Dem noch nicht vierzigjährigen Cambridge-Professor Orlando Figes ist mit seinem Mammut-Werk zur russischen Revolutionsepoche etwas Seltenes gelungen: ein -- wie die wissenschaftliche Fachkritik feststellt -- historiographisches Meisterwerk ersten Ranges, das bereits zum Standardwerk der jüngeren russischen Geschichte hochgelobt wird. Und eine Geschichtserzählung, die sich auch für den Laien spannend wie ein Roman liest.
Bücher über die russische Revolution dürften mittlerweile ganze Bibliotheken füllen. Figes Arbeit rechtfertigt sich in diesem Überfluß durch die Originalität seines Ansatzes und sein kompositorisches und erzählerisches Talent. Sozial- und kulturhistorisch orientiert, behandelt er den weiten Zeitraum von der Hungersnot 1890 bis zum Tode Lenins im Jahre 1924 unter Verzicht auf alle theoretischen Erörterungen. Er sieht den Weg von der Hungersnot 1891 über das Ende der Zarendynastie bis zum Ende Rußlands nicht als Wirkung abstrakter Kräfte oder Ideologien, sondern als Folge menschlichen Handelns; die Revolution ist für ihn "ein Prozeß, der sich aus individuellen Tragödien zusammensetzt". Folgerichtig erzählt er ganz aus der Perspektive miterlebender Zeitgenossen: Aus einer Fülle von Einzelerlebnissen und -beobachtungen entwirft er ein Panorama der menschlichen Katastrophen dieser Zeit.
Figes Protagonist ist das Volk in seiner Gesamtheit, das heterogene Sozialgefüge aus Bauern, Adeligen, Bürgern und Soldaten mit ihren unterschiedlichen Interessen und Einflußsphären. Um deren Mentalität, Lebens- und Erlebnisweisen nachzuzeichnen, um denen Gestalt und Stimme zu geben, deren Schicksal in der Geschichtsschreibung meist hinter Strukturen, Institutionen oder Theorien verborgen bleibt, hat Figes über die offiziellen Quellen hinaus Tagebücher, private Notizen und Korrespondenz ausgewertet. Er führt den Leser an der Seite ausgewählter, historischer Figuren aus allen Bevölkerungsgruppen durch die Zeiten und Räume, schildert mit großer Detailgenauigkeit dramatische Szenen, Einzelschicksale und Ereignisse der großen Politik, wechselt beständig zwischen Vogelperspektive und Nahaufnahme. Dieser erzählerische Ansatz verleiht der Darstellung einen lebendigen Rhythmus und den erzählten Vorgängen eine hohe Intensität, es macht die Lektüre des Buches zu einem aufregenden Leseerlebnis. --Christoph Sabel
Das historische Buch
Die grosse Tragödie
Orlando Figes' Geschichte der russischen Revolution
Schon wer das knapp tausend Seiten starke Opus in der Hand hält, vermeint zu wissen, was das sei: das Gewicht der Geschichte, die Mühen des Menschseins. Die Abbildung auf dem Schutzumschlag drückt das Thema des Buches in drastischer Verdichtung aus: Vom oberen Drittel starren einem ein Bauer und eine Bäuerin in dumpfer Verzweiflung entgegen. Die Photographie darunter, blutrot eingefärbt, zeigt bolschewistische Soldaten im Angriff auf die Kronstädter Rebellen.
Der junge britische Historiker Orlando Figes stellt seine Geschichte der russischen Revolution, zweifellos das künftige Standardwerk, unter das Leitmotiv der «Tragödie». Tragisch sind ihm nicht nur die «dramatis personae»: Lenin, der kurz vor seinem Tod realisierte, dass sich mit Stalins Nachfolge die Revolution in eine unheilvolle Richtung entwickeln würde; der Zar Nikolai und seine Frau Alexandra, die auf die Anforderungen der Moderne mit dem eisernen Rückgriff auf die frühneuzeitliche moskowitische Autokratie reagierten; Gorki, der trotz seinem Einsatz für die Revolution aus Protest und Enttäuschung über die Brutalität des Regimes 1921 in den Westen emigrierte.
Erzählkunst
Tragisch sind nicht nur die Biographien der grossen Männer, welche, wie Figes wider unser sozialhistorisiertes Bewusstsein einwendet, den Lauf der Geschichte doch beeinflussten. Tragisch sind auch die Geschichten kleinerer Leute, die meisterhaft in die Erzählung eingeflochten werden; beispielsweise das Schicksal des Bauern Semjonow, der sich in seinem Dorf ein Leben lang gegen die despotischen Dorfältesten wehrte und schliesslich nach der Revolution, im Zuge der heftigen Aufstände gegen die Bolschewiki, von seinen alten Feinden ermordet wurde. Die oft erschütternden Zitate aus Briefen und Tagebüchern lassen den Leser dicht am düsteren Geschehen teilhaben. Orlando Figes erweitert in seiner überwältigend umfassenden Gesamtdarstellung, die in den 1890er Jahren einsetzt und sich, weder ein bedeutsames Ereignis auslassend noch eine relevante Struktur vernachlässigend, bis zum Tod Lenins 1924 erstreckt, mit der Berücksichtigung mentaler anthropologischer Aspekte die Optik der bisher vorliegenden politischen und sozialgeschichtlichen Arbeiten entscheidend. In seinem Verständnis ist die Historiographie vor allem eine Erzählkunst. Die methodologischen Probleme dieses Vorgehens bleiben allerdings undiskutiert.
Tragisch ist schliesslich auch das Schicksal der gesamten sowjetrussischen Bevölkerung. Dabei wird das «Volk» (das es ja einem intellektuell-antipopulistischen Grundsatz gemäss nicht gebe) präzis aufgefächert. Figes zeigt die sich ändernden Konstellationen verschiedener Schichten untereinander und zum Hof, den eine zusehends tiefere Kluft von der Gesellschaft trennte. Neben dem schwachen liberalen Bürgertum werden eingehend die Bauern und Arbeiter dargestellt. Sie entwickelten im Laufe des Jahres 1917, nach der Implosion des Reiches im Februar, eine revolutionär-demokratische Dynamik, die zur Bildung des Rätesystems führte. Während aber die provisorische liberale Regierung an die Einführung der parlamentarischen Demokratie glaubte (und gleichzeitig die Wahlen verzögerte), ohne die Notwendigkeit einer sozialen Revolution einzusehen, auf welche die Massen doch drängten, verpassten die sozialistischen Räte- und Parteiführer mehrmals die Gelegenheit, die Macht zu ergreifen.
Der gut marxistischen Überzeugung der Menschewiki gemäss hatte zuerst die bürgerliche Revolution stattzufinden. Der demokratische Sozialismus wartete einen Sommer lang auf seine Verwirklichung. Es zögerten die revolutionären Massen, es zögerte fast die gesamte linke Intelligenz nur die von Figes dämonisierten radikalen Bolschewiki nicht. Sie konnten unter grotesken Umständen die Macht im Handstreich übernehmen und mit wachsender Unterstützung durch die Räte und deren gleichzeitiger Unterwanderung den Bolschewismus installieren. Der innen- und aussenpolitische Druck auf die Regierung wird als gering eingeschätzt.
Das Volk als Protagonist
Das Volk, obschon es im Bürgerkrieg fast zerrieben wurde, war nach Orlando Figes nicht Opfer der Revolution, sondern «der Protagonist seiner eigenen Tragödie». Die bäuerliche, undemokratische russische Kultur brachte die «Katastrophe» der Revolution hervor, die in den Terror eines neuen Zarismus mündete; dessen Wurzel bildet paradoxerweise die in der Bauerngemeinde verankerte Tradition «sozialer Gleichmacherei», wie es tendenziös heisst. Auch wenn es zu begrüssen ist, dass die Geschehnisse von 1917 nicht primär auf den Marxismus zurückgeführt werden (als ob, wie Figes treffend sagt, «Ideen Beine hätten und laufen könnten»), weist seine Argumentation grosse Schwächen auf. Schreckliche Verbrechen wurden bekanntlich nicht nur vom «barbarischen Osten», sondern, wenig später, auch vom zivilisierten Westen begangen.
Im Grunde verachtet Figes das Volk. Das belegen verschiedene Formulierungen, die man nur als (allerdings zu häufige) Ausrutscher entschuldigen kann oder die von einem Zynismus herrühren müssen, der aus der langjährigen Beschäftigung mit dem Leid erwachsen ist. Da trifft man auf «ungebildete Elemente aus den unteren Schichten» und den «Mob»; diese Bezeichnung, so wird man nach mehreren hundert Seiten unvermittelt aufgeklärt, nachdem man das Wort ungezählte Male gelesen hat, sei von der Aristokratie und dem Bürgertum abwertend verwendet worden. Was erstaunt und stutzig macht, ist der Verzicht auf eine vertiefte Auseinandersetzung mit den «Inhalten» der Revolution, mit den Theorien der Revolutionäre und mit konkurrierenden historiographischen Deutungen. Figes erachtet es nicht als notwendig, seinen «liberalen» mit anderen Ansätzen zu konfrontieren. Mit dem Ende des kalten Krieges scheint seine Haltung möglich geworden, die jenseits aller ideologischer Streitereien im Namen «des Menschen» und von dessen offenbar kaum veränderbarer Natur spricht.
Urs Hafner