Florian Vetsch in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ)vom 10./11.Mai 2008:
Mourad Kusserow wurde 1939 in Ostberlin als Ulrich Kusserow geboren, floh als 15-Jähriger in den Westen, fand die verheissene Erfüllung nicht und konvertierte in den 1950er Jahren zum Islam. In Marokko nahm er Kontakt zur FLN, zur Algerischen Nationalen Befreiungsfront, auf und betrieb Sprachstudien. Darauf war er von 1965 bis 1994 bei der Deutschen Welle in Köln in der politischen und wirtschaftlichen Redaktion tätig. Seither lebt er in Agadir, Marokko, und in Adelsheim, Baden-Württemberg. Mit seinem jüngsten Buch, «Traumland Marokko», legt der Wanderer zwischen Orient und Okzident eine Art Summa seiner lebenslangen Auseinandersetzung mit Marokko vor. Obschon Kusserow vor dezidierter Kritik an den Verhältnissen und der politischen Geschichte des Landes nicht zurückschreckt, ist sein Buch vor allem eine umfassende Liebeserklärung an Marokko, das als Speerspitze moderner, liberaler arabischer Länder dargestellt wird. Und eine Liebeserklärung an seine marokkanische Frau Hadia. Kusserow entfaltet seine Darlegung der Geschichte Marokkos anhand der legendären Städte des Landes, wirft frische, historisch versierte Blicke auf Agadir, Marrakesch, Larache, Fes, Tetouan, Rabat, Tanger, Xauen. Dabei legt er auch Wert auf die Kulturen der Minderheiten, der Sephardim und Berber zumal, sowie auf die Entwicklung der Rechte der Frauen, deren Status unter dem gegenwärtigen König Mohammed VI. europäischen Verhältnissen angeglichen wurde. Frontal greift Kusserow den fundamentalistischen Antisemitismus an, den schädlichen Einfluss der Tentakel des saudiarabischen Wahhabismus, der die sinnenfrohe Vielfalt von Marokkos sanftem, differenzverträglichem Islam unterbinden will. Sein Buch ist gerade heute lesenswert, weil es eine reiche Alternative zur medialen Engführung des Islam-Bildes entwirft und eine mögliche glücklichere Zukunft des Verhältnisses zwischen Juden, Christen und Muslimen aufzeigt.