung war, die Möglichkeit des Reisens..."
Der Roman wurde vielfach auch als "Schlüsselroman" gesehen ("der Kanzler" = Adenauer; "Knurrewahn" = Kurt Schumacher) - und trotzdem (oder auch deswegen) fasziniert seine Lektüre noch immer (oder wieder).