Hat man diese in der Headline genannten großen Denker des 20. Jahrhunderts gelesen und etwas kennengelernt, würde man eine ihr Denken gegenseitig ausschließende Inkommensurabilität vermuten. Zwar haben beide Philosophen Umbrüche (oder Kehren) gehabt, die sie jeweils in "jung" bzw. "früh" und "alt" bzw. "spät" einteilt, aber diese Oberflächlichkeit erwähnt Apel nur am Rande, um eine sehr tiefe, einzigartige und brillante Verbindung zwischen beiden Denkern zu entdecken.
Zuerst muss gesagt werden, was Apels Programm überhaupt ist: "Transformation der Philosophie" ist ein sehr abstrakter Titel und meint die "Transformation der Transzendentalphilosophie des Privat-Subjekts in eine Transzendentalphilosophie der Intersubjektivität". Die von Kant in der KrV geprägten Transzendentalphilosophie hat die Erkenntnis nicht der Gegenstände, sondern die als a priori vorausgesetzten Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis von Gegenständen zum Gegenstand (ich bin mir der Ironie dieses Satzes bewusst). Hierbei soll nicht etwa der Raum des Erkenntnisvermögens reflektiert werden, sondern die strukturellen Bedingungen der Erkenntnis, wobei Apel dies pragmatisch (d.h. in concreto transzendentalpragmatisch) programmiert, im Versuche also, die intersubjektive Handlungssphäre aus den transzendentalen Voraussetzungen (Aprioris) abzuleiten.
Im Wesentlichen stellt sich die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis im transzendentalen Sinne: Apel vermittelt zwischen den zwei Wie's der Anschauung vor dem Hintergrund (!) der Sprache: die grundlegend sprachanalytische (erklärende) und die sprachhermeneutische (verstehende) Seite. Dazu muss man sich eingestehen, dass intersubjektive Wahrheitsgehalte in Sätzen geformt überhaupt nur durch intersubjektive Kommunikation (vor allem Sprache) möglich ist und vorausgesetzt wird (Exkurs: Habermas wird z.B. vorgeworfen in seiner TkH die Sprachalternativen der Kommunikation zu sehr vernachlässigt zu haben; dieser würdigt Apel in seiner genannten Theorie). So heißt es an einer Stelle: "Die Sprache als intersubjektives Verständigungsmittel kann überhaupt keine anschaulich-bedeutsamen 'Inhalte' mitteilen, sondern ausschließlich 'Strukturen' [...]; die in der Sprache auftretenden deskriptiven Zeichen [...] stellen bloße 'Variable' dar, d.h. sie müssen [...] vom Kommunikationsteilnehmer erst im Sinne seiner privaten Bewusstseinswelt als Erlebnisinhalte ausgefüllt werden; das Sprachsystem muss durch die einzelnen jeweils in der Situation 'interpretiert' werden." Sprache in Korrelation zur Welterschließung lässt gelten: "Weltinhalt und Weltordnung, Erlebnis und Bewusstseinsform bauen sich in und durch die lebendige Sprache gegenseitig auf in einer Weise, die in jedem menschlichen Gespräch, auch in jeder einsamen Erkenntnis aktualisiert wird." Bemerkenswert ist Apels Schluss aus seiner Gehlen-Interpretation, dass Sprache "Institution der Institutionen" sei.
Der Clou ist - wie vorweggenommen - die "Zusammenstellung" der Namen Wittgenstein und Heidegger. "Während Heidegger [...] sowohl die allgemeine Seinsvergessenheit durch den Gesichtspunkt der 'ontisch-ontologischen Differenz' bekämpft", zeigt Wittgenstein, "dass die Logik unserer Sprache uns nur sinnvolle Aussagen über ontische (innerweltliche) Tatbestände erlaubt, nicht aber über das Sein bzw. das Seinsverständnis, das uns die Vorhandenheit dieser Tatbestände (der 'Sachverhalte' und 'Sachlagen') a priori 'freigibt'." Heidegger macht mit seiner Differenz unmissverständlich klar (und Apel gelingt hier eine ganz wunderbare Hermeneutik an dieser Stelle der Fundamentalontologie), dass die Zuhandenheit des Zeugs (Zeugwelt-Analyse Heideggers) pragmatisch zu verstehen ist, ex aequo die Wittgensteinsche Vorhandenheit der Tatbestände einem pragmatisch-intersubjektiven Ansatz folgt: beide nun also (der Vergleich geht noch wesentlich tiefer!) die Metaphysik verabschieden und ein Zeitalter des eben ONTISCHEN In-der-Welt-Seins einläuten...
Im zweiten Band der transzendentalphilsophischen Transformation in eine Transzendentalpragmatik bespricht Apel nun das Apriori der Kommunikationsgemeinschaft und wirft kritische Fragen zu Wittgensteins Traktatus auf: "Wir können die logische Form der Sprache, die zugleich die logische Form der Welt ist,weder konstruieren noch antizipieren. Sie zeigt sich in allen Konstruktionsversuchen bereits als Bedingung der Möglichkeit der Konstruktion." Die Sprache kann als "Zeichen-Medium" nicht auf die logischen Bewusstseinsbedingungen der Erkenntnis reduziert werden, sie weist auf das "Leibapriori" der Erkenntnis, das im komplementären Verhältnis zum "Bewusstseinsapriori" steht. Diese Aprioris sind in sich also Voraussetzung in der Existenz von Kommunikationsgemeinschaften ("als intersubjektive Metadimension") im Apelschen Versuche, wissenschaftliche Erkenntnis in der Komplementarität der szientifischen und hermeneutischen Wissenschaften zum Thema zu machen.
Apel geht so auch auf die semiotische Transformation der Transzendentalen Logik ein: Wissenschafts-Sprachen sind "semantical frameworks" - Regeln a priori zur Beschreibung und Erklärung der "Dinge". Laut Apel umformuliert Peirce die Frage nach der Kantschen Transzendentalphilosophie zu jener "nach der Möglichkeit einer intersubjektiven Verständigung von Sätzen bzw. Satzsystemen". Apel geht nun sehr intensiv auf Peirce ein und reiht dann bedauerlicherweise - so zumindest lesen sich die letzten Abschnitte des Buches - verschiedene Passi ein, die zwar schon eine gewisse Synopsis zum Grundthema erkennen lassen, teilweise aber auch die sonst so strikte Linie des Werkes unterbrechen. So bindet der Verfasser eine Fallstudie zu Chomskys Sprachtheorie mit ein und leitet dann um auf die Konsequenzen seiner Theorie für die Ethik bzw. Diskursethik, die logische Aporetik der Letztbegründung, die Verwirklichung der idealen Kommunikationsgemeinschaft und vollzieht damit zumindest letzthin wieder einen abzuleitenden Output aus dem Apriori der Kommunikationsgemeinschaft.
Das Verdienst der Apelschen Transzendentalpragmatik ist demnach nicht nur der Versuch der Versöhnung der erklärenden und verstehenden Wissenschaften, sondern auch der Beitrag zur Diskursethik und - quod erat demonstrandum - der Geltungsanspruch von Letztbegründungen normativer Institutionen (sozusagen der Geltungsanspruch auf Geltungsansprüche entgegen des Münchhausen-Trilemmas). Dass Apel diesem Trilemma faktisch aber nichts entgegen zu setzen hatte, steht auf einem anderen Blatt Papier...