Inhaltliche Eindrücke:
Da ist eine Regierung, die einer abstrusen Aluminiumproduktionswut verfallen ist, obwohl der Bedarf an Energie für die knapp 320.000 Inselbewohner mehr als gedeckt ist - und seit Jahren dabei ist, all das zu zerstören, wofür Island steht: unberührte Naturschönheiten. Da ist eine Regierung, die an einem merkwürdigen, 50 Jahre alten Modernisierungsplan festhält und Geschäfte mit dubiosen Unternehmen wie "Rio Tinto" macht (wird von der Internationalen Vereinigung der Chemie-, Energie- und Bergarbeiter als "vermutlich gleichgültigstes und rücksichtslosestes Unternehmen der Welt bezeichnet"). Da ist eine Regierung, die in einem schizophrenen "Krieg gegen das Land" B-52-Bomber der NATO in Stellung gegen ihre eigenen Bewohner bringt (Militärmanöver "Northern Viking 99").
Und da ist ein kontroverser Autor, der gekonnt gegnerische Argumentationen auseinander- und eigene Schwachpunkte vorweg nimmt, ja überhaupt stets reflektiert, sich prüft, sich nicht blind in Rage redet:
"Die Umweltschützer werden von vornherein als Romantiker verlacht, ihre Argumente als nebulöser Mix aus Emotionen, Zitaten der Nationaldichter und einem pseudoreligiösen Begriff von Heiligtum abqualifiziert." Andri Snær Magnason hakt nach, schaut dahinter und klärt auf; etwa wie Unternehmen ihre PR-Strategie umstellen und emsig en vogue "Greenwashing" betreiben oder dass immer mehr Orte im Land verschwinden, die nicht nur in der isländischen Literaturgeschichte verankert, sondern auch Bestandteil von Schulbüchern sind. Magnasons Methode ist dabei häufig, zunächst detailiert (aber stets verständlich) aufzuschlüsseln, bevor er dann pointiert die Absurditäten des globalen Wirtschaftssystems darstellt:
"Britney Spears unterzeichnet einen spektakulären Werbevertrag mit Pepsi, die Verkaufszahlen steigen, die Nachfrage nach Getränkedosen explodiert: Zehn Prozent mehr werden benötigt. Die Nachricht erreicht den Weltmarkt - gesteigerte Nachfrage! 200.000 Tonnen im Jahr! In der Konzernzentrale beschließt man, die Produktion zu erhöhen, ein neues Werk in Island zu eröffnen, ein Werk in Amerika zu schließen. Die Zeitungen in Island titeln: 'Größeres Aluminiumwerk erforderlich!' Die Industrieminister fliegen auf ihren Besenstielen herum: ENERGIEBEDARF GESTIEGEN! LASST UNS DAS LAND MIT STAUSEEN FLUTEN!"
Wenn ein Land wie Island, das unter den OECD-Staaten eine Spitzenstellung in der Bildungsförderung einnimmt, einer Polemik bedarf, die (und zwar im positiven Sinne) manchmal an den frühen Michael Moore erinnert, um seine Bürger aus ihrem betäubten Zustand heraus zu reißen, bevor sie in einem Albtraumland erwachen, muss die Lage ernst und fragil sein.
Magnason aber tut dies präzise und verständlich, rational und erfrischend ironisch, zuweilen kabarettistisch, doch nie komödiantenhaft. Auch klagt hier kein gutmenschelnder Träumer oder romantischer Idealist. Hier argumentiert ein kluger, klarer Kopf, der sein geliebtes Land den Bach runter gehen sieht. Dem, was die Natur über abermillionen Jahre lang hervorgebracht hat, begegnet er mit Respekt und unverkrampfter Ehrfurcht.
Magnason schafft es, schwer vorstellbare Mengen und Werte aufzuschlüsseln ("Was hinter 30 Terawattstunden steckt"), Zahlen in Dingliches zu übersetzen, Abstraktes greifbar zu machen - alles Indikatoren dafür, warum der Band so gehaltvoll wie unterhaltsam, so lehrreich wie aufrüttelnd daherkommt. Es bleibt nicht bei einem bloßem Dagegen sein; Magnason macht konkrete Lösungs- und kreative Alternativvorschläge. Und so endet "Traumland" mit einem aufrüttelnden und liebevollen Manifest, welches in einem Staudamm als gigantisches Mahnmal mündet, das über einem "Nationalpark Island" wacht.
Manko: An manchen Stellen ist das Buch etwas redundant, hätte vielleicht ein wenig schlanker und komprimierter ausfallen können.
Formale Eindrücke:
Ein Buch, das man gern in der Hand hat: Schönes Format, beeindruckende Naturaufnahmen, überhaupt reich an Illustrationen, die den Text - ohne, dass er es inhaltlich nötig hätte - optisch und lesefreundlich auflockert. Selbiges bewirkt auch eine abwechslungsreiche Typographie, ohne dabei beliebig oder ausschweifend zu wirken. Manko: Das Buch bleibt nicht offen liegen.