Aus der Amazon.de-Redaktion
Jäh kommt das Unglück. Der Hirnschlag ereignet sich inmitten der leisen Idylle eines kleinen amerikanischen Hafens bei Sonnenaufgang. Ein junges Paar legt an, er, 32 Jahr alt und Lyrikredakteur bei einer angesehenen New Yorker Kulturzeitschrift, legt die Ruder beiseite und massiert, "weil er eine Verspannung des Muskels zu spüren vermeinte, eine Stelle an seinem linken Unterarm. Als er aufstehen wollte, löste sich ein winziges Blutgerinsel und wurde in sein Gehirn gespült, wo es sich festsetzte".
So einfach, so verheerend. Damit beginnt ein intensives transatlantisches Panorama zwischenmenschlicher Beziehungen, von denen Transfer Lounge erzählt. Angelegt zwischen Nordamerika und Deutschland, handeln die 14 Geschichten von der Verwundbarkeit des Menschen, vom Vorher und Nachher der Zustände, von Wendepunkten. "Es geht", sagt eine junge Frau, die kurz zuvor eine ICE-Notbremsung erlebt hat, "um die Nanosekunden, in den wir unsere Geschichte aus den Augen verlieren und von dem berührt werden, was wir als unsere eigene Natur bezeichnen".
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Transfer Lounge ist keine Sammlung von Katastrophen-Stories. Hens erzählt leise, unspektakulär und reflektiert. Von Liebe, Einfühlsamkeit, Egoismus, Angst. Und von sehr verschiedenen Menschen und Interieurs: von einem Schweißer, einem jugendlichen Geiselnehmer, einem Hafenmeister, von kultivierten Schöngeistern und solchen, in deren Jugendstilwohnung "der ganze Shakespeare in einer furchtbaren Übersetzung" steht. Diesseits und jenseits des Atlantiks, in einer Natur, die Hens als weite und verbindende Stille über die Sehnsüchte seiner Figuren legt, ist ihnen eines gemeinsam: das Erlebnis des Memento mori, eines intimen, konzentrierten Schicksalsmoments, der alles ändert.
Gregor Hens, in Köln geboren, lehrt als Literaturwissenschaftler an einer amerikanischen Universität. Der Germanist konnte am eigenen Leib erfahren, wie Rezeption entsteht. Angesichts seines Erfolgsromans Himmelssturz sprach die Presse von einem "Meisterwerk". Transfer Lounge ist definitiv ein würdiger Nachfolger. Keine Schubladentext-Sammlung, sondern exakt komponierte, betörende Prosa und vor allem: ein wunderbares Buch. --Nikolaus Stemmer
Pressestimmen
Gleichviel, ob ein Zug entgleist oder ein Kirchturm zusammenbricht, immer sind es bei Hens unvorhergesehene Erschütterungen, die die Konsistenz des Individuums sprengen und es - wie in Kleists "Erdbeben in Chili" - durch eine Lücke der Verhältnisse in einen anderen Zustand entkommen lassen, wo keine Vernunft mehr gilt, wo sich das Ich in Tränen verflüssigt und das Risiko die einzige Spielregel bleibt. Erstaunlich ist die Ökonomie, mit der Hens sein Netz der Aperçus spannt und am Ende die anarchische, tückische Schönheit des widerspenstigen Lebendigen erbeutet. Seine "deutsch-amerikanischen Geschichten" geben eine literarische Antwort auf die New Yorker Terror-attacke. Denn sie stellen sich dem Reiz der Selbstauslöschung und der Sehnsucht nach einer umwälzenden Zäsur, die dem gepflegten Mittelmaß ein Ende macht. Hens baut sie nicht aus Biographien, sondern aus Situationen auf. Weil es nur oberflächlich um spezifische Daseinsformen geht, in Wahrheit aber um den novellistischen Bruch mit der Kontinuität, richtet sich diese Prosa an all jene, die an der zähen Folgenlosigkeit der Spätmoderne leiden. Vergeßt die ganzheitlichen Entwürfe, scheint er zu sagen, es sind die Scherben, aus denen das Glück blitzt. (Ingeborg Harms) --Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. März 2003