Bei Brad Anderson's THE MACHINIST bin ich eingeschlafen, aber TRANSSIBERIAN hat mich von der ersten bis zur letzten Minute gefesselt. Abgesehen von der interessanten Thematik (Filme im Zug hab ich immer gemocht, und die TransSib fand bisher ohnehin viel zuwenig Beachtung) hebt sich dieser Thriller auch in der Machart angenehm von dem ab, was man heutzutage unter "Thriller" zu verstehen scheint. Soll heissen: der Film nimmt sich Zeit, seine Charaktere einzuführen und entwickelt seine Spannung in erster Linie durch das Beziehungsgeflecht seiner Figuren. Und dass verschneite Einöden einen guten Backdrop für spannende Thriller abgeben, wurde ja schon öfters bewiesen (FARGO, A SIMPLE PLAN, etc.)
Ein junges Ehepaar, Roy & Jessie, beschliesst die Reise von Peking nach Moskau auf dem Landweg zu bestreiten, da Roy ein glühender Eisenbahnfan ist und Jessie gerne fotographiert. Im Zugabteil begegnen sie einem anderen jungen Paar, Carlos & Abby, mit denen sie sich anfreunden. Carlos zeigt jedoch unverhohlen Interesse an Jessie und bringt sie dadurch in Verlegenheit; als Roy nach einem Aufenthalt in Irkutsk plötzlich auch noch abgängig ist, wird die Situation für sie zusehends unangenehm.
Mehr zur Handlung sei an dieser Stelle nicht verraten, aber selbst wenn am Ende etwas dick aufgetragen wird - die Handlung ist spannend und kann mit einigen unerwarteten Plot Twists aufwarten. Auch das Casting ist sehr gelungen: Woody Harrelson verkörpert einen sympathischen Amerikaner, Emily Mortimer als seine Partnerin darf endlich zeigen dass sie mehr spielen kann als die sexuell frustrierte Ehefrau in Match-Point... allerdings ist sie das auch hier, und das verleiht der Geschichte zusätzlich Würze. Carlos & Abby werden von Eduardo Noriega bzw. Kate Mara verkörpert, zwei nicht allzu bekannten Gesichtern, was zu ihrer Undurchschaubarkeit beiträgt. Im weiteren Verlauf der Geschichte kommt dann auch noch Altmeister Ben Kingsley hinzu, der als russischer Drogenfahnder Ilja Gringko die Geschichte ins Rollen bringt.
Von DVD-only-Releases bin ich zuletzt eigentlich immer enttäuscht worden, aber dieser Film war eine rühmliche Ausnahme. Ich frage mich, wieso er es hierzulande nicht in die Kinos geschafft hat. Es gibt haufenweise dämliche Blockbuster, und auf der anderen Seite auch genügend Arthouse-Filme, aber gute Filme die in die Schnittmenge fallen so wie dieser, scheinen leider immer öfter auf der Strecke zu bleiben.
Apropos Strecke: Brad Anderson ist vor etwa 15 Jahren mit der TransSiberian durch Russland gereist, und die Story und die Charaktere basieren zum teil lose auf seinen Erlebnissen. Dies wird in einem interessanten, 30-minütigen Making-of auf der DVD beleuchtet, ein paar Interviews mit Crew & Cast sind ebenfalls enthalten. Achja, den Film sollte man unbedingt auf Englisch ansehen, die Dialoge der Schauspieler (Harrelson im breiten American English, Noriega mit spanischem Akzent, Kingsley mit russischem) sind im Original deutlich pointierter!