Es dürfte wenig Dinge geben, über die soviel Einverständnis unter Orientalisten und Islamwissenschaftlern herrscht wie darüber: Dass Dschalal ad-Din Muhammad Rumi, kurz Rumi (1207-1273), zu den größten Mystikern des Islam und seine Werke zur Weltliteratur gehören. Herausgeber und Übersetzer Johann Christoph Bürgel nennt ihn gar "eine der eigenartigsten und faszinierendsten Erscheinungen in der Geschichte des menschlichen Geistes" (S.7).
Das beim Manesse-Verlag, der ja für seine schönen Aufmachungen bekannt ist, erschienene Büchlein "Traumbild des Herzens" kompiliert, so die Verlagswerbung, "Hundert Lebensweisheiten islamischer Mystik". Ergänzt wird die Sammlung durch eine Einführung, in der Bürgel u.a. kurz die Prinzipien seiner Übersetzung darlegt (S.16), sowie durch einen ausführlichen Anmerkungsapparat, der eine gute Hilfestellung für das Verständnis von Rumis Dichtkunst darstellt, zumal diese schon durch den Reichtum ihrer Anspielungen bisweilen nicht ganz leicht zugänglich ist. So heißt es bei Rumi z.B.: "Die Liebe, sie macht keinen Unterschied, wer Fremder ist, wer verwandt. Wer von dem Weine der Einung geschmeckt, in dessen Konfession sind zwischen Kaaba und Götzenschrein die Grenzen unbekannt" (S.22). Hier klärt dann die entsprechende Anmerkung z.B. darüber auf, dass die Liebe als Tranzendierung aller, auch der konfessionellen Grenzen ein in der islamischen Mystik häufig ausgesprochener Gedanke ist (S.125).
Die Liebe: Sie ist das große, in immer neuen Abwandlungen wiederkehrende Thema bei Rumi - die spirituelle Liebe zu dem Derwisch Schamsuddin, dessen Bekanntschaft (und mehr noch das Ende derselben) Rumis Leben von Grund auf veränderte und ihn überhaupt erst zur Dichtkunst brachte, aber auch, noch allgemeiner, diese Liebe als Metapher für die Beziehung des Menschen zu Gott. Denn als Sufist sucht Rumi die Erfüllung im Leben in der Annäherung an Gott durch die Liebe.
Neben den spezifisch mystischen Vierzeilern geht es in dem Band auch um die Themen "Leben und Lernen" und "Dichtung und Musik". Wüsste er nicht, von wem sie stammen, dürfte der unbedarfte Leser (einschließlich des Rezensenten) dabei das ein oder andere Mal gar nicht auf die Idee kommen, dass es sich um Texte eines persischen Mystikers aus dem Mittelalter handelt, wie z.B. bei folgendem: "Ich rannte zum Arzt und rief: 'Zainuddín! Fühl mir den Puls und prüf den Urin!' Er sprach: 'Das ist Liebe mit Wahnsinn gepaart!' Worauf ich: 'Ihn will ich, den Zustand, grad ihn!" (S.47). Von der Art des Witzes her könnte dieser Vierzeiler auch aus der Feder von Robert Gernhardt stammen (was freilich weder gegen den einen noch den anderen gemünzt ist). Hier merkt man jedenfalls, dass dem Übersetzer die Realisierung seiner Ziele gelungen ist, wozu auch zählt: "die Verse sollten so klingen, als seien sie auf deutsch verfaßt" (16).
Schopenhauer hat mit Blick auf den Koran eine für Übersetzungen literarischer Texte allgemeingültige Tatsache mit folgenden Worten auf den Punkt gebracht: "Viel mag durch die Übersetzungen verloren gehen." Inwieweit dies auf die vorliegende Übersetzung zutrifft, kann hier insofern außer Acht gelassen werden, als dass "Traumbild des Herzens" in jedem Falle eine Ahnung von Rumis Gedankenwelt vermittelt. Und auch von jenem Ort, von dem es bei ihm an anderer Stelle heißt: "Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns": Ausdruck eines toleranten und liberalen Sufi-Humanismus, von dem sicher auch die aktuelle Diskussion um "den" Islam profitieren könnte.