Aus der Amazon.de-Redaktion
Nach eigener Aussage zählt John Twelve Hawks George Orwell zu seinen Lieblingsautoren. Das ist kein Wunder, auch wenn er nicht 1984, sondern die Essays des britischen Autors als vorbildlich für das eigene Schreiben nennt. Tatsächlich aber hat Hawks die negative Utopie eines totalen Überwachungsstaats geschrieben, die so wirkt, als habe Orwell seinen Klassiker nach dem Kino-Besuch von Matrix entstaubt und nach den neuesten technischen Erkenntnissen (und Visionen) aufgemotzt. Und das ist Hawks in der Nachfolge Orwells auf ausgesprochen spannende Art und Weise auch gut gelungen. Eine Verfilmung ist durch den Verkauf der Rechte schon in greifbare Nähe gerückt. Aber besser sollte man das Buch lesen. Denn die Bilder im Kopf, die es erzeugt, kann kein Regisseur auf Leinwand bannen.
Im Traveller gibt es noch eine Chance, sich der absoluten Kontrolle zu entziehen: Gabriel Corrigan, einer der Helden des Romans, lebt außerhalb des so genannten Rasters -- eine Lebensweise, die auch Hawks nach eigenem Bekunden bevorzugt. Ich möchte, dass sich die Öffentlichkeit auf das Buch selbst konzentriert und nicht auf mich, erläuterte er in einem Interview seinen Wunsch nach einem zurückgezogenen Leben. Dass ein Mensch, der einen so hellsichtigen Roman geschrieben hat, hinsichtlich der Mechanismen des Buchmarkts so naiv sein soll, will man kaum glauben. So oder so: Traveller fällt durch (fast) jedes Raster. Ein unglaublich raffinierter, in seinen Phantasien denkbar präzises Buch. Die Presse wird Hawks keine Ruhe lassen. --Stefan Kellerer
kulturnews.de
Pressestimmen
"John Twelve Hawks gelingt mit 'Traveler' ein Thriller, der, durch die Tatsache, dass der Autor selbst zurückgezogen wie ein Traveler lebt, noch an Authentizität gewinnt." (in - Das Starmagazin )
Kurzbeschreibung
Die weltweite Konspiration einer geheimen Bruderschaft bedroht die Menschheit und nur einige wenige Menschen können das infame Komplott noch stoppen.
Jede Bewegung wird gefilmt, jedes Telefonat abgehört, jede Spur im Internet verfolgt, jeder Einkauf registriert – mit Hilfe eines Systems der totalen Überwachung versucht eine geheime Bruderschaft die Herrschaft über die Welt zu gewinnen. Nur wenige Menschen, Traveler genannt, vermögen die Pläne der Bruderschaft noch zu durchkreuzen. Denn die Traveler haben die außergewöhnliche Gabe, in andere Sphären zu reisen. Und sie stellen sich seit jeher schon jedem Versuch entgegen, die Selbstbestimmung und Freiheit der Menschen zu zerstören.
Die Brüder Michael und Gabriel Corrigan sind, ohne es zu wissen, die letzten Nachkommen der Traveler. Von den Schergen der Bruderschaft gejagt, scheinen sie kaum eine Chance zu haben, deren Machtergreifung noch zu verhindern. Wäre da nicht Maya, die Nachfahrin einer Kriegerkaste, die ihr Leben dem Schwertkampf und dem Schutz der Traveler geweiht hat. Es liegt allein in ihrer Hand, die letzten Traveler vor den Nachstellungen der Bruderschaft zu retten, bevor die Freiheit den Menschen für immer verloren geht.
»Ich habe den Roman „Traveler“ geschrieben, um unsere heutige Welt zu verstehen. Jeden Tag werden wir auf dem Weg zur Arbeit von hunderten Kameras gefilmt, die es ermöglichen, uns zu identifizieren und zu überwachen. Telefonanrufe und E-Mails werden routinemäßig gescannt. Die heutige Technologie erlaubt es, von jedem von uns die persönliche Krankheitsgeschichte, die Namen unserer Freunde und die Titel der von uns ausgeliehenen Bücher herauszufinden.
Ich entwerfe keine Zukunftsvision. Dies ist unser Leben – hier und heute. Mit meinem Roman versuche ich, durch die Macht der Fiktion die versteckte Wahrheit über unsere Welt zu enthüllen.
In „Traveler“ riskiert eine kleine Gruppe von Menschen alles für Aufklärung und Freiheit. Sie glaubt an die Kraft des Einzelnen und den Geist, der uns beseelt. Ich habe „Traveler“ geschrieben, weil ich immer noch an das Ehrgefühl glaube. Und an die Tapferkeit. Und an die Liebe.
Ich lebe außerhalb des Rasters. Wer ich bin, und was ich gemacht habe, spielt keine Rolle. Mein Name ist John Twelve Hawks. Der Traveler spricht für mich.«
Klappentext
News
"John Twelve Hawks gelingt mit 'Traveler' ein Thriller, der, durch die Tatsache, dass der Autor selbst zurückgezogen wie ein Traveler lebt, noch an Authentizität gewinnt."
in - Das Starmagazin
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
RITTER, TOD UND TEUFEL
Als Maya zusammen mit ihrem Vater zum Ausgang des U-Bahnhofs ging, nahm sie seine Hand. Ausnahmsweise schob Thorn ihre Hand nicht weg und sagte ihr auch nicht, sie solle sich auf ihre Körperhaltung konzentrieren. Stattdessen führte er sie lächelnd eine schmale Treppe hinauf, die an einem langen, ansteigenden Tunnel mit weiß gekachelten Wänden endete. Die U-Bahn-Verwaltung hatte auf einer Seite des Tunnels Metallstangen anbringen lassen, und durch diese Begrenzung wirkte der ansonsten völlig normale Gang, als wäre er Teil eines riesigen Gefängnisses. Wäre Maya allein gewesen, hätte sie sich eingesperrt und unbehaglich gefühlt, aber sie brauchte sich keine Sorgen zu machen, denn Vater war bei ihr.
Heute ist der schönste Tag meines Lebens, dachte sie. Na ja, wahrscheinlich der zweitschönste. Sie erinnerte sich noch gut daran, dass Vater vor zwei Jahren, nachdem er sich weder an ihrem Geburtstag noch an Heiligabend gemeldet hatte, am zweiten Weihnachtsfeiertag in einem Taxi vorgefahren war, beladen mit Geschenken für Maya und ihre Mutter. Jener Vormittag war von Fröhlichkeit und vielen Überraschungen geprägt gewesen, aber dieser Samstag versprach ein dauerhafteres Glück. Statt des üblichen Ausflugs zu dem leer stehenden Lagerhaus in der Nähe von Canary Wharf, wo Vater immer mit ihr Kickboxen und den Umgang mit Waffen trainierte, hatten sie den ganzen Tag im Londoner Zoo verbracht, und über jedes der Tiere hatte er ihr Geschichten erzählt. Vater war schon überall auf der Welt gewesen und konnte Paraguay oder Ägypten beschreiben, als wäre er ein einheimischer Touristenführer.
Sie hatten die Blicke der anderen Leute auf sich gezogen, während sie von Käfig zu Käfig geschlendert waren. Die meisten Harlequins bemühten sich, nicht aufzufallen, doch ihr Vater stach zwischen normalen Menschen zwangsläufig hervor. Er war ein Deutscher mit markanter Nase, schulterlangem Haar und dunkelblauen Augen. Thorn trug dunkle Kleidung und ein stählernes Kara-Armband, das aussah wie eine zerbrochene Fessel.
Maya hatte in der Abstellkammer ihrer Wohnung in East London ein ramponiertes Buch über Kunstgeschichte entdeckt. Auf einer der vorderen Seiten des Buches war ein Bild von Albrecht Dürer abgedruckt, das Ritter, Tod und Teufel hieß. Sie schaute sich das Bild oft an, obwohl es sie merkwürdig berührte. Der Ritter in seiner Rüstung glich ihrem Vater: Mutig und gelassen ritt er durch die Berge, neben ihm der Tod mit einem Stundenglas in der Hand und hinter ihm der Teufel, der so tat, als wäre er ein Knappe. Auch Thorn hatte ein Schwert bei sich, aber seines verbarg sich in einer Metallröhre mit ledernem Schultergurt.
Einerseits war sie stolz auf Thorn, aber andererseits war sie seinetwegen auch verlegen und unsicher. Manchmal wünschte sie, sie wäre ein gewöhnliches Mädchen mit einem dicklichen Büroangestellten als Vater – einem zufriedenen Mann, der ihr Eiswaffeln kaufte und blöde Witze erzählte. Das Leben ringsum mit seiner grellbunten Mode, der Popmusik und den Fernsehshows war eine ständige Versuchung. Sie wollte sich in dieses warme Gewässer fallen und von seiner Strömung davontragen lassen. Es war anstrengend, die Tochter von Thorn zu sein, die ständig der Beobachtung durch das System auswich, immer nach Feinden Ausschau hielt und sich vor Angriffen in Acht nehmen musste.
Maya war zwölf und noch nicht kräftig genug, um das Schwert eines Harlequins zu benutzen. Als Ersatz dafür hatte Vater ihr vor dem Verlassen der Wohnung einen Spazierstock aus der Abstellkammer gegeben. Maya hatte Thorns helle Haut und seine ausgeprägten Gesichtszüge, aber das kräftige, schwarze Haar ihrer Mutter, einer Sikh, geerbt. Ihre Augenfarbe war ein so blasses Blau, dass die Iris, aus einem bestimmten Winkel betrachtet, durchsichtig wirkte. Sie fand es furchtbar, wenn irgendwelche Frauen ihrer Mutter gegenüber nett gemeinte Komplimente über Mayas Aussehen machten. Glücklicherweise würde sie in ein paar Jahren alt genug sein, um sich so zu tarnen, dass sie möglichst durchschnittlich aussah.
Maja und Thorn verließen den Zoo und spazierten durch den Regent’s Park. Es war Ende April, junge Männer bolzten auf dem matschigen Rasen, und Paare schoben Kinderwagen, in denen dick eingewickelte Babys lagen. Die ganze Stadt schien unterwegs zu sein, um nach drei Regentagen die Sonne zu genießen. Maya und ihr Vater fuhren mit einer U-Bahn der Piccadilly Line zur Haltestelle Arsenal; es dämmerte bereits, als sie sich dem ebenerdigen Ausgang näherten. Thorn hatte in einem indischen Restaurant in Finsbury Park einen Tisch für ein frühes Abendessen reserviert. Maya hörte aus der Ferne Lärm – Gebrüll und Getröte von Plastiktrompeten – und fragte sich, ob dort ein Demonstrationszug unterwegs war. Dann folgte sie ihrem Vater durch das Drehkreuz und schien sich plötzlich am Rand eines Kriegsschauplatzes zu befinden.
Vom Bürgersteig aus sah sie eine Horde Menschen die Highbury Hill Road entlangmarschieren. Keiner von ihnen trug ein Transparent mit Protestparolen, und Maya begriff, dass gerade eben ein Fußballspiel zu Ende gegangen war. Am Ende der Straße stand das Stadion von Arsenal, und ein Klub mit den Vereinsfarben Blau und Weiß – es handelte sich um Chelsea – war dort zu Gast gewesen. Die Chelsea-Fans kamen aus dem Besuchereingang am Westrand des Stadions und liefen durch die schmale, von Reihenhäusern gesäumte Straße. Es war eigentlich nicht weit bis zum U-Bahnhof, aber jetzt glich die kurze Strecke auf dieser Straße in North London einem Spießrutenlauf. Die Polizei wollte verhindern, dass die Hooligans unter den Arsenal-Fans Prügeleien mit den Anhängern von Chelsea anzettelten.
Uniformierte am Straßenrand. Dazwischen Blauweiß. Rowdys in Rot, die Flaschen schmissen und versuchten, die Polizeikette zu durchbrechen. Unbeteiligte Bürger, die sich unerwartet vor den herannahenden Fans wiederfanden, hasteten zwischen geparkten Autos hindurch und rissen Mülleimer um. Am Bordstein wuchs Weißdorn, und jedes Mal, wenn jemand gegen einen der Büsche gedrückt wurde, zitterten die rosa Blüten. Blütenblätter segelten durch die Luft und fielen auf die wogende Menge.
Der größte Pulk war nur noch etwa hundert Meter vom Eingang des U-Bahnhofs entfernt. Thorn hätte sich nach links wenden und die Gillespie Road hinaufgehen können, aber er blieb auf dem Bürgersteig stehen und betrachtete die Menschen um sich herum. Er lächelte ein wenig, sich seiner Macht voll bewusst, amüsiert angesichts der sinnlosen Gewalt dieser Drohnen. Zusätzlich zu dem Schwert trug er noch mindestens ein Messer bei sich sowie eine Pistole, die er sich in den USA besorgt hatte. Wenn er wollte, könnte er sehr viele dieser Menschen töten, aber es handelte sich hier um eine öffentliche Auseinandersetzung, und die Polizei war zugegen.
Maya schaute zu ihrem Vater hoch. Wir sollten von hier verschwinden, dachte sie. Die Leute sind total außer sich. Aber Thorn warf seiner Tochter einen strengen Blick zu, so als hätte er ihre Angst gespürt, und Maya schwieg.
Alle schienen aus vollem Hals zu schreien. Die verschiedenen Stimmen verschmolzen zu einem einzigen, wütenden Gebrüll. Maya hörte einen hohen Pfeifton. Das Heulen einer Polizeisirene. Eine Bierflasche flog durch die Luft und zersplitterte weniger als einen Meter von der Stelle entfernt, wo sie und ihr Vater standen. Plötzlich durchbrach ein Keil aus roten Hemden und Schals die Polizeikette, und Maya sah, wie die Hooligans Schläge und Fußtritte austeilten. Über das Gesicht eines Polizisten lief Blut, aber er hob seinen Schlagstock und setzte sich zur Wehr.
Sie drückte Vaters Hand. »Gleich sind sie hier«, sagte sie. »Komm, lass uns gehen.«
Thorn drehte sich um und zog seine Tochter zurück in den Eingang zur U-Bahn-Station, so als wollte er mit ihr dort Schutz suchen. Doch inzwischen trieben die Polizisten die Chelsea-Fans voran wie eine Viehherde, und plötzlich befanden sich Maya und ihr Vater inmitten...
Auszug aus Traveler von John Twelve Hawks, John Twelve Hawks, Eva Bonné, Claus Varrelmann. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
RITTER, TOD UND TEUFEL
Als Maya zusammen mit ihrem Vater zum Ausgang des U-Bahnhofs ging, nahm sie seine Hand. Ausnahmsweise schob Thorn ihre Hand nicht weg und sagte ihr auch nicht, sie solle sich auf ihre Körperhaltung konzentrieren. Stattdessen führte er sie lächelnd eine schmale Treppe hinauf, die an einem langen, ansteigenden Tunnel mit weiß gekachelten Wänden endete. Die U-Bahn-Verwaltung hatte auf einer Seite des Tunnels Metallstangen anbringen lassen, und durch diese Begrenzung wirkte der ansonsten völlig normale Gang, als wäre er Teil eines riesigen Gefängnisses. Wäre Maya allein gewesen, hätte sie sich eingesperrt und unbehaglich gefühlt, aber sie brauchte sich keine Sorgen zu machen, denn Vater war bei ihr.
Heute ist der schönste Tag meines Lebens, dachte sie. Na ja, wahrscheinlich der zweitschönste. Sie erinnerte sich noch gut daran, dass Vater vor zwei Jahren, nachdem er sich weder an ihrem Geburtstag noch an Heiligabend gemeldet hatte, am zweiten Weihnachtsfeiertag in einem Taxi vorgefahren war, beladen mit Geschenken für Maya und ihre Mutter. Jener Vormittag war von Fröhlichkeit und vielen Überraschungen geprägt gewesen, aber dieser Samstag versprach ein dauerhafteres Glück. Statt des üblichen Ausflugs zu dem leer stehenden Lagerhaus in der Nähe von Canary Wharf, wo Vater immer mit ihr Kickboxen und den Umgang mit Waffen trainierte, hatten sie den ganzen Tag im Londoner Zoo verbracht, und über jedes der Tiere hatte er ihr Geschichten erzählt. Vater war schon überall auf der Welt gewesen und konnte Paraguay oder Ägypten beschreiben, als wäre er ein einheimischer Touristenführer.
Sie hatten die Blicke der anderen Leute auf sich gezogen, während sie von Käfig zu Käfig geschlendert waren. Die meisten Harlequins bemühten sich, nicht aufzufallen, doch ihr Vater stach zwischen normalen Menschen zwangsläufig hervor. Er war ein Deutscher mit markanter Nase, schulterlangem Haar und dunkelblauen Augen. Thorn trug dunkle Kleidung und ein stählernes Kara-Armband, das aussah wie eine zerbrochene Fessel.
Maya hatte in der Abstellkammer ihrer Wohnung in East London ein ramponiertes Buch über Kunstgeschichte entdeckt. Auf einer der vorderen Seiten des Buches war ein Bild von Albrecht Dürer abgedruckt, das Ritter, Tod und Teufel hieß. Sie schaute sich das Bild oft an, obwohl es sie merkwürdig berührte. Der Ritter in seiner Rüstung glich ihrem Vater: Mutig und gelassen ritt er durch die Berge, neben ihm der Tod mit einem Stundenglas in der Hand und hinter ihm der Teufel, der so tat, als wäre er ein Knappe. Auch Thorn hatte ein Schwert bei sich, aber seines verbarg sich in einer Metallröhre mit ledernem Schultergurt.
Einerseits war sie stolz auf Thorn, aber andererseits war sie seinetwegen auch verlegen und unsicher. Manchmal wünschte sie, sie wäre ein gewöhnliches Mädchen mit einem dicklichen Büroangestellten als Vater einem zufriedenen Mann, der ihr Eiswaffeln kaufte und blöde Witze erzählte. Das Leben ringsum mit seiner grellbunten Mode, der Popmusik und den Fernsehshows war eine ständige Versuchung. Sie wollte sich in dieses warme Gewässer fallen und von seiner Strömung davontragen lassen. Es war anstrengend, die Tochter von Thorn zu sein, die ständig der Beobachtung durch das System auswich, immer nach Feinden Ausschau hielt und sich vor Angriffen in Acht nehmen musste.
Maya war zwölf und noch nicht kräftig genug, um das Schwert eines Harlequins zu benutzen. Als Ersatz dafür hatte Vater ihr vor dem Verlassen der Wohnung einen Spazierstock aus der Abstellkammer gegeben. Maya hatte Thorns helle Haut und seine ausgeprägten Gesichtszüge, aber das kräftige, schwarze Haar ihrer Mutter, einer Sikh, geerbt. Ihre Augenfarbe war ein so blasses Blau, dass die Iris, aus einem bestimmten Winkel betrachtet, durchsichtig wirkte. Sie fand es furchtbar, wenn irgendwelche Frauen ihrer Mutter gegenüber nett gemeinte Komplimente über Mayas Aussehen machten. Glücklicherweise würde sie in ein paar Jahren alt genug sein, um sich so zu tarnen, dass sie möglichst durchschnittlich aussah.
Maja und Thorn verließen den Zoo und spazierten durch den Regents Park. Es war Ende April, junge Männer bolzten auf dem matschigen Rasen, und Paare schoben Kinderwagen, in denen dick eingewickelte Babys lagen. Die ganze Stadt schien unterwegs zu sein, um nach drei Regentagen die Sonne zu genießen. Maya und ihr Vater fuhren mit einer U-Bahn der Piccadilly Line zur Haltestelle Arsenal; es dämmerte bereits, als sie sich dem ebenerdigen Ausgang näherten. Thorn hatte in einem indischen Restaurant in Finsbury Park einen Tisch für ein frühes Abendessen reserviert. Maya hörte aus der Ferne Lärm Gebrüll und Getröte von Plastiktrompeten und fragte sich, ob dort ein Demonstrationszug unterwegs war. Dann folgte sie ihrem Vater durch das Drehkreuz und schien sich plötzlich am Rand eines Kriegsschauplatzes zu befinden.
Vom Bürgersteig aus sah sie eine Horde Menschen die Highbury Hill Road entlangmarschieren. Keiner von ihnen trug ein Transparent mit Protestparolen, und Maya begriff, dass gerade eben ein Fußballspiel zu Ende gegangen war. Am Ende der Straße stand das Stadion von Arsenal, und ein Klub mit den Vereinsfarben Blau und Weiß es handelte sich um Chelsea war dort zu Gast gewesen. Die Chelsea-Fans kamen aus dem Besuchereingang am Westrand des Stadions und liefen durch die schmale, von Reihenhäusern gesäumte Straße. Es war eigentlich nicht weit bis zum U-Bahnhof, aber jetzt glich die kurze Strecke auf dieser Straße in North London einem Spießrutenlauf. Die Polizei wollte verhindern, dass die Hooligans unter den Arsenal-Fans Prügeleien mit den Anhängern von Chelsea anzettelten.
Uniformierte am Straßenrand. Dazwischen Blauweiß. Rowdys in Rot, die Flaschen schmissen und versuchten, die Polizeikette zu durchbrechen. Unbeteiligte Bürger, die sich unerwartet vor den herannahenden Fans wiederfanden, hasteten zwischen geparkten Autos hindurch und rissen Mülleimer um. Am Bordstein wuchs Weißdorn, und jedes Mal, wenn jemand gegen einen der Büsche gedrückt wurde, zitterten die rosa Blüten. Blütenblätter segelten durch die Luft und fielen auf die wogende Menge.
Der größte Pulk war nur noch etwa hundert Meter vom Eingang des U-Bahnhofs entfernt. Thorn hätte sich nach links wenden und die Gillespie Road hinaufgehen können, aber er blieb auf dem Bürgersteig stehen und betrachtete die Menschen um sich herum. Er lächelte ein wenig, sich seiner Macht voll bewusst, amüsiert angesichts der sinnlosen Gewalt dieser Drohnen. Zusätzlich zu dem Schwert trug er noch mindestens ein Messer bei sich sowie eine Pistole, die er sich in den USA besorgt hatte. Wenn er wollte, könnte er sehr viele dieser Menschen töten, aber es handelte sich hier um eine öffentliche Auseinandersetzung, und die Polizei war zugegen.
Maya schaute zu ihrem Vater hoch. Wir sollten von hier verschwinden, dachte sie. Die Leute sind total außer sich. Aber Thorn warf seiner Tochter einen strengen Blick zu, so als hätte er ihre Angst gespürt, und Maya schwieg.
Alle schienen aus vollem Hals zu schreien. Die verschiedenen Stimmen verschmolzen zu einem einzigen, wütenden Gebrüll. Maya hörte einen hohen Pfeifton. Das Heulen einer Polizeisirene. Eine Bierflasche flog durch die Luft und zersplitterte weniger als einen Meter von der Stelle entfernt, wo sie und ihr Vater standen. Plötzlich durchbrach ein Keil aus roten Hemden und Schals die Polizeikette, und Maya sah, wie die Hooligans Schläge und Fußtritte austeilten. Über das Gesicht eines Polizisten lief Blut, aber er hob seinen Schlagstock und setzte sich zur Wehr.
Sie drückte Vaters Hand. »Gleich sind sie hier«, sagte sie. »Komm, lass uns gehen.«
Thorn drehte sich um und zog seine Tochter zurück in den Eingang zur U-Bahn-Station, so als wollte er mit ihr dort Schutz suchen. Doch inzwischen trieben die Polizisten die Chelsea-Fans voran wie eine Viehherde, und plötzlich befanden sich Maya und ihr Vater inmitten von blau gekleideten Männern und wurden zusammen mit ihnen an dem Fahrkartenschalter vorbeigeschoben, hinter dessen dicker Glasscheibe sich ein ältlicher Bahnangestellter duckte.
Vater sprang über das Drehkreuz, und Maya folgte ihm in den langen Tunnel, der zu den Gleisen führte. Alles in Ordnung, dachte sie. Wir sind in Sicherheit. Dann bemerkte sie, dass sich Männer in Rot in den Tunnel gedrängt hatten und neben ihnen herliefen. Einer von ihnen hielt einen Wollstrumpf in der Hand, in den etwas Schweres gestopft war Steine, Eisenkugeln , und er schwenkte ihn wie eine Keule, schlug damit einem alten, direkt vor Maya gehenden Mann die Brille aus dem Gesicht und brach ihm die Nase. Ein paar der Hooligans schleuderten einen Chelsea-Fan gegen die Metallstangen am linken Rand des Tunnels. Der Mann versuchte, ihren Schlägen und Tritten zu entkommen. Weiteres Blut floss. Und kein Polizist in Sicht.
Thorn packte Maya am Jackenkragen und zerrte sie zwischen den Prügelnden hindurch. Ein Mann ging auf sie los, aber Vater stoppte ihn sofort mit einem abrupten, ansatzlosen Schlag gegen den Hals. Maya rannte den Tunnel entlang, um zur Treppe zu gelangen. Unvermittelt streifte ihr jemand etwas Längliches über die rechte Schulter und die Brust. Maya blickte nach unten und sah, dass Thorn einen blau-weißen Chelsea-Schal an ihrem Oberkörper festgeknotet hatte.
In diesem Moment begriff sie, dass der Besuch im Zoo, die unterhaltsamen Geschichten, die Fahrt zum Restaurant Teil eines Plans gewesen waren. Vater hatte von dem Fußballspiel gewusst, war vermutlich schon einmal hier gewesen und hatte den Zeitpunkt ihrer Ankunft berechnet. Sie schaute über die Schulter und sah Thorn nicken und lächeln, so als hätte er ihr gerade eine seiner unterhaltsamen Geschichten erzählt. Dann wandte er sich ab und ging weg.
Maya wirbelte in dem Moment herum, in dem drei Arsenal-Fans schreiend auf sie zugerannt kamen. Nicht nachdenken. Reagieren. Mit einer Bewegung wie beim Speerwurf stieß sie dem größten der Männer die Stahlspitze des Spazierstocks in die Stirn. Blut spritzte aus der Wunde, und die Beine des Mannes gaben nach, woraufhin Maya herumschnellte und den zweiten Mann über den Stock stolpern ließ. Als er nach hinten taumelte, sprang sie hoch und trat ihm ins Gesicht. Er vollführte eine halbe Drehung und fiel zu Boden. Erledigt. Er ist erledigt. Sie lief zu ihm und versetzte ihm einen Tritt.
Als sie wieder mit beiden Beinen auf dem Boden stand, umschlang der dritte Mann sie von hinten und hob sie in die Höhe. Er versuchte, ihr mit dem Druck seiner Arme die Rippen zu brechen, doch Maya ließ den Stock fallen, griff mit beiden Händen nach hinten und krallte sich an seinen Ohren fest. Der Mann jaulte laut auf, als sie ihn über die Schulter zu Boden warf.
Maya erreichte die Treppe, nahm zwei Stufen auf einmal und sah ihren Vater auf dem Bahnsteig an der geöffneten Tür eines U-Bahn-Wagens stehen. Er packte sie mit der rechten Hand und quetschte sie beide mit Hilfe der linken in das Abteil. Die Türen bewegten sich hin und her, doch schließlich schlossen sie sich. Einige Arsenal-Fans rannten zu dem Zug und schlugen mit den Fäusten gegen die Scheiben, aber er setzte sich schon in Bewegung und verschwand im U-Bahn-Tunnel.
Die Leute im Abteil standen dicht an dicht. Eine Frau weinte, und wenige Zentimeter von Maya entfernt drückte sich ein Junge ein Taschentuch gegen Mund und Nase. Der Zug fuhr um eine Kurve. Maya wurde gegen ihren Vater gedrückt und vergrub ihr Gesicht in seinem Wollmantel. Sie hasste ihn und liebte ihn, wollte gleichzeitig auf ihn einschlagen und ihn umarmen. Nicht weinen, dachte sie. Er beobachtet dich. Ein Harlequin weint nicht. Und sie biss sich so fest auf die Unterlippe, dass die Haut aufplatzte und sie ihr eigenes Blut schmeckte.
Maya landete am Nachmittag auf dem Flughafen Ruzyne und fuhr mit dem Shuttlebus nach Prag. Die Wahl dieses Verkehrsmittels war ein kleiner Akt der Rebellion. Ein echter Harlequin hätte sich einen Mietwagen oder ein Taxi genommen. In einem Taxi konnte man jederzeit dem Fahrer die Kehle durchschneiden und selbst das Steuer übernehmen. Flugzeuge und Busse waren gefährlich, denn sie boten kaum Fluchtmöglichkeiten.
Niemand hat vor, dich umzubringen, sagte sie sich. Niemand interessiert sich für dich. Traveler vererbten ihre Kräfte, und deshalb versuchte die Tabula, so wie sie die Bruderschaft nannten, alle Mitglieder ein und derselben Familie zu beseitigen. Die Harlequins verteidigten die Traveler und deren Lehrer, die Wegweiser, aber dies beruhte auf einem freiwilligen Entschluss. Das Kind eines Harlequins konnte dem Weg des Schwertes entsagen, einen bürgerlichen Namen annehmen und sich einen Platz im System suchen. Solange es keinen Ärger verursachte, ließ die Bruderschaft der Tabula es in Ruhe.
Vor ein paar Jahren besuchte Maya einmal John Mitchell Kramer, den einzigen Sohn von Greenman, einem britischen Harlequin, der in Athen von den Tabula durch eine Autobombe ermordet worden war. Kramer hatte sich auf eine Schweinefarm in Yorkshire zurückgezogen, und Maya schaute ihm zu, wie er mit Eimern voller Futter für seine Tiere durch den Matsch stapfte. »Nach ihrer Einschätzung hast du die Grenze noch nicht überschritten«, erklärte er ihr. »Du hast die Wahl, Maya. Du kannst dich noch immer abwenden und ein normales Leben führen.«
Maya beschloss, sich in Judith Strand zu verwandeln, eine junge Frau, die an der University of Salford in Manchester ein paar Semester Produktdesign studiert hatte. Sie zog nach London, begann als Aushilfe in einer Designfirma zu arbeiten, und nach einer Weile wurde ihr dort eine feste Stelle angeboten. Die drei Jahre in der Großstadt waren von einer Serie privater Herausforderungen und kleiner Triumphe geprägt gewesen. Maya erinnerte sich noch gut, wie es war, als sie das erste Mal ihre Wohnung unbewaffnet verließ. Sie war den Angriffen der Tabula schutzlos ausgeliefert und fühlte sich schwach und wie auf dem Präsentierteller. Alle Menschen auf der Straße beobachteten sie; jeder einzelne Passant war ein potenzieller Auftragsmörder. Sie rechnete damit, von einer Kugel oder Klinge niedergestreckt zu werden, aber nichts passierte.
Nach und nach hielt sie sich länger außerhalb ihrer Wohnung auf und testete ihre neue Lebenseinstellung. Maya blickte nicht länger in jedes Schaufenster, um zu sehen, ob ihr jemand folgte. Wenn sie mit ihren neu gewonnenen Freunden in ein Restaurant ging, hatte sie keine versteckte Waffe griffbereit in ihrer Nähe und setzte sich nicht mit dem Rücken zur Wand.
Im April verstieß sie gegen den Grundsatz der Harlequins, niemals einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Fünf teure Sitzungen lang saß sie in einem Zimmer voller Bücherregale in Bloomsbury. Sie wollte über ihre Kindheit reden und über den ersten Vertrauensbruch im U-Bahnhof Arsenal, aber sie schaffte es einfach nicht. Dr. Bennett war ein gepflegter kleiner Mann, der sich hervorragend mit Wein und altem Porzellan auskannte. Maya wusste noch genau, wie verwirrt er gewesen war, als sie ihn einen Bürger genannt hatte.
»Selbstverständlich bin ich ein Bürger dieses Landes«, sagte er. »Ich bin in England geboren und aufgewachsen.«
»Das ist bloß so eine Bezeichnung, die mein Vater benutzt. Neunundneunzig Prozent der Bevölkerung sind entweder Bürger oder Drohnen.«
Dr. Bennett nahm seine Goldrandbrille ab und putzte sie mit einem grünen Flanelltuch. »Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir das zu erklären?«
»Bürger sind Menschen, die zu verstehen glauben, was in der Welt vor sich geht.«
»Es ist keineswegs so, dass ich alles verstehe, Judith. Das habe ich auch nie behauptet. Aber ich bin über das Zeitgeschehen gut informiert. Ich sehe mir jeden Morgen die Nachrichten an, während ich auf meinem Laufband jogge.«
Maya zögerte, beschloss dann aber, ihm die Wahrheit zu sagen: »Das meiste von dem, was Sie für Tatsachen halten, ist frei erfunden. Die wahren Kämpfe der Menschheitsgeschichte finden unter der Oberfläche statt.«
Dr. Bennett bedachte sie mit einem herablassenden Lächeln. »Erzählen Sie mir von den Drohnen.«
»Drohnen, das sind die Menschen, die nur damit beschäftigt sind zu überleben und deshalb nichts wahrnehmen, was sich jenseits ihres täglichen Lebens ereignet.«
»Sie meinen arme Menschen?«
»Sie können arm sein oder ihr Dasein in einem Drittweltland fristen, aber sie wären dennoch in der Lage, sich zu ändern. Vater sagte immer: Bürger ignorieren die Wahrheit. Drohnen sind einfach zu erschöpft.«
Dr. Bennett setzte seine Brille wieder auf und griff nach seinem Notizblock. »Vielleicht wäre jetzt ein geeigneter Zeitpunkt, über Ihre Eltern zu sprechen.«
Dieser Vorschlag bedeutete das Ende der Therapie. Was hätte sie über Thorn erzählen können? Ihr Vater war ein Harlequin, der fünf Mordanschläge der Tabula überlebt hatte. Er war stolz, grausam und sehr mutig. Mayas Mutter entstammte einer Familie von Sikhs, die seit etlichen Generationen Verbündete der Harlequins war. Zu Ehren ihrer Mutter trug sie am rechten Handgelenk ein Kara-Armband.
Im Spätsommer feierte sie ihren sechsundzwanzigsten Geburtstag, und eine ihrer Kolleginnen aus der Designfirma machte mit ihr einen Einkaufsbummel durch die Boutiquen in West London. Maya erstand ein paar modische, leuchtend bunte Kleidungsstücke. Sie gewöhnte sich an, abends fernzusehen, und bemühte sich, den Nachrichtensprechern zu glauben. Manchmal war sie glücklich beinahe glücklich und freute sich über die ständigen Ablenkungen durch das System. Regelmäßig wurde eine neue Sorge erfunden, vor der man Angst haben konnte, oder ein neues Produkt, das man unbedingt haben wollte.
Maya trug zwar keine Waffen mehr bei sich, doch sie besuchte gelegentlich ein Sportstudio, um mit einem Kickbox-Trainer ein paar Sparringsrunden zu absolvieren. Dienstags und donnerstags nahm sie an einem Fortgeschrittenenkurs in einem Kendo-Dojo teil und kämpfte dort mit dem Shinai-Schwert aus Bambusstäben. Maya versuchte, sich einzureden, dass sie nichts anderes wollte, als fit zu bleiben, so wie ihre Kollegen, die joggten oder Tennis spielten. Aber insgeheim wusste sie, dass es um mehr ging. Wenn man kämpfte, war man vollständig auf den gegenwärtigen Moment fixiert, richtete seine Energie einzig und allein darauf, sich zu verteidigen und den Gegner zu vernichten. Eine solche intensive Erfahrung hatte das bürgerliche Leben ihr nicht zu bieten.
Nun war sie in Prag, um ihren Vater zu besuchen, und die vertraute Paranoia eines Harlequins ergriff wieder mit Macht von ihr Besitz. Nachdem sie sich an einem Schalter das Flugticket gekauft hatte, stieg sie in den Shuttlebus und setzte sich in eine der hinteren Reihen. Ein ungünstiger Platz, falls man einen Angriff abwehren musste, aber sie war fest entschlossen, sich daran nicht zu stören. Maya beobachtete, wie ein älteres Ehepaar und eine Gruppe deutscher Touristen den Bus bestiegen und ihr Gepäck abstellten.