Für ganz eilige Leser gleich vorweg: Unter bahnhistorischem Aspekt vergebe ich die volle Punktzahl, für die technische Ausführung nur drei.
Was immer BSI geritten hat, die Strecke Berlin-Rostock neu aufzulegen und in die aktuelle Zeit zu versetzen, der Zugsimulator-Spieler, der auch die Eisenbahn unter ihrem historischem Wandel versteht, kann es nur tausendfach danken. Auch ohne den direkten Vergleich mit dem Add-On aus DR-Zeit vermittelt diese Strecke eindrucksvoll den noch zögerlichen infrastrukturellen "Aufschwung-Ost" gerade in der (privat-)baulichen Substanz bei gleichzeitig radikalem Rückbau von Eisenbahnanlagen bei nicht minder eingreifender Modernisierung verbliebener Bahnhofsbauten.
Insofern ist mit dieser Strecke eine wertvolle dokumentarische Momentaufnahme gelungen, die für eine Simulation weit über den rein spielerischen Wert hinaus reicht und eine bisher in dieser Ausprägung nicht dagewesene zeithistorische Dimension erschließt. (Diskussionen darüber, inwieweit eine Dorfkirche um hundert Meter verlegt wurde, mal außer Acht gelassen, es geht um den Gesamteindruck).
An fast akribisch anmutenden Details - vereinsamte, dem Verfall überlassene Formsignale bei längst abgebauten Gleisen, schmucke Einfamilienhausfassaden inmitten grauer Plattenbauten, hochmodern verglaste Fußgängerbrücken bei gleichzeitig pflanzenüberwucherten stillgelegten Bahnsteigen, etc. - wurde keinesfalls gegeizt und verdient ein dickes Lob an die Streckenplaner und Rechercheure, wie auch die dringende Kaufempfehlung an jene Kunden, die eine atmosphärisch dichte, in sich dokumentarisch stimmige und zum genaueren Hinschauen verführende Strecke erwarten - an der es in den bebauten Gebieten viel zu entdecken gibt.
- Und hierin erweisen sich kleine Mankos in der handwerklichen Umsetzung des Streckenbaus als störend: Offensichtliche Texturnähte, die die Landschaft als Patchwork erscheinen lassen, bis in halber Fensterhöhe im Boden "versenkte" Häuser, abrupt endende Straßenstümpfe in freier Landschaft, einstöckige Gebäude, die anderthalbfach mehrstöckige überragen ... das sind eben jene ins Auge springende, den positiven Gesamteindruck dann doch schmälernde Mängel, leicht zu behebende Kleinigkeiten, sicher, die einfach nicht zu sein bräuchten. Hier fehlt es am letzten Feinschliff.
Ebenso wundert es - vom rein spielerischen Aspekt her - wenn dankenswerter Weise eine große Fülle neuen Rollmaterials (qualitativ gar nicht mal so schlecht) mitgeliefert wird und dann zwischen Warnemünde und Berlin gleich in der ersten Aufgabe lediglich drei Zugbegegnungen stattfinden, nicht eine davon in Berlin. Hier besteht eine arg große Kluft zwischen der Lebendigkeit der Landschaft und der spielerischen Öde bei der Fahrt durch "Geisterbahnhöfe".
Insofern wäre es begrüßenswert, wenn diese an stimmungsvollen Details reiche Strecke durch ein Update auch die angemessene handwerkliche Premium-Qualität erreichte.
Im Doppelpack mit PT 9 ist PT 19 bereits jetzt ein absolutes Highlight bahnhistorischer Simulation, das Appetit auf zwei weitere Vierteljahrhundertssprünge zurück in die deutsche Bahngeschichte macht ...