23 Jahre nach der ersten deutschen Traveller-Version aus dem Hause FanPro kommt das weltweit erste große SF-Rollenspiel in deutscher Sprache zurück.
Die neue deutsche Auflage ist recht ansprechend gemacht, gut fällt das übersichtliche Layout auf.
In Sachen grafischer Präsentation ist sie allerdings etwas vom heutigen Standart entfernt und lässt des öfteren Erinnerungen an die alten Traveller-Spielern wohlbekannten GDW Bleiwüsten aufleben: viel Text, wenig Bilder, und die Bilder schwanken in ihrer Qualität zwischen sehr gut und indiskutabel mies.
Auch ansonsten regiert die seit den 70ern gewohnte Traveller-Optik, diesmal aber als Hardcover: schwarzes Buch, roter Streifen, aus.
Ob das so sein muss sei dahingestellt - die schlichte Optik liegt sicherlich auch daran, dass hier ein kleiner Verlag hinter der Edition steht.
Inhaltlich hat sich Traveller im Vergleich zu damals primär in den Details etwas geändert, wer z.B. die alte Fanpro-Ausgabe kennt wird das Gefühl haben das Allermeiste bereits gelesen zu haben.
Ich denke, man hat die Regeln jetzt einfach ein bisschen kondensiert und etwas klarer geschrieben - was, bis auf einige mitunter sehr offensichtliche (und ärgerliche) Übersetzungsfehler, recht gut und übersichtlich gelungen ist.
Das System erscheint mir wie eine behutsam überarbeitete Version des klassischen Traveller von 1977 - hierbei sei gleich gesagt, dass sich Rollenspielsysteme seit dem massiv weiterentwickelt haben und dieses System womöglich zu seiner Zeit progressiv war, heutzutage aber eher befremdlich wirken mag.
Auch Traveller hatte ja einige Regelinkarnationen, diese hier kommt der ursprüngliche Version nahe.
Inhaltlich ist es übersichtlich aufbereitet, wer eine Regel sucht wird schnell fündig. Die Kehrseite ist, dass es inhaltlich ebenso dünn ist. Das Problem dieser Auflage ist ironischerweise exakt das Selbe wie seinerzeit in der FanPro Ausgabe: der gigantisch große Traveller Hintergrund wird im Endeffekt kaum angesprochen.
Blöderweise lebt Traveller von seinen seit über 30 Jahren konstant gewachsenen Hintergründen, sei es die klassische Ära, die Ära der Rebellion, Milieu 0 oder auch New Era.
Daher: Traveller bietet mindestens (!) 4 völlig unterschiedliche Hintergründe, ganz zu schweigen von zahllosen Variationen! Sollte dann bei einem SF-RPG der Hintergrund nicht mehr gewürdigt werden?
Den Machern muss doch auch klar gewesen sein, das gerade SF-Hintergründe viel differenzierter sind als generische Fantasy... und nebenbei: die öchzigste Neuauflage der alten Traveller-Grundregeln braucht im Grunde genommen kein Mensch.
Sicherlich, alten Hasen ist Traveller und sein Hintergrund bekannt, aber angenommen, ich hätte keinen Schimmer von Traveller, mit diesem Regelbuch wäre ich auch nicht schlauer.
Ich hätte eher das Gefühl mein Geld für ein schlicht layoutetes Buch mit mäßigem Regelsystem auszugeben, welchem man seine 30 Jahren alten Wurzeln sofort und deutlich (!) anmerkt.
Traveller ist ohne Frage der große alte Herr unter den SF-Hintergründen, und auch wenn es mittlerweile viele andere etablierte Hintergründe gibt, das Traveller- Universum ist und bleibt ein Fall für sich. Für den einen mag es altbacken und behäbig wirken, für den anderen ein völliger Klassiker mit selten erreichter Detailtiefe sein. Eines wird aber niemand abstreiten: Traveller lebt wie eigentlich jedes RPG vom Hintergrund, nicht von den Regeln.
Inwieweit man Traveller als generisches SF-Rollenspiel verwenden kann ist auch ein Fall für sich: klar, Traveller war 1977 als solches konzipiert, wuchs aber zu einem der größten Hintergründe der RPG-Welt.
Außerdem ist vieles, was man in den Traveller-Regeln findet, sehr auf diesen Hintergrund zugeschnitten: Traveller spielt in einem sehr anthropozentrischen Milieu mit relativ langen Reisezeiten (daher der Name), keinem überlichtschnellen Funk, keine Teleporter, und für Sf-Verhältnisse eher bodenständiger Technik mit wenig Mystizismus.
Diese eher bodenständige 70er Jahre Hard-SF-Schlagseite spiegelt sich in den Regeln und den im Regelbuch angebotenen Informationen wieder. Wer also denkt, mit Traveller generisch SF-Abenteuer spielen zu können wird irritiert sein und tendenziell wenig auf seine Kosten kommen.
Bevor man mich nach dieser Rezension falsch versteht: ich finde die neue Ausgabe nicht schlecht - ich weis allerdings nicht, wem ich sie wirklich empfehlen kann.
Wer Traveller schon kennt wird das 6 oder 7sten Mal die gleichen Passagen kaufen und lesen (wie zuvor schon in Classic Traveller, Traveller Fanpro, Mega Traveller, Marc Miller's Traveller, Traveller 4, mit Abstrichen auch Gurps Traveller, Traveller D20 und Traveller: the new era) und wenig bis nichts Neues finden.
Wer Traveller nun nicht kennt wird es nach Lektüre und Erwerb dieser Auflage vermutlich auch nicht schlauer sein und sich ein wenig wundern, wovon Spieler seit 30 Jahren reden.
Alles in allem reißt mich die neue deutsche Version nicht zu Jubelstürmen hin, sie ist aber OK. Für Eigentümer einer oder mehrere Voreditionen definitiv verzichtbar, für Neueinsteiger eine mögliche Investition.
Insgesamt also eine durchschnittliche Bewertung - das Produkt ist in Ordnung, der Käufer kriegt für sein Geld einen fairen Gegenwert, nicht mehr und nicht weniger.
Einfach Mittelmaß...