„Ich verabscheue Reisen und Forschungsreisende".Mit diesem ersten Satz seiner Ethnographie über mehrere zuvor getätigte Forschungsreisen nach Brasilien ist die Neugier des Lesers geweckt.Und anhand dieses Ausspruchs wären wir schon inmitten der Beweggründe Levi-Strauss' diese Ethnographie zu schreiben.
Für ihn geht es in erster Linie um den Wert der Botschaft, welche durch seine Forschungsreisen verdeutlicht werden soll. Durch falsche Berichterstattung und gewollte Effekthascherei kann der Leser diesen Wert oft nicht erfassen, er wird meistens überschwemmt mit einer Flut von Bildern (z.B. in Form von Reiseberichten), die seine Kritikfähigkeit ermüden lassen, das intensive Studieren - oftmals mehr als mühevoll - auf der Suche nach Wahrheiten bleibt dabei im Hintergrund. Und genau um diesen letzten Punkt geht es Levi-Strauss bei seinen Expeditionen in das Innere Brasiliens.
Das in neun Kapitel gefasste Werk beginnt mit der Beschreibung des Aufbruchs nach Brasilien 1941. Levi-Strauss macht hier deutlich, welche Gedanken ihm währenddessen durch den Kopf gehen. Auch hier lässt sich wiederum eine Verbindung zu dem Zitierten herstellen. Levi-Strauss erklärt, warum er Reisen verabscheut, denn diese zeigen den „Schmutz, mit dem wir das Antlitz der Menschheit besudelt haben" .Hierbei spielt er auf das Problem der Zivilisation an welche in Massen erzeugt wurde, heutzutage ist nahezu keine Unberührtheit mehr vorzufinden. „Nie wieder werden uns die Reisen, Zaubertruhen voll traumhafter Versprechen, ihre Schätze unberührt enthüllen. Eine wuchernde, überreizte Zivilisation stört für immer die Stille der Meere.". Anhand dessen versteht sich auch seine Abneigung gegenüber Reiseberichten: Sie geben lediglich eine Illusion dessen vor, was es nicht mehr gibt - im Grunde genommen ein manipulativer Betrug. Der Titel „Traurige Tropen" macht das verheerende Ausmaß dieser Manipulation der einstigen Ursprünglichkeit deutlich.
Mit einem im dritten Kapitel aufgeführten Rückblick geht Levi-Strauss auf die Geschichte der Kolonisation ein. Er beschreibt am Beispiel der Insel Hispaniola (heute Haiti) die ungeheuerlichen Ausmaße der Überhandnahme durch die europäische Kultur. Die erschreckende Zahl der ca. 200 Eingeborenen, welche 1592 von ursprünglich ca. 100.000 Eingeborenen ein Jahrhundert zuvor noch am Leben waren, macht dies deutlich. Die Geschichte der Indianer ist zugleich die Geschichte der Unterdrückung.
Levi-Strauss geht es nicht allein um die Erforschung der Ureinwohner Brasiliens , für ihn geht es nicht nur darum, die Ursprünge der Menschheit aufzeigen zu können, sondern zugleich auch die Problematik des Reisens heutzutage und dem Verstehen der anderen Kultur. Bei dem Versuch die über tausende von Jahren passierte Entwicklung der Menschheit zurückverfolgen zu können, stößt Levi-Strauss an Grenzen, die Frage des Urteilens über Kulturen stellt sich ihm genauso wie die Problematik der Verachtung der eigenen Kultur. Durch die Betrachtung der fremden Kultur wird ihm dabei die eigene bewusster. An dieser Stelle zeigt sich, dass jeder Mensch einer Gesellschaft, einer Klasse angehört. Für den Europäer bedeutet die neue Welt zunächst, dass es nicht die seinige ist, er allein hat also auch die Verantwortung zu tragen für das Verbrechen, dass er sie zerstört hat und dadurch auch, dass es keine andere mehr geben wird. Anhand der Erforschung der Indianervölker im Mato Grosso (Brasilien) stellt Levi-Strauss also einen weit größeren Kontext her.
Levi-Strauss wendet sich von Sao Paulo aus nach Süden Richtung Parana. Entlang des Rio Tibagy findet man zu beiden Seiten Gebiete, in denen er nun zum ersten Mal in Kontakt mit den „Wilden" kommt. Allerdings ist auch hier die Berührung mit der Zivilisation erkennbar. Sie zeigt sich z.B. in den brasilianischen Kleidern, der Hacke und der Nähnadel. Allerdings blieben diese Indianer sich weitestgehend selbst überlassen, was deutlich wird, da sie ihre alten Lebensweisen wieder aufgenommen haben.
Im folgenden macht sich Levi-Strauss nun an die Erkundung zweier Eingeborenengruppen, den Caduveos an der Grenze Paraguays und den Bororo im mittleren Mato Grosso. Hierbei stellt er in zum Teil poetischer und gut vorzustellender Weise die fremde Kultur vor, er beschreibt die Sprache, die Wohnverhältnisse, die Kunst, alles das, was das tägliche Leben der Kulturen ausmacht. Auch geht er dabei auf die Schwierigkeiten ein, mit welchen er oftmals konfrontiert wird - bei der nachfolgenden Untersuchung der Nambikwara z.B. ist die Sprache ein großes Hindernis.
Levi-Strauss deckt in sorgfältiger Arbeit die gesellschaftliche Struktur auf, lässt dabei Wert-und Gefühlsurteil trotz der hohen Wissenschaftlichkeit nicht außer acht.
Für Levi-Strauss ist die Ursprungsfrage von großer Wichtigkeit. Nach dem Durchqueren weiter Teile des Landes und im Bewusstsein der Ende seiner Reise fühlt er sich aus der Steinzeit (durch die Nambikwara) in die heutige Zeit zurückversetzt. Durch seine Suche nach dem kaum merklichen Fortschritt der Anfänge kommt er in Berührung mit der armseligsten Form der sozialen und politischen Organisation.
Bei seiner Rückkehr beschreibt er ein sehr erschreckendes Erlebnis während seines Aufenthalts im Campos Novos. Dieses erfahrene trostlose Klima bringt Levi-Strauss ins Grübeln über seine Forschungsreisen. In seinem Versuch die Ursprünge der Menschheit aufzudecken, zeigt sich ihm der Preis, den diese Völker mit ihrem Elend zahlen, damit er die Jahrtausende zurückverfolgen kann. Durch die Rekonstruktion aus nur noch ärmlichsten Überresten einer einst so hochentwickelten Kultur zeigt sich deren trauriges Ausmaß.
An dieser Stelle möchte ich den obenangesprochenen größeren Kontext nocheinmal aufnehmen: Für Levi-Strauss ist ersichtlich, dass das Aussterben vieler Kulturen immer mehr vorangeht. In Konfrontation mit der Zivilisation , mit dem von ihr vorgegebenen „Fortschritt" sterben viele Kulturen aus, das einzige noch vorhandende Ursprüngliche meint das eben angesprochene Ärmlichste, was sich bei ihnen noch finden lässt - das letzte was noch von ihnen bewahrt wird.
Levi-Strauss schließt sein Werk mit dem Denkanstoß innezuhalten in dem fleißigen Treiben um sich zu entspannen, und das Wesen dessen zu erfassen, was die menschliche Gattung war und noch immer ist: das Loslassenkönnen diesseits des Denkens und jenseits der Gesellschaft. Hiermit wird die sich selbst aufdiktierte Sklaverei des Menschen angesprochen, welcher sich selbst sein Gefängnis macht.
Als Gesamtwerk betrachtet lebt dieses Buch nicht nur durch die Erforschung der Kulturen in Brasilien, darüber hinausgehend werden viel größere Komplexe - das Aussterben der „primitiven" Kulturen durch die Zivilisation, die Problematik des Verstehens und das Hinterfragen der eigenen Kultur etc. - angesprochen. Levi-Strauss wandelt hierbei zwischen Poesie, Wissenschaft und Reflexion.