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2.0 von 5 Sternen
Wie unsympathisch und passiv darf ein (Anti-)Held sein?, 8. September 2006
Rezension bezieht sich auf: Traumbrücke (Soldier's Son 01) (Gebundene Ausgabe)
Der Name Robin Hobb erweckt automatisch hohe Erwartungen. Zu hohe vielleicht, denn in TRAUMBRÜCKE, dem Auftakt ihrer neuen Trilogie, kann die Autorin ihnen nicht gerecht werden.
Hobb kreiert eine Welt, die sehr dem Amerika des 18./19. Jhdt. ähnelt. Die zwei wesentlichen Konfliktherde sind einerseits das Königreich Geria gegen die indigenen Völker (plainspeople und Specks) und andererseits große Umbrüche im Inneren des Königreiches (vor allem Altadel gegen Neuadel, aber auch Anfänge einer Frauenemanzipation). Die 'Indianer', Gewehre etc. sind anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, aber insgesamt überwiegt der Reiz des Neuen.
Der Stein des Anstoßes ist der Protagonist und Ich-Erzähler Nevare Burvelle. Als Zweitgeborener eines Adeligen liegt sein Schicksal in der Armee besiegelt. SC handelt hauptsächlich von seiner Ausbildung zum berittenen Offizier - zuerst als Kind unter der Aufsicht seines Vaters, später auf der königlichen Akademie. Das Problem ist seine Persönlichkeit. Typisch für Hobb ist Nevare mehr Antiheld als Held. Er leidet unter Selbstzweifeln und Unentschlossenheit. Einerseits möchte Nevare von seinen Freunden als Führungspersönlichkeit wahrgenommen werden, andererseits übernimmt er nie Verantwortung, sondern wählt immer den Weg des geringsten Widerstandes (zb.: leidet unter dem Mobbing seiner Mitkadeten, muss aber von seinem Onkel gezwungen werden etwas dagegen zu unternehmen; weigert sich dem jungen Caulder zu helfen, obwohl er sieht wie ihn die anderen misshandeln; schweigt, wenn sein Freund Gordo verspottet wird). Nevare weigert sich die Realität anzuerkennen, auch wenn sie ihm ins Gesicht schreit (die Speckfrau ist keine Einbildung und Ipiny ist kein albernes Dummchen sondern seine einzige Verbündete im Kampf gegen die Magie der Specks). Schlimmer jedoch sind Nevares grenzenlose Selbstgerechtigkeit und Bigoterie, sein Egoismus und dass er nicht hinter seinen Freunden steht (verachtet Gordo, behauptet aber gleichzeitig sein Freund zu sein). Da der junge Mann außerdem der Ich-Erzähler ist, ist die gesamte Geschichte von seinen persönlichen Einstellungen und Charaktereigenschaften gefärbt ' es gibt kein Entrinnen.
In den letzten paar Seiten ändert sich Nevares Persönlichkeit, er gewinnt an Selbstvertrauen und Standhaftigkeit (ich werde den Grund nicht verraten, das wäre ein zu großer Spoiler). Zwar lässt es für die Fortsetzung hoffen, aber es entschuldigt nicht die Frustrationen und Depressionen, die der Leser die restlichen Seiten erdulden muss.
Nevares Passivität wirkt sich auch auf die Handlung aus - er ist wie ein Zweig, der im Strom der Ereignisse mitgerissen wird. Außer seiner Ausbildung passiert nicht viel. Es wird hauptsächlich erläutert, wie die Welt und die verschiedenen Kulturen funktionieren. Dabei hat mich besonders das Erbsystem befremdet. Nur der Erstgeborene eines Adeligen kann erben; sollte dieser sterben (und sei es bei der Geburt), wird ein erstgeborener Cousin zum Erben ernannt - der Zweitgeborene des Adeligen, der Soldatensohn, wird übergangen. Je nachdem an welcher Geburtsfolge sie stehen, haben auch die restlichen Söhne fix zugeteilte Aufgaben (Priester, Musiker usw.). Ich kann mir nicht vorstellen, dass das lange bzw. überhaupt funktionieren kann.
Fazit: Robin Hobb hat zuviel "Anti" und zuwenig "Held" bei Nevares Charakterentwurf verwendet und auch die Geschichte kann nicht wirklich mitreißen.
(Grundlage dieser Rezension ist das engl. Original: SHAMAN'S CROSSING)
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