Es soll ja noch immer junge Leute geben, die weder Supermodel noch Fußballstar werden möchten. Eine Alternative wäre Hoteltester oder Gastrokritiker. Allerdings macht es auf Dauer auch keinen Spaß, beim Genießen immer an Punktzahlen, Sterne oder Hüte zu denken. Und 120 Wellnesshotels in der Schweiz, Österreich, Deutschland und Südtirol abzugrasen, ist mit anstrengenden Reisen und einem Terminkalender verbunden, den mancher Manager als Überforderung betrachtet. Vielleicht bei Verfassern des Vorworts dem Autor der gute alte Freud über die Schulter geschaut, lautet doch der letzte Satz: "Stress, was war das nochmal gleich?"
Ein so komplexen Ding wie eine Wellness-Oase in Punkzahlen von 1- 60 zu erfassen, ist natürlich ein Dinge der Unmöglichkeit. Aber die Einschätzungen von Claus Schweitzer geben zumindest erste Anhaltspunkte, ob man sich überhaupt näher für das notenmässig eingemittete Objekt interessieren soll. Dem Leser sei also geraten, nicht alles zum genauen Nennwert zu nehmen und auch daran zu denken, dass Serviceleistungen immer nur so gut sind wie das Personal sie anbietet. Und da die Mitarbeiterfluktuation im Dienstleistungsbereich groß ist, kann selbst ein Wochenende in einem Flaggschiff schlechte Erinnerungen hinterlassen. Das Kriterium "Durchschnittliche Betriebsangehörigkeit der Angestellten" wird auch in diesem Führer nicht erfasst. Daher muss man bei der Rubrik "Service" einfach den wenigen Sätzen des Autors Glauben schenken. Aussagekräftigeres ist bei den Überschriften Ambiente, Spa-Infrastruktur, Körperbehandlungen, Beautyanwendungen, Freizeitangebot, Lage, Zimmer, Gastronomie, Anfahrt und Preise zu lesen. Und Claus Schweitzer gab sich auch Mühe, bei jedem der besuchten Hotels einen Flop zu suchen. Das können am Wochenende um acht Uhr klingende Kirchenglocken, ein Zuviel an Seminaratmosphäre, aufgesetzter Glamour oder die Aussicht einschränkende Architekturhässlichkeiten sein.
Auf den Führer allein würde ich mich nicht verlassen. Vor dem Buchen einen Ausflug auf die Website zu unternehmen, ist auf jeden Fall empfehlenswert. Da diese Informationsquelle an Bedeutung zunimmt und für den Ersteindruck wichtig ist, könnte ich mir für eine weitere Auflage durchaus vorstellen, dass auch die Website bewertet wird. In eine gute Navigation, verständliche Texte und moderne Tools zu investieren, ist ja auch eine Form von Dienstleistung.
Da ein Hotelkritiker unter Zeitdruck steht und Quellenangaben fehlen, nehme ich an, dass das Bildmaterial vorwiegend zur Verfügung gestellt wurde. Es erinnert daher an den "Schöner-Wohnen-Stil" und vermeidet Anblicke von Schuhräumen, Toiletten und lustigem Beisammensein in benebeltem Zustand. Mehr als eine kleine Unterlassungssünde ist der Verzicht auf eine kartografische Übersicht, wo die Body- und Beautyoasen in der Servicewüste zu finden sind. Immerhin gibt es wellnessbereite Leser, die auf eine bestimmte Gegend fixiert sind, noch kein iPhone mit Google-Earth haben und auch nicht jeden Flecken Mitteleuropas kennen.
Mein Fazit: Dieses Navigationsgerät in Printform für Wellnesshotels basiert auf früheren Auflagen, die unter dem Titel "Wellness zum Träumen" erschienen sind. In der vollständigen Überarbeitung flogen einige renommierte Spa-Adressen raus und wurde durch empfehlenswerte Paradiese im erschwinglichen Viersternebereich ersetzt. Da ich unter "vollständig" auch "zeitgemäß" verstehe, gibt es nur eine Viersternebewertung für Claus Schweitzer. Denn im Internetzeitalter wären einige Zusatzangaben wünschenswert. Und obwohl sprachliche Redundanz bei solchen Textsorten fast unvermeidlich ist, lassen sich mit sprachlicher Fantasie allzu viele Wiederholungen und oft gehörte Floskeln vermeiden. Trotzdem: Als Hilfsmittel für die Suche nach dem Wellness-, Beauty- und Bodyglück eignet sich dieser Führer bestens.