"Als eine Ophelia der Weltrevolution ist Tamara langsam flußabwärts getrieben, bis ihr Rucksack sich im Gebüsch verfing. Ihre blonden Haare wehten in der Strömung und fielen nach und nach aus, bis sie fast kahl war. Die Fische zernagten ihr Gesicht und fraßen eines ihrer Augen aus. Ihre zerrissenen Kleider lösten sich vom Leib, eine blutige Monatsbinde will der Sanitätssoldat an ihr gefunden haben, der sie nach einer Woche schließlich aus dem Wasser zog."
Ende August 1967 hatte ein bolivianischer Bauer die zehnköpfige Nachhut Che Guevaras an die Armee verraten. Als die neun Guerilleros und die eine Guerillera einen Fluß durchquerten, schnappte die Falle zu. Tamara Bunke, die den Kampfnamen "Tania" trug, wurde erschossen und trieb ungesehen den Fluß abwärts.
Von ihrer Leiche gibt es keine Fotos, gottseidank.
Am 8. Oktober '67 wurde Che Guevara von der bolivianischen Armee gefangengenommen. Tags darauf wurde er hingerichtet.
Von seiner Leiche gibt es viele Bilder. Sehr eindrucksvolle, einige davon in diesem Buch. Die bolivianischen Militärs versäumten es die Augen der Leiche zu schließen. So kam ein Bild zustande, auf dem der tote Che den Betrachter anschaut. Das ist faszinierend merkwürdig.
Diese Bilder, die viele an Christusbilder erinnerten, waren die Geburtstunde eines Messias der Moderne, dessen baskenbemütztes Konterfei wohl jedem von uns, sofern er oder sie am Nabel einer Großstadt wohnt, tagtäglich auf einem T-Shirt begegnet (so wie mir heut).
Der Mythos lebt. Auch und gerade weil er in einer Zeit enstand, in der die Menschen nach Mythen gierten.
Mythos und Wirklichkeit sind die Pole zwischen denen sich Geschichte abspielt. Aus dem Mythos wird die Geschichte gebacken. Doch die Wirklichkeit is(s)t sie. Geschichte muß vertilgt werden, immer und immer wieder, in diesem Sinn ist die Arbeit eines Historikers die reinste Sysiphusarbeit.
Wenn ich auf mein eigenes Leben schaue, meine eigene Geschichte beleuchte, könnte ich soviele Aspekte auf unterschiedlichste Weise ins Licht setzen, daß diese Geschichte ihre Stringenz verliert und wie ein schillerndes Mosaik erscheint. Die Farben des Mosaiks tanzen vor meinen Augen und auch wenn ich das manchmal denke, ich bin mir über meine Geschichte nie wirklich im klaren.
Obwohl ich doch in mir drin bin.
Wie ist das denn für einen Historiker. Der nicht in seinen Figuren drin ist. Und in diesem Buch sind es gleich drei, die sich der Autor vorgeknöpft hat: Che Guevara, Tamara Bunke und Fidel Castro.
Das ist fast schon eine Überforderung. Doch Gerd Koenen ist ein erfahrener Kämpfer. In "Vesper, Ensslin, Baader" hat er sich schonmal ein Dreigespann vorgeknöpft und in "Das rote Jahrzehnt" hat er einen ganzen gesellschaftlichen Zustand unter die Lupe genommen.
In diesem Buch läuft beides zusammen. Dreigespann und Zustandsbeschreibung. Das gelingt nur halb. Die Beschreibung der Figuren, die in "Vesper, Ensslin, Baader" immer wieder berührend war, erschien hier fast durchgehend in Distanz verschleiert. Das liegt an den Personen. An dem was sie von sich persönlich preisgaben. Bei Castro war und ist das gar nichts. Bei Guevara und Bunke so gut wie gar nichts. Wie kann ein Biograf aus solchen Verschweigern wirkliche Menschen machen?
Und ohne wirkliche Menschen entsteht in einer Biografie auch keine Nähe.
Auch die gesellschaftliche Geschichte, die Koenen beschreibt, blieb mir oft fern und fremd. Das war im "roten Jahrzehnt" anders. Dort ging es um Politik an der Basis. Hier geht es um Poltik in den Zentren der Macht. Das ist ermüdend. Deprimierend. Das zu lesen hat mir viel von der Freude an dem Buch genommen.
Erst als Guevara sich in sein Himmelfahrtskommando im bolivianischen Dschungel verabschiedete, wurde es nochmal wirklich fesselnd.
Gerd Koenen hat keinen leichten Job. Er ist Historiker. Aber was für einer. Selbst wenn er schwächelt, so wie hier, macht er doch etwas deutlich: Menschen die nichts von sich preisgeben, bleiben plakativ und dafür kann der Autor nichts. Aber für die Mühe die er sich macht den Leim aufzudecken, mit dem die Plakate an den Baum des Lebens geklebt sind, für diese Mühe bin ich ihm wirklich dankbar.