"Traum meines Lebens" (OT: "Summertime") ist der letzte Film von David Lean, der noch eine moderate Länge und eine erfrischende Leichtigkeit hat. Ob der Mann, der eher für seine späteren großen Epen (z.B. "Lawrence von Arabien") ihn deshalb rückblickend besonders geschätzt hatte? Verdient hätte der Film es! Eine (wörtlich wie metaphorisch) etwas zugeknöpfte Mittvierzigerin aus den USA, die Sekretärin Jane Hudson (Katherine Hepburn) hat lange, lange für eine Europareise gespart. In schönen Credit-Zeichnungen (wie Toulouse-Lautrec in noch quietschigeren Farben) klappert sie bereits den halben alten Kontinent ab, der Film wird sich auf die letzte Station konzentrieren: Venedig. Natürlich ist das schön, natürlich verliebt sie sich in einen Mann namens Renato (Rossano Brazzi), natürlich ist der verheiratet.
Also, das ist eine romantische Komödie, und wenn man sich bei dem heutigen US-Markt der immergleichen Ryans, Bullocks, Heigls, Zellwegers umschaut, so lohnt sich zu betonen, wie gut dieses Genre 1955 einmal sein konnte. Der Film lebt von wachen Beobachtungen und einer sehr aufmerksamen Inszenierung. Natürlich schlachtet er die Schauwerte aus, aber schon wenn ein Italiener den Müll knapp an Janes Kopf vorbei in einen Seitenkanal kippt, ist klar: Die Idylle wird Risse bekommen. Bei allem Schwelgen ist dieser Film anderen Touristenpostkarten der Fünfziger haushoch überlegen: An American In Venice statt der stellenweise ziemlich grauenvoll-naive An American In Paris. Viel zu lachen gibt es aufgrund einer ganzen Reihe aufmerksam gestalteter Nebenfiguren, die genau die richtige Mischung aus liebenswert und skurril haben. Da gibt es einen netten Straßenjungen, der Jane schon mal erotische Fotos verkauft (was man erfreulicherweise nur am Gesichtsausdruck der Hepburn sieht), eine taffe Hotelière, die was mit einem Maler hat, der mit einer aufgedonnerten Frau verheiratet ist, die eigentlich ganz aufrichtig ihren Gatten und seine Kunst verstehen möchte (wenn die Monroe 1955 noch Nebenrollen hätte nehmen können - das wäre ideal gewesen). Man sieht, hier ist niemand nur gut, nur böse, und perfekt schon gar nicht. Selbst einem älteren EU-Ehepaar, anhand dessen Brite Lean über Ami-Abhake-Tourismus ablästert, wird noch Stimme, Herz, Seele und eine Entwicklung zugebilligt. Dieses muntere, menschlich-allzumenschliche Grüppchen inszeniert Lean mit ungeheurer Aufmerksamkeit und Liebe zur feinen Mimik und Gestik. Jeder Blick, jeder Mundwinkel sitzt. Man bemerkt das insbesondere, wenn man den Film ein zweites Mal sieht und schon weiß, wer da wie über wen denkt und für wen schwärmt. Genau wie bei dieser erwähnten Szene mit den erotischen Fotos hat es "Traum meines Lebens" nicht nötig, alles auszusprechen, er zeigt es stattdessen, und das tut er verdammt nuanciert. Übrigens auch in der Kameraarbeit und Farbdramaturgie. Ganz gegen den 1955er Trend verzichtet Lean nicht nur auf das neue CinemaScope, sondern schafft einige Anti-Breitwand-Bilder von irritierender Schönheit, z.B., wenn die Kamera einmal in Aufsicht die Häuserwände in den sehr schmalen Seitengassen Venedigs zeigt. Katherine Hepburns Kleider zeigen sehr deutlich, welche Entwicklung sie durchmacht, sowohl was die Farbigkeit als auch die "Offenheit" betrifft, die Absatzhöhe der Schuhe tut ein Übriges. Ein auch in der Handlung wichtiges knallrotes Glas sticht mehrmals in dem ansonsten eher dezenten farblichen Ensemble heraus, ich bin geneigt das sexuell zu deuten und daraus zu schließen, dass Jane ihr Innerstes geben möchte, mit Herz- und sonstigem Blut. Schnitt und Aufnahmetechnik unterstützen ebenfalls die Stimmung: Wenn Renato und Jane einander uneins sind, werden ihre Dialoge in der altbewährten Schuss-Gegenschuss-Technik fotografiert. Wenn sie aber aufeinander zugehen, kann es schon mal passieren, dass sie minutenlang in einer Einstellung zu sehen sind und die Kamera über mehrere Minuten ganz langsam näherzoomt, eine sehr schöne ungewöhnliche Wahl, die zunächst kaum bemerkbar ist, wie überhaupt dieser Film sich allen Brachialen enthält.
Das Ganze wird komplettiert durch wunderbare Dialoge, die gelegentlich wirklich witzig sind und Billy-Wilder-Bonmot-Qualitäten haben. Als sich Jane aufregt, dass dieser kleine Junge eine Gondel für ein Schäferstündchen zwischen der Hotelière und dem Maler vermittelt, meint Renato nur, der Man täte in den USA dasselbe. Darauf Jane: "Aber nicht in einer Gondel." Ja, dieser Film gibt sich nicht damit zufrieden, prüde Amis den lockeren Italienern gegenüberzustellen. Die Welten sind so unterschiedlich nicht, bloß mag der Zauber der Lagunenstadt ein bißchen mehr Gelegenheit zu Eskapaden geben.
Etwas seltsam fand ich, wie der Film darauf kommt, dass Renato verheiratet ist. Ein sechzehnjähriger Sohn verplappert sich vor Jane - ja hätte der in seinem Alter nicht merken müssen, was zwischen Papi und Jane läuft und was zwischen Papi und Mami nicht mehr läuft? Und wäre es nicht auch einmal fair gewesen, der dritten Ecke des Dreiecks Stimme und Gesicht zu geben? Bei allem, was an Douglas Sirks Vergleichsfilm "Der letzte Akkord" platter geraten ist, dieser kann mit einer berührenden Marianne Koch als gehörnter Gattin punkten - bei Lean kommt sie überhaupt nicht vor. Aber nach einem gewissen Grübeln geht das in Ordnung. Leans Film konzentriert sich ganz auf die Hepburn, die hier völlig zu Recht in größeren Lettern als Brazzi genannt wird. Letzterer ist vielleicht ein bißchen zu archetypisch als italienischer Schwerenöter geraten ("Sie wollen einen jungen Maann mit schwarrrzem Haarrr, und unverrrheirrratet? Daaann trrreffen Sie einen arrrmen Ladenbesitzerrr mit silberrrgraaauem Haarrr, und verrrheirrratet. Aberrr: ich bin ein Maaannn - und Sie sind eine Frrraaau.") Aber die Hepburn ist ganz und gar vollkommen, wunderbar, groß und vor allem stark. Der Film erzählt weitaus mehr als einen Kultur- und Liebesschock durch die Begegnung des prüden Amis mit dem dolce far niente. Er schildert sehr wahrhaftig, wie das ist mit so einem Dreieck, bei dem auf der einen Seite auch noch Kinder dranhängen. (Nun kommt der SPOILER:) Am Ende wird Jane Renato den Laufpaß geben, und das hat Größe und Wahrhaftigkeit. Ihre Worte sind einfach gut geschrieben und sofort überzeugend - ja, dieser Mann, der Jane seine Ehe erst verschwiegen hat, würde nie ganz bei Jane sein können, und Jane ist es, die dies erkennt und stark für beide sein muss. Der geniale Kniff dieser Szene ist, dass Moral durch schlichte Wahrhaftigkeit ersetzt wird. Es ist völlig klar, dass Renato und Jane einander lieben und das auch weiterhin tun werden. Doch dass sie nicht zusammenkommen können, ist in einem Kontext wie diesem völlig glaubhaft, wirkt keine Sekunde von der Zensur aufgezwungen, sondern seinerseits nahezu zwingend. Wir kennen diese Ehefrau nicht, wir ahnen, sie ist natürlich kein Monster, und wir sehen auch den Wunsch Renatos, die Familie zusammenzuhalten. Und wir ziehen den Hut vor Jane, die dies erkennt und stark genug für zweie ist, viel stärker als Renato. Eine ergreifende Schlussszene, vielleicht schon im Titel angelegt: "Summertime" geht irgendwann zu Ende, und der "Traum meines Lebens" muss ein Traum bleiben. Hier übrigens gleich der Film einem anderen Sirk-Werk, dem aus meiner Sicht großen "Es gibt immer ein Morgen". Lean hat also einen witzigen, künstlerischen, romantischen und aufrichtigen (und gerade deshalb am Ende nicht allzu traurigen) Film gemacht, bei dem (von oben erwähnten Kleinigkeit abgesehen) alles stimmt. Die folgenden großen Epen sind teilweise nicht minder genial, aber "Summertime" wird für mich immer ein Ausnahmefilm Leans bleiben.