Die Traumdeutung ist in erster Linie ein historisches Buch, das war es schon bereits zu Lebzeiten Freuds. Denn bei den späteren Ausgaben, die er noch selber herausgeben konnte, hatte er es mit Absicht unterlassen, den jeweils neuen Stand der psychoanalytischen Kenntnis in das Buch einzuarbeiten. Er wollte es relativ in seiner Originalgestalt erhalten, als das was es ursprünglich war - als eine Revolution. Bereits im Jahr 1899 fertiggestellt, ließ Freud das Buch mit Absicht auf das Jahr 1900 vordatieren, da es ein Buch für das neue, nicht für das alte Jahrhundert werden sollte. Und das es dazu wurde, war Freud sehr wohl bewußt, auch wenn beinahe zehn Jahre vergehen sollte, bis die geringe erste Auflage verkauft war, und das Buch seinen Zug um die Welt antreten sollte, als Grundstein der Psychoanalyse. Doch wenn es so sehr Historie ist, weshalb sollte dieses Buch heute noch gelesen werden - die Revolution ist vorbei und die Psychoanalyse gehört heute teilweise zum alltäglichen Sprachgebrauch, ist dort mitunter häufiger vertreten als in der wissenschaftlichen Psychologie. (was weder automatisch gegen das erstere noch für das letztere spricht). Die Beurteilung des Inhalts steht und fällt mit dem subjektiven wissenschaftlichen Standpunkt. Konsequent empirisch ausgelegt, bietet „Die Traumdeutung" viele unbewiesene, intuitiv gewonnen, und schwer beweisbare Vermutungen, Hypothesen und Behauptungen. Freud beruft sich immer auf die Empirie seiner klinischen Erfahrung und seiner Selbstanalyse, Erfahrungen, die allerdings von keinem anderen nachvollzogen werden können. Deshalb ist es wohl besser, bei nötigem Interesse am Gegenstand, Wissenschaft und Empirie zu vergessen und Freud bei dem Versuch zu begleiten, Licht in das Dunkel der eigenen Träume zu bringen. Hier ausführlicher auf den Inhalt einzugehen ist unmöglich, dazu ist er zu komplex und detailreich - schließlich handelt es sich hier nicht um einen Roman, bei dem man den roten Faden mit wenigern Worten umreißen kann. Freuds Anliegen bestand darin, mit diesem Buch darzulegen, daß der Traum kein sinnloses nächtliches Phänomen ist, wie zu seiner Zeit allgemein angenommen, sondern eine natürliche nächtliche Aktivität eines jeden Menschen, die nach bestimmten Gesetzen abläuft, aus dem Unbewußten gespeist ist und damit sehr wohl auch ihren Sinn hat, nämlich als Wunscherfüllung zu gelten, für Dinge, die das wache Bewußtsein niemals erreichen würden. Damit legt er gleichzeitig den Grundriß der psychoanalytischen Theorie. Manche Schlußfolgerungen werden sonderbar erscheinen, manche sogar absurd, aber dennoch bin ich überzeugt, daß ein jeder an sich selber so manchen Gedankengang und so manche Hypothese bestätigen kann, und darum ist die „Traumdeutung" auch nach hundert Jahren allemal ein sehr lesenswertes Buch.