Okay. Das hier ist anders. "Unwanted!" So beginnt "Travels", das Debutalbum der Bostoner Hardcore-Band Defeater. Ein Schrei. Eine Aussage. Die tragische Geschichte des Titelhelden auf ein Wort gebracht. Denn so einiges, was ihm in den nächsten Jahren (respektive Minuten) wiederfahren wird, geschieht ungewollt. Aber Moment. Boston Hardcore? Zwar haben Have Heart mit ihrem letztjährigen "Songs to Scream at the Sun" auch so eine Art Konzeptalbum veröffentlicht, aber die Konsequenz mit der hier eine Geschichte erzählt wird anstatt Parolen zu schmettern, ist für diese Musikrichtung extrem ungewöhnlich und verdient Aufmerksamkeit.
Worum geht es also? Im wesentlichen um den Lebens- und Leidensweg eines Menschen, der Mitte des 20. Jahrhunderts in kaputte Familienverhältnisse mit einem trinkenden und prügelten Vater und einer drogensüchtigen Mutter geboren wird. Wie sehr diese Umstände, der Hass auf seinen Vater und letztendlich auch sein Bruder Einfluss auf sein Leben haben werden, das erzählt das Album und liefert gleich den passenden Soundtrack dazu. Dieser bewegt sich weit ab vom Gewohnheitscore und ist am ehesten irgendwo zwischen Modern Life Is War und Killing The Dream einzuordnen. Vor allem weil es wie bei ersteren selten klare Songstrukturen mit Refrains oder ähnlichem gibt. Hier werden 11 kleine Kunstwerke gebaut, für Wiederholungen ist da kein Platz. Schließlich muss die Musik auch das bewegte Leben des Antihelden widerspiegeln.
Wenn im brutalen und für den Protagonisten schicksalshaften "Forgiver Forgetter" Schreie und Schläge zwischen Vater und Sohn ausgeteilt werden, passen sich Gesang und Musik derart mitreißend der Handlung an, dass kein Film der Welt die Situation besser einfangen könnte. Und Defeater schaffen es, dieses unglaublich hohe Niveau der musikalischen Erzählweise über die komplette Albumlänge zu halten. Wenn die Hauptfigur den "Prophet in Plain Clothes" singen hört, dann ist eben Pause mit dem Geschrei zu Gunsten einer Folk-Einlage. Und das zwiespältige Verhältnis zum Glauben könnte nicht besser als durch ein geschriehenes "Swing low, swing low, chariot for me!" ausgedrückt werden.
Wo also sonst im Hardcore politische Statements vorherrschen, gibt es hier großes Geschichtenerzählen. Dennoch verliert sich "Travels" nicht völlig fiktiv in seiner eigenen Welt. Allein das geflehte "Please save me" in "Blessed Burden" sollte jedem Hörer zeigen, was von Gewalt in Beziehungen zu halten ist. Auch der Rest des Albums ist alles andere als leichte Kost. So bleibt dann auch ein Kloß im Hals zurück, wenn das Album endet, wie es begonnen hat. "Unwanted!" - Das gilt nicht für "Travels", denn von derart großartiger Musik (ich wage es hier durchaus von einem Meilenstein zu sprechen) kann man sich nur mehr wünschen.