Also ich kann zu diesem Buch eigentlich nur eins sagen, es ist ein Meisterwerk. Und doch wird diese Bezeichnung dem Buch noch nicht gerecht.
Auf das Buch bin ich nur zufällig gestoßen. Es lag bei meinen Großerltern im Keller und sah eigentlich eher nicht ansprechend aus. (Dazu muss ich sagen das es die ausgabe von 1985 war, also sehr veraltetes Layout)
Dann eines Tages hatte ich echt langeweile und dachte mir halt ich les mal ein paar seiten von dem Buch. Aus den paar Seiten wurden dann knapp 200 am stück ohne das Buch auch nur einmal aus der Hand zu legen, und so ging es dann die nächsten Tage weiter.
Ein kurzer (?) Inhaltsüberblick:
USA 1944: Der 14-Jährige Tommy Zane Jr., seines Zeichens Sohn des Raubtierdompteurs Tom Zane, reist mit seinen Eltern im Zirkus Lambeth durch die Kleinstädte und Dörfer des Mittleren Westens und ist recht zufrieden mit seinem Leben, besonders, seit der Zirkus Zuwachs in Form der Flying Santellis", einer Luftakrobatengruppe bekommen hat.
Tommy, der schon immer lieber am Trapez fliegen wollte, als wie sein Vater wilde Tiere zu Kunststücken zu überreden" freundet sich recht schnell mit dem zweiten Flieger der Gruppe an, dem knapp zwanzigjährigen Mario Santelli (bürgerlicher Name Matthew Gardner"). Mario hat ein hochgestecktes, wie auch gefährliches Ziel: der Salto mortale" ein dreifacher Salto, etwas, was damals als nahezu undurchführbar und tödlich bekannt war.
Nach einigen Auseinandersetzungen mit den Eltern lernt Tommy die Arbeit am Trapez, Ende der Saison wird er von dem altehrwürdigen Oberhaupt der Santelli-Familie, Papa Tony, unter Vertrag genommen und verbringt die Winterpause bei dem ganzen Clan in Californien.
Der Alltag ist vom Training und recht strenger Disziplin geprägt, Tommy findet sich, diese Dinge vom Zirkusleben gewohnt, schnell in die Familie ein und lernt recht schnell Marios Verwandschaft kennen: da wäre Lucia, Marios Mutter und Tochter von Papa Tony, ihr Bruder Joe, seine Kinder Barbara und Clay. Außerdem noch Jonny Gardner und Elissa Marios Geschwister, die jedoch nicht mehr aktiv am Trapez arbeiten, teils, weil sie mit der Disziplin nicht klarkamen(Jonny), teils, weil sie geheiratet haben(Elissa).
Tommy merkt durch den stetigen und engen Kontakt zu Mario eigentlich überhaupt nicht, dass er sich in ihn verliebt, bis dann in der nächsten Saison von Mario selbst angesprochen wird.
Wer denkt, hier wäre jetzt Happy End, der irrt sich: die Geschichte von Mario und Tommy spielt nicht umsonst im Amerika der End - und Nachkriegsjahre.
Die Beiden müssen immer mehr auf der Hut sein um nicht erwischt zu werden, was besonders bei Marios Onkel Angelo schwierig ist, da dieser einen recht starken Drang hat, seinem Neffen hin und wieder hinterherzuspionieren.
Diese Belastung zerrt stark an den Nerven, besonders bei Mario, der das typisch italienische Temperament von Papa Tony geerbt hat. Immer wieder kommt es zum Streit zwischen den beiden und immer wieder kitten sie es, weil sie fühlen, dass sie ohneeinander nicht können.
Zwei, drei Jahre geht das Spiel gut, bis sie erwischt werden...
Ende des ersten Teils, Der Flieger", der von 1944 -1947 spielt.
Im Anschluss kommt der gerade mal höchstens zehn Seiten lange Teil Intermission", 1947.
Mario und Tommy trennen sich im Streit...
Der letzte Teil Der Fänger" spielt in den Jahren 1952 - 1953. Die Personen sind älter geworden, erwachsener.
Tommy war einige Jahre bei der Armee, Mario hatte einige Jahre nach der Trennung nur noch Pech gehabt und ist in einem billigen Zirkus gelandet, der dieser Bezeichnung eigentlich spottet.
Sie treffen wieder aufeinander, gehen zurück zur Familie, die Mario verzweifelt per Vermisstenanzeige vier Jahre lang gesucht hat. Das Training wird wieder aufgenommen, die Flying Santellis" wollen wieder zurück, wo sie waren: an die Spitze. Alles geht weiter wie vor Jahren, doch Angelo ist leider immer noch recht misstrauisch gegen die Beziehung der beiden, obwohl er selbst ihnen nie ein sexuellen Verhältnis nachweisen konnte. An diesem Misstrauen ändern auch die Tatsachen nichts, dass Mario ein Jahr verheiratet war und eine sechsjährige Tochter hat und das Tommy zwei Jahre bei der Armee gedient hat, sie also beide theoretisch normal" sein müssten.
Und es kommt natürlich, wie es kommen musste: Angelo ertappt sie und spricht sie direkt darauf an. Tommy und Mario haben inzwischen die Nase endgültig voll vom Versteckspiel und geben geradeheraus zu, dass sie ein Paar sind.
Das, was folgt, ist eine Tortur sonders gleichen, Tommy und Mario werden von Angelo so streng bewacht, dass sie sich immer wieder wie im Gefängnis vorkommen (wo sie ja theoretisch auch hinwandern könnten), ganz
abgesehen von der Angst, dass Angelo auch der streng katholischen Lucia und dem Rest der Familie von seinem Wissen erzählt.
Das war die knappste Inhaltszusammenfassung, die bei einem so komplexen Buch überhaupt möglich ist, wer es noch knapper will, scheitert.
Trapez" wurde mit sehr viel Fingerspitzengefühl und Herz geschrieben, kein einziger Satz wirkt übertrieben, es sei denn, es war Absicht. Man fiebert mit den Charakteren, leidet und lacht mit ihnen, wenn sie es tun und an manchen Stellen wird es einfach nur so traurig, dass man einen großen Vorrat Tempotaschentücher zur Hand haben sollte.
Im Kontrastprogramm zu dem abgrundtief homophoben (und nach tommys Vermutung dennoch selbst ein wenig homosexuellen) Angelo trifft man in Trapez" auch Menschen, die entweder selbst homosexuell sind oder nach dem Motto leben Jeder soll glücklich werden, wie er will.", wo besonders Stella Kincaid zu nennen ist Jonnys Partnerin und spätere Ehefrau. Genauso Papa Tony - gerade er ist ja der älteste und katholischste, Gott sei es gedankt aber auch mit der toleranteste.
Bei den Flugszenen stockt einem regelmäßig der Atem, man merkt, dass die Autorin (wie sie selbst sagt) wohl 500 Zirkusfilme gesehen hat, um die genauen Bewegungsabläufe zu studieren.
Marios "Wahn" den Salo Mortale zu schaffen, ist ein Sinnbild für sich: Leidenschaft, Suche nach Anerkennung und Respekt von Menschen die man liebt. Und die Zerstörungskraft dieser blinden Leidenschaft, wenn es irgendwann auf einmal aus ist (Barney Parrish). Das allein macht nachdenklich, so manchen auch leicht melancholisch.
Trapez" ist gesellschaftskritisch, schön und traurig zugleich; Menschen, die von jeher einen regelrechten Hass auf Homosexuelle haben, werden das Buch wohl nicht einmal mit den Fingerspitzen anfassen. Schade, sie wissen nicht, was ihnen entgeht.
Allen anderen ist jedoch ein Lesevergnügen wie kein zweites gegönnt, das sie nicht so schnell vergessen werden.