Nicht jede Truppe, die heute unter dem Sammelbegriff "Hedgefond" geführt wird, versucht das Geld der Investoren mit Trading zu vermehren. Onkel Müntes Heuschrecken beispielsweise traden nun in der Regel gerade nicht. Soviel zur Sachkenntnis des Verlegers, der unbedingt seine grüne Heuschrecke auf den Umschlag bringen und den Originaltitel verändern musste. Bei den tatsächlich mit dem aktiven Handel befassten Hedgefonds wird darüber hinaus gewiss nicht so gehandelt wie uns das James Altucher hier einreden will. Mr. Altucher stellt uns lediglich eine Reihe von mechanischen Handelssystemen vor, die in der Simulation hinreichend erfolgreich waren. Der Rest ist übliches Marketinggetöse, um dieses Buch möglichst interessant zu machen. Wir wollen also festhalten, dass wir nirgends in diesem Buch das tatsächliche Handeln eines Hedgefonds nachvollziehen können. Vielmehr geht es nur um die Handelsideen von Mr. Altucher, der einmal einen Hedgefond geleitet hat. Warum wohl teilt uns der Autor nicht mit, welche Performance sein Hedgefond hatte und wie sie im Detail erzielt wurde? Das wäre doch mal was Neues und ein Inhalt, der dem Titel des Buches wirklich folgen würde.
Der Autor beginnt mit mehreren simplen Systemen zum Trading von Eröffnungslücken, die alle auf der Hoffnung beruhen, dass die Lücke schnell geschlossen wird. Passiert das tatsächlich, gehen die Systeme aus dem Markt, passiert es nicht, wird die Position am Tagesende geschlossen. Wenn man sich die Simulationsresultate genau ansieht, dann stellt man fest, dass man für diese Systeme sehr gute Handelskonditionen und sehr viel Handelskapital braucht. Die Gewinne sind durchschnittlich klein, kommen aber sehr viel häufiger vor als Verluste, die dafür aber viel größer sind. Intuitiv ist das völlig verständlich. Handelt ein Kleinanleger auf diese Weise, dann bedrohen ihn nicht nur die Gebühren, sondern auch der Zufall, der nach dem Gesetz von der maximalen Bosheit gerade dann viele Verluste hintereinander erzeugt, wenn man sie überhaupt nicht gebrauchen kann. Und natürlich muss sich jeder fragen, ob er die mentale Kraft hat, Trades einzugehen, gegen die sich die eigene Intuition sträubt, die aber das System verlangt. Man muss sich schon darüber klar sein, dass Systemhandel keine Ausnahmen duldet. Im zweiten Abschnitt wird eine interessante Variante des Pairs Trading vorgestellt. Man betrachtet zwei stark korrelierte Märkte, handelt aber nur den volatileren Teil, wenn er sich zu weit vom Partner entfernt. Dieser Abschnitt ist recht ausführlich gehalten. Das kann man vom nächsten nicht sagen. Mr. Altucher schlägt vor, in Konkurs gegangene Gesellschaften zu kaufen, weil er die Erfahrung gemacht hat, dass sich danach die gefallenen Kurse noch einmal verdoppeln. Da Konkurse von Aktiengesellschaften nicht häufig vorkommen, kann dieses "System" auch nicht mit belastbaren Daten unterlegt werden. Das übernächste Systeme benutzt Bollingers Bänder. Man soll einen Markt kaufen, wenn er sein unteres Bollinger-Band durchschlägt und ihn wieder verkaufen, wenn er zur Mitte des Bandes zurückkehrt. Kenner wissen, dass man dafür ziemlich gute Nerven braucht, denn oft ist die Kaufbedingung das Signal für eine beschleunigte Abwärtsbewegung. Der erfahrene Leser könnte mit ein wenig Kreativität dieses System durch einfache Zusatzbedingungen wesentlich verbessern. Im folgenden Abschnitt geht es um ein System, das das Unterschreiten der 5-Dollar-Marke beim Aktienkurs für ein Kaufsignal hält. Meine Intuition sagt mir, dass dies ein ziemlicher Blödsinn ist, die Statistik von Mr. Altucher dagegen spricht bei knapp 1800 Trades davon, dass im Mittel (!) bei 18 Trades 11 mit Gewinn ausgehen. Er hat dafür 7000 amerikanische Aktien untersucht. Ich werde das dennoch nicht nachmachen, weil ich wahrscheinlich die paar hundert Trades erwischen würde, bei denen es nicht klappt. Man bedenke an dieser Stelle, dass dieses merkwürdige System den jeweiligen Markt gar nicht untersucht, sondern nach einer marktübergreifenden scheinbar willkürlichen Regel handelt. Deshalb habe ich starke Zweifel, dass Mr. Altucher mit diesem System tatsächlich jemals real gehandelt hat. Dafür ist das folgende System ein Klassiker, denn wir sollen das Kreuzen des 22- bzw. 55-Wochen-Gleitmittels handeln. Von 1950 bis 2003 ergaben sich 16 Trades im S&P 500 mit einer sehr überzeugenden Performance. Wenn man aber mit diesem System permanent Geld verdienen will, dann muss man in sehr vielen Märkten gleichzeitig sehr lange sein, also auch sehr viel Geld einsetzen können. Das ist genau das Grundprinzip bei fast allen vorgestellten Systemen: Man braucht viel Geld, um die Performance zu erreichen. Ich will es bei diesen Beispielen belassen, weil mit ihnen das Wesen des Buches bereits gut erklärt ist.
Dieses Buch zeigt uns natürlich nicht, wie Hedgefonds beim realen Trading vorgehen. Es ist auch kein Einsteigerbuch über den Systemhandel. Wer sich ernsthaft mit dieser Art des Tradings befassen möchte, sollte sich zunächst besser die Standardwerke besorgen.
Fast alle vorgestellten Systeme sind scheinbar gut untersucht. Bei den im Buch vorgestellten Untersuchungen handelt es sich jedoch um statistische Aussagen. Die meisten Menschen neigen aber leider zu einer falschen Interpretation von Statistiken. Was in der Simulation gut aussieht, muss darüber hinaus im realen Handel nicht unbedingt genauso gut laufen. Wenn in einem System beispielsweise der mittlere prozentuale Gewinn unter 1% liegt, dann braucht man unbedingt gute Ein- und Ausstiegskurse. Die sind aber im realen Handel nicht garantiert. Außerdem müssen die Handelsgebühren sehr viel kleiner sein als die potentiellen Gewinne. Das ist aber nur der Fall, wenn man mit viel Geld handelt. Da Mr. Altucher auf die wirkliche Erklärung seiner Untersuchungen weitgehend verzichtet, ist hier Vorsicht geboten. Nur eigene Untersuchungen geben uns das richtige Gefühl für ein System. Mein Eindruck ist, dass viele Systeme (zum Beispiel das merkwürdige 5-Dollar-System) nur dann eine solche Performance haben, wenn die Anzahl der Trades hinreichend groß ist. Es kann also durchaus sein, dass speziell bei diesem System, aber auch bei einigen anderen, gerade zu Beginn eine lange Reihe von Verlusttrades entsteht, die für den "normalen" Trader finanziell und mental vernichtend ist. Insofern ist der Originaltitel "Trade like a Hedge Fund" in gewisser Weise nicht unberechtigt. Man braucht viel Geld, um zu der vom Autor behaupteten Performance zu kommen. Der Autor selber geht in der Regel von 1.000.000 Dollar handelbarem Kapital aus und setzt pro Trade 5% davon ein. Das scheint mir angesichts seiner Statistiken nicht übertrieben, sondern im Gegenteil eher notwendig. Ich würde allerdings meinen Einsatz pro Trade bei einigen Systemen eher verkleinern, wenn ich mich denn überhaupt dazu entschließen sollte, buchstabengetreu nach ihnen zu handeln.
Obwohl das Buch viele im Grunde gute Ideen transportiert, kriegt es wegen der genannten Bedenken und fehlender Erläuterungen, die bei unerfahrenen Tradern zu teuren Erfahrungen führen können, nur vier Punkte von mir. Mir scheinen außerdem einige der Systeme absichtlich primitiv gehalten zu sein. Ganz nebenbei sollte sich natürlich jeder die interessante Frage stellen, welche Weisheiten man beim Preis dieses Buches erwarten kann. Irgendwie muss es doch einen Zusammenhang zwischen Wert und Preis geben. Oder?