Mit den Wölfen heulen
Über Dennis Johnson: Train Dreams
Der Kootenay River, Herzschlagader in Johnsons längerer Erzählung Train Dreams, überschreitet die kanadisch-amerikanische Grenze, fließt in einem schmalen Bogen nach Norden zurück, um sich ein zweites Mal nach Süden zu wenden und noch auf kanadischem Boden in den Columbia River einzumünden: ein wahrer Grenzfluss.
Von einer Grenze, die ihrem Wesen nach eine ganz andere Grenze ist als diejenige, die zwei Staaten voneinander trennt, handelt Johnsons Erzählung. Als sich Robert Grainier, zentrale Figur des Textes, schon in hohen Jahren befindet, sieht er auf die noch hundert Kilometer entfernten kanadischen Rockies und hat das Gefühl, sähe er die Erde (...) mitten in ihrer Erschaffung". (105) Er sieht eine mythisch unterlegte Welt, der eine Welt gegenübertritt, die sich (20. Jahrhundert) in der Hochgeschwindigkeit ihrer verkehrlichen Erschließung befindet und deren Hauptschlagader nicht mehr ein mythischer Grenzfluss ist, sondern eine Trasse, die verbunden war mit sämtlichen Bahnlinien des Kontinents." (14)
Der Blick des Robert Grainier geht in die schweigenden Wälder des Nordens und ist erfüllt von dem Gefühl, fern und verloren zu sein", und der Hoffnung, dass ihm, mit so vielen Bäumen als Beschützern nichts geschehen konnte." (15) Aber es wird, gefördert durch den gigantischen Hunger einer sich industriell entwickelnden und Krieg führenden Welt nach dem Rohstoff Holz, ein ebensolcher Krieg geführt gegen diesen mythischen, jetzt zum Wirtschaftsgut gewordenen Wald mit seinen riesigen" Fichten, sodass sich das Antlitz der Berghänge" (16) auf immer verändert.
Robert Grainier gelangt als junges Kind in die Welt des Kootenai River aus einem irgendfernen Ort. Er weiß nichts über seine Eltern, seine Herkunft. Erst als längst erwachsener Mann wird er bei einem abenteuerlichen Flug in einem propellergetriebenen Seelenverkäuferflugzeug eine epiphanische Erinnerung an seine Kindheit in sich erleben: ein goldenes Weizenfeld und Arme, die ihn umfangen. Er kommt mit dem Zug, einen Zettel um seinen Hals gehängt, lebt bei Onkel und Tante, die ihn über seine Identität nicht ins Bild setzen; seine französische Muttersprache wird ihm ausgepeitscht", und als der kleine Robert, auf den Schultern des gleichnamigen Onkels sitzend - der Kootenai River ist über seine Ufer getreten - beobachtet, wie das kleine Posthäuschen auf den Wassern des Flusses davon gestrudelt und erst viele, viele Meilen südwärts an Land gespült wird, dann ist das wie ein Sinnbild für die Existenz dieses Kindes: losgerissen zu sein, weggespült zu werden und irgendwo an festes Land zu treiben.
Noch bevor erzählt wird, wie sich Grainier und Gladys kennen lernen, führen die beiden ein Gespräch über das, was Menschen vom Tier unterscheidet. Kate, die Winzlingstochter, wird von Gladys mit kalten gekochten Haferflocken" gefüttert, als Grainier seine junge Frau nach dem Unterschied zwischen einem Menschenbaby und einem Hundewelpen fragt. Ein Hundebaby komme schneller als ein Menschenkind alleine zurecht" (10), erhält er als Antwort. Ab diesem Zeitpunkt beginnt sich Grainier unmerklich in seinen Empfindungsweisen zu verändern, und es wird nicht ganz klar, ob sich Grainiers inneres Wesen ins Transmenschliche oder Vormenschliche verschiebt, weil er einer Schuld, die er auf sich geladen hat, auf diese Weise ausweichen möchte, oder weil er auf andere Weise seinem großen Schmerz anders als in den Stimmen der Tiere, besonders der Wölfe, keinen Ausdruck verleihen kann.
Nach dem Verlust von Fau und Kind ist die Traurigkeit seines Herzens" (43) so groß, als wäre sie selbst ein Stück Materie", aus der nach und nach alle hoffnungsvollen Gedanken wegbrennen, auch wenn schon bald nach dem Brand viele Triebe und Blumen" dem Boden entsprießen. Laut ruft Grainier nach seiner Frau. Sie antwortet nicht; einmal wird sie kommen als eine Erscheinung und ihr Todesschicksal erzählen. Er denkt an die kleine Kate und gesteht sich ein, dass sie nicht mal so ein kleiner Sprössling" geworden sei. (45) Albträume verzehren ihn Nacht für Nacht: Gladys kommt, in rauchenden Lumpen, die Tochter auf dem Arm, und steht weinend in der Ödnis. Einmal wird Kate kommen, als Wolfsmädchen, auf schlimme Weise versehrt, und nach einer Nacht wieder aus Grainiers Hütte fliehen. In seinem krank machenden Schmerz lauscht Grainier in die Nacht und hört die Wölfe singen" (45) und bald legt Grainier, wenn er dieses Singen hört, seinerseits den Kopf in den Nacken und heulte, was das Zeug hielt" (53) und spült sich die Materie gewordene Traurigkeit aus dem Herzen, die sich sonst dort festgesetzt hätte". (ebd.)
Grainier kommt aus dem Irgendwo und er geht ins Irgendwo. Niemand weiß, wo er herkommt, und als er betagt über achtzig Jahre alt") stirbt, wird er von niemandem vermisst, bis Wanderer seine Leiche finden und er bestattet werden kann. Anfangs der Erzählung beteiligt sich Grainier an der Beinahe-Ermordung eines chinesischen Arbeiters, dem ein Diebstahl vorgeworfen wird. Grainier ist in der Folge von der Angst besessen, der Fluch dieses Chinesen liege nun auf seinem Leben. Ein zweites Mal weigert es sich, bei einem sterbenden Landstreicher auszuharren, auch wenn er ihm noch in einem Schuh Wasser zum Trinken bringt. Entsprechend erlebt Grainier die große Katastrophe, einen Brand im Moyea-Tal, bei dem seine Frau und die Tochter Kate ums Leben kommen, als Folge dieses Fluchs, auch wenn er fand, dass die Strafe allzu gewaltig war." (61)
Grainier kann nur die Bürden und Lasten seines eigenen Lebens erfassen. Er geht an ihnen nicht zugrunde, er spricht nicht mit anderen Menschen über sein Leiden. Er durchlebt sein bescheidenes Leben in einer bewundernswerten Tapferkeit und als er am Ende seiner Tage seinen Blick auf den Spruce Lake richtet und die hinter ihm liegenden kanadischen Rockies richtet, da war (der Fluch) von ihm gewichen". (106) In einem Theater erlebt Grainier - es ist die letzte Episode in der Erzählung - den Auftritt eines Wolfsjungen. Wie Grainier legt auch dieser schließlich seinen Kopf in den Nacken, öffnet seinen Schlund und dann erhebt sich im Zuschauerraum ein Geräusch, das aus der Erde heraufgrollt und alles umfasst, was Geräusche umfassen können, bis auf einmal alles schwarz" (110) wird. In der Stimme dieses Wolfsjungen ist Grainier noch einmal zu hören. Es ist aber auch die Schmerzenstimme aller, die anders sich nicht Ausdruck verschaffen konnten, und es ist der Schmerzlaut einer untergegangenen Welt, die den Dämonen der Silberwährung und dem Eisenbahnlandraub" nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Und jene Zeit war für immer vorbei." (110)