sich gleich zweimal zum objekt geradezu kultischer verehrung zu erheben dürfte den wenigsten musikern gelingen. und trotz strenger und steter abkehr vom massengeschmack zu einem solchen idol zu avancieren ebenso schwer. lou reed dürfte einer der wenigen künstler sein, der all da sauf die reihe bekommen hat. mit seiner - kräftig von andy warhol protegierten - band velvet underground erreichte er einen kultstatus, der bis heute unübertroffen sein dürfte. berühmter wurden viele, kommerziell erfolgreicher sogar sehr viele - doch kaum eine band dürfte einen so großen einfluss auf kommende musikergenerationen gehabt haben wie eben velvet underground. als velvet underground 1970 auseinanderbrechen nimmt reed erstmal eine bürotätigkeit an. geradezu beschämend für einen ehemaligen rockstar möchte man meinen. im falle von lou reed aber scheinbar eine wichtige zeit der besinnung und neuorientierung. denn als er 1972 - zunächst in london - wieder auf der bildfläche erscheint wird er schnell zum kultobjekt. zunächst ist es vor allem seine vergangenheit als legendäre velvet underground-figur, die ihn so faszinierend macht. doch spätestens als einer seiner größten fans ihm musikalisch zur seite springt, wird lou reed auch mit seinem eigenen neuen material ein weiteres mal zur kultfigur. dieser fan ist niemand geringeres als david bowie und die zusammenarbeit der beiden mündet in dem album "transformer".
wie schon zu velvet underground zeiten zeigt reed sich hier als großer und vor allem lässig-provokanter texter. überhaupt ist wohl dies sein größter trumpf: ob sadomasochismus, drogen, homosexualität oder transsexualität - lou reed singt seine themen mit einer stoischen ruhe herunter, als würde er sich übers wetter unterhalten.und genau in dieser gelassenheit liegt zugleich ein latentes sexuelles potential, dass jedes potentielle schreien, seufzen, jammern und stöhnen in puncto effekt weit übertrifft. man kann sich sicher sein, dass lou reed mit seiner platte viele menschen des jahres 1972 zutiefst verstört und verschreckt haben wird. allein die covergestaltung - mit einem transvestit und einem aus heutiger sicht klischee-homosexuellem mit ledermütze, engen jeans und riesenglied - dürfte zu beginn der 70er jahre an eine ganze reihe moralischer grenzen gestossen sein. lou reeds texte sind wie schilderungen aus einer unterwelt - beängstigend und faszinierend zugleich. dass er mit dieser platte eine der ersten persönlichkeiten war, die sich offen zu einer "sehr variablen" sexualität bekannten sei nur nebenbei vermerkt. und nicht nur das: in dem song "make up" singt er "we come out/out of our closets". der schlachtruf der gay liberation front. der kampf um anerkennung von homosexuellen hatte mit "transformer" ein schlagkräftiges sprachrohr bekommen.- David Wonschewski -