Es gibt wohl kaum eine zweite mythische Figur, die über einen solch langen Zeitraum eine gleichwertige Faszination auf die Menschen ausgeübt hat wie die Figur des Vampirs. Ursprünglich aus dem osteuropäischen Volksglauben stammend, trat der Vampir in der Epoche der Romantik seine Reise in die Literatur an. Zunächst in den deutschen Schauerromanen, dann in den englischen Gothic Novels. Von da ging es mit dem neuen Medium des Films weiter auf die Kinoleinwände dieser Welt. Heute ist der Vampir längst nicht mehr nur im Horrorgenre ein Begriff, sondern fester Bestandteil der Populärkultur geworden. Doch während heute das romantisch-melancholische Bild eines erotisch höchst anziehenden Wesens, wie es Anne Rice in ihren Vampirchroniken zeichnet, dominiert, war der Vampir des Volksglaubens alles andere als das: er war ein von Gott verfluchtes, wiederwärtig-ekliges Wesen, von abscheulich äußerlicher Gestalt, dazu verdammt sich allnächtlich vom Blut der Lebenden zu ernähren und diese sodann selbst in seine dunkle Welt zu holen. Für die damaligen Menschen waren Mystik und Aberglaube Teil ihrer Alltagswelt und dieses Wesen so real wie für uns heute das Wissen um die neun Planeten unseres Sonnensystems.
Es überwogen das übernatürlich geprägte Weltbild der Kirche und mythische Erklärungsformen bezüglich der Phänomene, welche sich in der Welt ereigneten. Das änderte sich erst mit der Epoche der Aufklärung allmählich, als sich der Mensch als das Maß aller Dinge ansah und die Naturwissenschaften mit ihren rationalen Erklärungsansätzen ihren Siegeszug über Religion und Geisteswissenschaft antraten, welche zuvor die Erklärungshoheit innehatten.
So wurde auch das Phänomen des Vampirismus einer positivistisch-rationalen Betrachtungsweise durch ein naturwissenschaftlich geprägtes Weltverständnis unterworfen. Das hier zu nennende Standardwerk: Michael Ranfts 1734 erschienenes "Traktat Von Dem Kauen Und Schmatzen Der Toten In Gräbern.". Der 1700 in der Nähe von Leipzig geborene studierte "Magister der Weltweisheit" dokumentiert in akribischer Kleinarbeit die ihm zur Erfahrung gekommenen Fälle des Vampirismus, um sodann die entsprechenden Erklärungen zu finden.
Seit 1734 erfuhr seine Abhandlung keine Neuauflage. Bis sich im 21. Jahrhundert Nicolaus Equiamicus des Werkes annahm, es überarbeite und es dadurch auch dem UBooks Verlag ermöglichte, es auf dem deutschen Markt erneut zu veröffentlichen und dem interessierten Leser zur Verfügung zu stellen.
Das Traktat gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil "Erste Abhandlung, Historischer Und Kritischer Natur." legt der Autor zunächst sein geplantes Unterfangen dar, um sich sodann einer kritischen Auseinandersetzung mit historischen Erklärungsansätzen zum Thema Vampirismus zu widmen, in denen noch der Aberglaube dominiert. Mit der Aussage "Das Kauen Und Schmatzen Der Toten Ist Kein göttliches Wunderwerk'Und Auch Kein Zeichen des Teufels." macht Michael Ranft klar, was die zentrale Aussage seines Buches ist: die beobachteten Phänomene sind natürlicher Ursache und naturwissenschaftlich erklärbar.
Der zweite Teil mit dem Titel "Zweite Abhandlung, Philosophischer Natur." unternimmt eine argumentative Reise philosophischer Natur. Durchblitzen tut hier das Prinzip von Rene Descartes' Leib-Seele Dualismus:
Wie hängen Körper und Seele zusammen, was ist Geist, was Materie und wie hängen beide zusammen?
Was passiert mit dem Körper nach dem Tod und seiner Beisetzung, was mit der Seele?
Vormals übernatürliche Phänomene wie das Wachstum von Haaren und Nägeln nach dem Tod, die Abschälung der Haut oder das Bluten des toten Körpers werden nun nicht mehr teuflischen Mächten zugeschrieben, sondern forensische Beobachtungen und Auswertungen aus einer neuen Perspektive zugänglich.
Daran schließt sich der dritte und letzte Teil des Traktats "Dritter Teil: Der Vampir Arnold Paole Und Die Vampirlage In Den Dörfern Medvedia Und Kucklina im Winter 1731/32 ' Rezensionen Zu Weiteren Abhandlungen Über Das Phänomen Der Vampire."
Hier widmet sich Michael Ranft der Schilderung konkreter und historisch dokumentierter Fälle von Vampirismus. Unter anderem dem Fall des ehemaligen Soldaten Arnold Paole im Dorf Medvedia um die Jahreswende 1731/ 32. Genau beschreibt er die sich zugetragenen Ereignisse, sammelt Daten und Fakten, um diese dann unvoreingenommen auszuwerten. Nur dadurch werden ihm neue Einblicke und Erkenntnisse in das Phänomen des Vampirismus möglich.
Die erste und dazu wahrhaft meisterhafte wissenschaftliche Abhandlung zum Thema Vampirismus. Das Traktat bietet interessante Einblicke in das sich neu formierende Weltbild der damaligen Zeit und seine Erklärungsmuster. Noch nicht ganz losgelöst von der Macht und dem Einfluss der Kirche, um diese direkt zu hinterfragen, legt Michael Ranft interessante Argumentationsstrukturen dar und beschreibt in seinem wissenschaftlichen Schreibstil akribisch, detailgetreu, aber vor allem auch sehr anschaulich für den Leser, was das Phänomen des Vampirismus ausmacht und welche Erklärungen es dafür aus seiner Perspektive gibt. Darüber hinaus macht es die damalige Alltagswelt der Menschen erfahrbar, thematisiert Aberglaube und Magie genauso wie unterschiedliche Körperbilder.
Ein ganz klares Lesemuss für alle, die sich für die Themenbereiche Vampir, Vampirismus und deren Geschichte interessieren und darüber hinaus ein echter Geheimtipp für Historiker und Sozialwissenschaftler.