Über die Liebe zu schreiben bedeutet, die x-te Variation des Allzubekannten zu versuchen, es ist ganz schön schwer, der abgebrühten Leserschaft bei der Lektüre diesen gewissen Glanz in die Augen und diese wehmütige Gefühl ins Herz zu zaubern. Die meisten Worte sind einfach zu abgenutzt, zu trivial, um noch irgendeine Reaktion hervorzurufen. Iris Hanika schafft es, diese Klippe zu umschiffen - in einem Sprachmix, in dem sich das Triviale und das Originelle, Pathos und Spott auf engstem Raum mischen.
Sie erzählt keine Geschichte, malt keine Stimmungsbilder, blendet auch nicht durch die Extravaganz der beschriebenen Beziehung. Hier ist, von den äußeren Fakten her, alles ganz gewöhnlich - sehr zum Leidwesen der neurotischen Hauptfiguren. Mit analytischer Akribie werden die zögerlichen Liebenden wie unter Laborbedingungen betrachtet, ihr Gefühlswirrwar seziert. Da werden Gefühle, Gegengefühle, Unter- und Paragefühle nebeneinandergestellt, werden all die Zweifel, der Argwohn, der Selbsthass, die Hilflosigkeit und die blinde Begeisterung die die sich zierenden Figuren (vor allem aber die deutlich komplexer gezeichnete Frau)in permanentem Wechsel heimsuchen, sorgfältig ausgebreitet.
Der Erzählton ist meist kühl, oft spöttisch und gelegentlich auf rührende Weise naiv, kindlich, intuitiv, auch wenn es dem Leser mal etwas peinlich werden mag. Der Text erzeugt keinen Sog, und wenn, zerstört die Autorin ihn sofort durch heterogene Einschübe, Exkurse, Aufzeichnungen. Aber gerade mit dieser artifiziellen, eher unromantischen Form schafft sie es, den dicken Panzer der Lesegewohnheiten zu durchbrechen und dem eigentlich Unbenennbaren noch einmal eine neue, individuelle und in sich stimmige Form zu geben.
Ein tolles Buch, sehr empfehlenswert, eines der besten bislang in diesem Jahr. Einzige Einschränkung: Gerade am Anfang übertreibt sie es ein wenig mit ihrer üppigen Metaphorik. Das klingt dann schon mal platt oder gekünstelt. Einen halben Stern würde ich dafür höchstens abziehen, deshalb trotzdem Höchstwertung für ein ambitioniertes, ein gewagtes und über weite Strecken sehr gelungenes Buch über die Liebe unter neurotischen Großstadtsingles.