Seit einiger Zeit werden die Folgen transgenerationaler Traumatisierungen zunehmend in der Öffentlichkeit diskutiert. Die Bücher von Sabine Bode (Kriegsenkel, German Angst) haben eine Vielzahl von Menschen für das Thema sensibilisiert. Allerdings konzentrierte sich die Journalistin auf die Geschichte einzelner Kriegsenkel, ohne eine konkrete Auflistung möglicher Folgen der weitergegebenen Traumata zu geben und ohne auf Therapiemöglichkeiten einzugehen.
Dr. Udo Baer und Gabriele Frick-Baer haben nun einen überaus aufschlussreichen Band zum Thema herausgebracht, der sowohl für Therapeuten, als auch für interessierte Laien eine hervorragende Einführung in das Thema bietet und neben den Grundlagen (Was ist ein Trauma? etc.) auch mögliche Folgen (wie kann sich ein transgenerationales Trauma äußern?) und Therapievorschläge bietet.
2007 begannen die Autoren mit dem Forschungsprojekt, in dessen Rahmen die erfahrenen Therapeuten Therapieprozesse auswerteten und 15 narrative Interviews mit den (erwachsenen) Kindern von Traumatisierten führten. Die Form des narrativen Interviews, das den freien Erzählfluss fördert und nicht von einem Ablauf nach Schema F bestimmt wird, brachte viele aufschlussreiche Details zu Tage, die man mit Hilfe eines Leitfadeninterviews niemals erfragen hätte können. Baer und Frick-Baer werteten die Gespräche aus und konnten bald klare Tendenzen feststellen. Immer wieder trafen sie auf Parallelen, die sie auch in anderer Literatur zum Thema dokumentiert fanden. Transgenerationale Traumatisierungen haben viele Gesichter, so viel steht fest. Doch woran kann man erkennen, ob ein Problem sich aus eigenen (traumatisierenden) Erfahrungen ergeben hat, oder ob man ein Trauma "vererbt" bekommen hat? Oft zeigt sich dies z.B., wenn eine Therapie ins Stocken gerät. Zunächst wurde erfolgreich an einem Problem gearbeitet und obwohl man annimmt, dass alles Belastende aus dem Weg geräumt ist, hängt noch etwas Ungewisses in der Luft, das es den Patienten/Klienten nicht ermöglicht, sich selbst zu leben.
Die beiden Autoren sprechen hier von den "vier Leeren der zweiten Generation". Diese sind:
"Schrecken ohne Worte - das große Schweigen"
"Verluste ohne Trauer"
"Schmerz ohne Trost"
"Die psychische Leere und das schwarze Loch"
Beginnen die Klienten sich mit der Geschichte ihrer Eltern auseinanderzusetzen, stoßen sie auf Traumatisierungen, die diese in dem Wunsch sich selbst und die nachfolgende Generation nicht zu belasten, verschwiegen haben. Dass sich das Trauma dadurch nicht auflöst, sondern in einer diffusen und damit mitunter noch unangenehmeren Form weitergegeben wird, war den Traumatisierten natürlich nicht klar.
Wie kann sich dies in der zweiten Generation konkret äußern? Beispielsweise in transtraumatogenen Bindungsstörungen, (belastendem) Leistungsdenken, geringem Selbstwertgefühl, Relativierung eigener Probleme, Konfliktscheu, Aggressivität und Gewalt, Abwertung, Scham- und Schuldgefühlen, Parenting, Überforderung und "Retten wollen", Kontrolle und Zwangsnormalität, Sich ausgeschlossen fühlen, Desorganisation, extremer Identifikationsfähigkeit u.v.m. Diese Probleme können selbstverständlich auch andere Ursachen haben - dies betonen die Autoren ausdrücklich - aber oft beißt man im Rahmen der eigenen Geschichte auf Granit und weiß nicht woher etwas kommt. Dann stellt sich immer die Frage: Was steckt dahinter? Die einzelnen Probleme werden alle ausführlich besprochen und mit Hilfe von Interviewauszügen wird analysiert, wie es zu den Gefühlen in der zweiten Generation kommen konnte. Welche Mechanismen stecken dahinter?
Der letzte Teil ist schließlich den Therapiemöglichkeiten gewidmet. Hier werden v.a. Vorschläge aus dem Bereich kreativer Leib-, Musik- und Kunsttherapieformen gemacht. Der bedeutendste Punkt ist aber sich der Abbruch der Schweigemauer. Denn nur an Traumatisierungen, die nicht verschwiegen werden, kann auch aktiv gearbeitet werden.
Fazit: Ein gut verständliches, einfühlsames und gut recherchiertes Buch, das hervorragend in ein überaus spannendes Thema einführt, das immer noch viel zu wenig Beachtung findet. Sehr zu empfehlen!