Vergleicht man ein Album wie
Rolf Kühn Feat. Klaus Doldinger von 1962 mit vorliegendem Kühn-Elaborat "Transfiguration" aus dem Jahre 1967, gilt es von einer musikalischen Weiterentwicklung im hohen Skalabereich zu sprechen. Rolf Kühn hatte sich unter den vielerlei Einflüssen der 60er Jahre, die sowohl politisch als auch kulturell vieles bargen, neuen Formen wie dem Free-Jazz genähert. Nachdem er seinen Bruder Joachim 1965 auf Umwegen aus der DDR frei bekommen hatte, bildeten beide fortan eines der wichtigsten musikalischen Gespanne Europas.
Dies erkannte auch der legendäre Produzent und Schriftsteller Joachim-Ernst-Behrendt, der im Januar 1967 eine Plattensession für das MPS-Vorgängerlabel SABA einfädelte und somit das erste 'im Westen' aufgenommen Album der Brüder Rolf und Joachim Kühn auf die Beine stellte. Neben den beiden Brüdern stieß mit dem Vibraphonisten Karlhanns Berger ein Instrumentalist zum Ensemble, der musikalisch auf einer Welle lag und in Bezug auf modernen Jazz ähnlich 'tickte' - er sollte künftig, neben den Kühn-Brüdern und Leuten wie Mangelsdorff oder Gunter Hampel, zu einem der wichtigsten Erneuerer des Modern Jazz europäischer Prägung werden. Unterstützt von einer fulminanten Rhythmusgruppe aus dem Franzosen Bernard 'Beb' Guérin (der sich hier Bab Guérin betitelte) und dem Italiener Aldo Romano (der künftig einer der "Hausschlagzeuger" für MPS-Produktionen werden sollte, so u.a. bei Barney Wilens fetzigen
Dear Prof.Leary), war man gerüstet einen Grundstein des europäischen Free-Jazz zu legen. Wiederum versammelte man sich in den Räumlichkeiten des Studio Hamburg.
Eingespielt wurden 4 Stücke mit den Betitelungen "TRANSFIGURATION", "LUNCH DATE", "SOLO FLIGHTS" und "BUT STROKES OF FOLKS", wobei alle Nummern (mit Ausnahme des Titelthemas "TRANSFIGURATION", welches Rolf und Joachim gemeinsam komponierten) aus der Feder von Joachim Kühn stammen und gleichzeitig darauf aufmerksam machten, dass man hier die 'Feuertaufe' eines der renommiertesten Jazzpianisten der 70er und 80er Jahre erlebte. Alle Beteiligten zeigen sich, innerhalb der originalen Benny Goodman-Quintettbesetzung (Klarinette, Piano, Vibraphon, Bass, Schlagzeug), in ausgesprochener Spiellaune, feuern sich gegenseitig an, haben Mut für Neues, sind trotz aller musikalischen Freiheit stets versucht, musikalische Phrasen zu 'spinnen' und jeweils weiterzuspielen - der 'Ball' ist immer Bewegung, Stillstand wäre Rückschritt; deshalb also heißt es vorwärts stürmen ... und ist einfach witzig, wenn bei z.B. "SOLO FLIGHTS" Rolf plötzlich eine Phrase aus Händels "Feuerwerksmusik" abstrahiert.
"Transfiguration" ist ohne Zweifel eines der herausragendesten und kompromisslosesten Beispiele des frühen europäischen Free Jazz. Es ist sehr löblich, dass es nun innerhalb der Most-Perfect-Sound-Edition aus dem Hause Universal wiederveröffentlicht wurde. Hervorragend remastered, mit den reproduzierten Linernotes der Original-LP und Fotos der wichtigsten Akteure. Es lohnt sich hier, die Wiederentdeckung eines fast vergessenen Klassikers zu feiern und die CD im eigenen Heim bei Zimmerlautstärke aufzulegen ... Ihre Nachbarn werden staunen.