Kurzbeschreibung
Haare kann man in alle möglichen Formen bringen, aber beständig sollte eine Frisur meist sein. Der Wind ist daher so etwas wie ihr natürlicher Feind. Spangen, Zöpfe, Haarspray, Gel, sogar der Haarschnitt selbst, sollen einer Auflösung der Frisur durch Wind oder sonstige Bewegung vorbeugen. Andererseits ist lebendig bewegtes Haar erwünscht, denn es stellt unsere Lebendigkeit dar: beim Tragen einer Frisur, aber auch in Bildern der Werbung oder in alter Malerei.
Kurioserweise kam man früh auf die Idee, Frisuren so zu gestalten, daß sie zwar so starr wie üblich waren, aber bewegt oder wie vom Sturm erfaßt wirkten. So konnten Hochfrisuren des Rokoko eine von Stürmen aufgepeitschte See darstellen, als handele es sich nicht um Haare, sondern Bildwerk. Und nach der Französischen Revolution mimten die Haare stürmischen Aufbruch, obwohl vielleicht ein rückwärtsdenkender Kopf darunter steckte; wenig später drapierte der Dandy sorgfältig Locken und Strähnen, nur damit sie verwahrlost und möglichs t flatternd wirken konnten. Aber auch heutige Frisuren können aus dem Sturm die stürmische Attitüde, aus der Bewegung des Haares ein tragbares Bild von Bewegung machen. Jüngere Vorformen sind die peinlichen 'Haarhelme' der 70er, oder das beschwingt sich gebende 'Big Hair' der 80er Jahre - eine Zeit, in der Vidal Sassoons 'Olympics Collection' die typische Bewegung eines Sportlers bereits in dessen Frisur visualisieren wollte; und die hinten lange, vorne kurze Haarmatte des 'Vokuhila' tat so, als sei sie immerzu auf dem Sprung ins nächste Abenteuer.
Die vorliegende Studie gruppiert solche Phänomene systematisch und untersucht erstmals die Zusammenhänge zwischen einer Rhetorik bewegten und einer Rhetorik des Bewegung nur mimenden Haares. Deutlich werden im historischen Vergleich die politisch bis ästhetisch gelagerten Motive für 'tragbare Stürme' auf den Köpfen.
Über den Autor
Christian Janecke, geb. 1964, hat in Kunstgeschichte promoviert (1993), mehrere Jahre an Kunsthochschulen gearbeitet, einiges zur zeitgenössischen Kunst geschrieben und ist seit April 2002 Inhaber der Wella-Stiftungsdozentur für Mode und Ästhetik an der TU-Darmstadt. Schwerpunkte seiner dortigen Lehre sind die Frisur sowie Inszenierung und Performance in der Mode.