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5.0 von 5 Sternen
Jeder stirbt für sich allein, 7. September 2010
Rezension bezieht sich auf: Trauermusik Durch die Jahrhunderte (Audio CD)
Musik gehört zum Trauern wie der Gottesdienst oder die plakativ schwarze Kleidung. Nur leider wird diese so wichtige Komponente in unserem Kulturkreis immer mehr hintangestellt.
Das Kuratorium Deutsche Bestattungskultur Düsseldorf hat ein umfangreiches Projekt in die Wege geleitet, das Trauernden genauso wie Musikfreunden Trauermusik zur Verfügung stellt, die einen breiten Querschnitt aus verschiedenen Kulturkreisen und vor allem aus vielen verschiedenen Musikepochen abdeckt. Dabei fällt besonders ins Auge, das relativ viele Werke der zeitgenössischen Musik vorhanden sind.
Aus Lizenzgründen finden sich auf diesem sechsteiligen Box Set keine Aufnahmen von größerer Bekanntheit. Viele der Einspielungen stammen von Low Budget Labels wie Naxos oder Brilliant Classics. Jedoch darf getrost festgehalten werden, dass jede Aufnahme mindestens mit der Note "Gut" zu beurteilen ist. Eine sehr gute bis herausragende Tonqualität - die Aufnahmen stammen aus vielen verschiedenen Jahren - und ein ausführliches und kurzweiliges Booklet runden die Auswahl ab.
Die CDs sind in sechs Gruppen gegliedert:
CD 1 - Hier sind Musikstücke versammelt, die sich mit dem sanften Tod auseinander setzen. Neben zwei altbewährten Bach Kantaten befinden sich hier einige wirkliche, selten gehörte Kleinodien. Besondere Erwähnung verdient John Dowlands "Lachrimae verae", hier in einem exotischen Arrangement für Laute, Sopransaxophon, Barockgeige und Kontrabass. Barocke Klänge in modernem Gewand: das gefällt und lädt zum tiefen Sinnieren ein.
Weiterhin aus dem Barock stammt der Auszug aus Heinrich Schütz' "Musikalischen Exequien". Mit Claude Debussy ist auch ein Beitrag aus dem Impressionismus dabei.
Die zeitgenössische Musik ist vertreten durch Hindemith, Pärt und Alexander Knaifel, einem russischen Komponisten, der auf musikalische Verknappung baut. Seine Komposition "Lux aeterna" ist grundsätzlich nur für zwei Celli konzipiert. Da die getragenen, tiefsinnigen und berührenden Melodien elektronisch vermehrt und verarbeitet werden und der Komponist im Hintergrund leise gregorianische Choräle einfügt, entsteht ein unvergleichliches, zum Nachdenken einladendes Klangereignis.
CD 2 - Hier lautet das Motto: der schöne Tod. Brahms "Nänie", Schuberts "Der Tod und das Mädchen" - sowohl der zweite Satz des Streichquartetts als auch das Klavierlied - sowie die berühmte Bach Motette "Jesu, meine Freude" gehören zum bekannten Repertoire. Auch Max Regers Orgelstück "Mit Fried und Freud fahr ich dahin" ist nicht gerade ein unbekanntes Stück.
Aber wer kennt schon Schuberts Klavierlied "Der Jüngling und der Tod", das Pendant zu "Der Tod und das Mädchen"? Während dieses einen Tod darstellt, der sein "Opfer" erst überreden muss, zu sterben, steht bei jenem der agonische Knabe im Zentrum, der mit dem Leben abgeschlossen hat und nun den Tod herbeisehnt.
Weiterhin eingespielt sind eine Sterbeszene aus Verdis "Rigoletto" und das zeitgenössische Stück "La Muerte del Angel" vom großen Argentinier Astor Piazzolla, der dieses Stück auf den Tod seiner Frau schrieb. Die erscheint gütig und beinahe keck, unterstreicht ihren schönen Tod.
CD 3 - Nun geht es um den beklagten Tod. Hier sind drei zeitgenössische Werke versammelt. Neben Beiträgen von Karl Nielsen und Rudolf Mauersberger verdient Karl Amadeus Hartmanns vierter Satz aus seinem "Concerto funebre" besondere Beachtung. Dieses gemessene, tief traurige Stück mit obligater Solovioline beeindruckt vor allem durch seine Schlichtheit, die quasi ein Verharren in der Trauer verbildlicht.
Bachs Orgelstück "Erbarm' dich mein, o Herre Gott", das Andante funebre aus Tchaikovskys drittem Streichquartett und "Der Schwan von Tuonela" von Jean Sibelius sind altbekannte Kompositionen. Das Cembalostück "Tombeau de Monsieur Blancheroche" von Johann Jacob Froberger ist dagegen weniger bekannt.
Ganz spezielle Impressionen erwarten den Hörer zweier Bestattungszeremonien, einer aus einem buddhistischen japanischen Kloster und einer aus Zimbabwe. Unschwer wird man feststellen, dass die Auffassung von Trauer hier eine ganz andere, fesselnde ist.
CD 4 - Nun geht es um den marschierenden Tod. Da dürfen natürlich Repertoireklassiker wie der Trauermarsch aus Beethovens Dritter oder Mahlers Fünfter nicht fehlen. Auch "Siegfrieds Trauerzug" aus Wagners "Götterdämmerung" und eine orchestrierte Version des Marche funèbre aus Chopins zweiter Klaviersonate dürfen nicht fehlen.
Zwei Trauermärsche aus dem Barock werden auch dargeboten, nämlich einer von Händel und einer von Purcell für Blasorchester - John Eliot Gardiner hier als Dirigent! -, der in seinem Pomp beinahe alle Trauer vergessen lässt, was nicht unbedingt im Sinne der Auftraggeber gewesen sein dürfte, immerhin wurde dieser Marsch anlässlich des Todes der englischen Königin Mary komponiert.
Neben einer Volksweise aus den Niederlanden gibt's noch Max Regers Trauermarsch aus der Sammlung "Lose Blätter", der eindrucksvoll und schicksalsschwer von einem Blasorchester vorgetragen wird.
CD 5 - Der unbeugsame Tod ist hier das Thema. Hier finden sich recht viele zeitgenössische Beiträge. Lutoslavsky, Martin, Krasnovsky, Penderecki, Eisler und Bernd Alois Zimmermann finden sich hier versammelt. Letzterer schrieb ein ungewöhnliches Werk, einen Sprechkanon, als "Ricercar" bezeichnet, für zwei unterschiedlich tiefe Männerstimmen. Der Text, der sich um den Sinn des Lebens und des Todes dreht, wird in Form eines perpetuum mobile immer wieder wiederholt.
Das berühmte "Lied vom Kameraden" findet sich ebenso wie Saint Saëns' "Danse macabre". Sehr fein ist Jan Piterszoon Sweelincks Orgelstück "Mein junges Leben hat ein End". Der volle Klang der Orgel kann das Grauen, das der imaginierte Protagonist vor dem Tod empfindet, nicht verschleiern.
Mozarts "Maurerische Trauermusik" und das anonyme Stück "Proch dolor" runden das Programm ab.
CD 6 - Die Stücke der letzten CD befassen sich mit dem verklärten Tod. Neben einer Bach Kantate und dem berühmten "Adagio for Strings" von Barber gibt's hier Strauss' grandioses Orchesterlied "Im Abendrot" aus den "vier letzten Liedern". Vielleicht ist dieses Stück das beste hier eingespielte Beispiel für verklärende Momente, überbietet darin selbst "Tod und Verklärung" desselben Tonsetzers.
Der zweite Satz aus Bergs Violinkonzert "dem Andenken eines Engels", der siebte Satz aus Faurés Requiem, "Aases Tod" von Grieg und ein Charakterstück des Barockkomponisten Marin Marais stehen neben dem zeitgenössischen "Lux aeterna" für 16 Stimmen von György Ligeti. Der wortlose Chor erzeugt hier eine volle, bis an den Rand mit Sinn gefüllte Atmosphäre, die dem Tod etwas Schönes, Warmes abgewinnt.
Fazit: Nicht nur zum Trauern. Auch wenn der thematische Bezug der einzelnen Stücke zum übergeordneten Topos nicht immer erkennbar ist, verleitet diese Musik zum Nachdenken über das eigene Leben - und den Tod. Die Sammlung ist zudem sehr abwechslungsreich und die Einspielung zahlreicher zeitgenössischer Werke macht die Auswahl nicht alltäglich, obschon etliche Klassiker nicht fehlen. Ob die einzelnen Kompositionen für die Zeit der Trauer oder gar die Gestaltung von Trauerfeiern gut geeignet sind, bleibt dabei jedem selbst überlassen. Für mich jedenfalls war diese Zusammenstellung eine bereichernde Erfahrung.
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