Natürlich nicht für Menschen, die neben der "Greatest Hits" nur noch "Born in the USA" zuhause haben und auch noch ein drittes Springsteen-Album hinten im Regal, was sie irgendwann mal zufällig kauften, da es gerade in einer Aktion so günstig unter Sonderangeboten lag, aber nicht genau wissen wie es eigentlich heißt und es auch kaum hören, weil da ja nicht "die ganzen schönen Lieder" drauf sind. Für jene, die es ja geben soll, ist die 66 Songs auf 4CDs vereinende Box "Tracks" dann sicherlich doch sehr entbehrlich.
Für jeden Fan und jeden auf dem Weg dorthin ist sie aber absolut unverzichtbar!
Keines der 66 chronologisch aufeinander folgenden Lieder dieser Sammlung war vorher auf einem der regulären Platten, allesamt sind "Abfallprodukte", aussortiert und übrig geblieben bei der Entstehung der zwischen 1973 und 1998 veröffentlichten 12 Studio-Alben.
Und so überzeugt ich hier fünf Sterne vergebe, enthält "Tracks" natürlich einiges an Material, wo man auch sofort versteht, warum es nicht auf das jeweilige Album kam. Kritisch geprüft könnte man das vielleicht gut der Hälfte der Tracks attestieren. Doch selbst wenn es für alle 66 gelten würde, als nichts anderes wurde "Tracks" präsentiert, und selbst diese schwächere Hälfte, ist entdeckenswert.
Die ursprüngliche Demo-Version des als ruhigen Folksong gedachten Mega-Hits "Born in the USA" z.B., ist klanglich nicht perfekt und doch möchte ich diesen Rohling, der musikalisch unendlich weit entfernt ist von der späteren offiziellen Version, nicht mehr missen. Und auch anderes nicht ganz zu ende gedachtes, vermittelt das Gefühl, Springsteen und seinen Leuten bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Doch das ist nur die eine, die "kleinere" Hälfte (ich weiß, dass ist mathematisch Unsinn).
Bein gut 35-40 Songs fragt man sich verwirrt, warum um Himmels Willen blieb das Zeug solange im Archiv? Warum kam es nicht mit auf das Album damals? Warum blieben dies und das im Studio liegen, während durchaus schwächere Songs auf's Album kamen?
Denn auch auf Springsteen-Alben gibt es gelegentlich Songs, die man hätte auch weglassen können. Wenige zwar, aber es gibt sie. Und dann tauchen hier plötzlich gut drei Dutzend wahre Perlen auf!
Es würde den Rahmen einer Rezension sprengen, auf jeden Song einzugehen. Ein gutes Beispiel scheint mir "Sad eyes" zu sein. Der Song taugt nicht als Referenz für die Tracks-Box, sie enthält stärkere Kunststücke, aber die Geschichte des Songs ist schon bemerkenswert. 1991 entstand diese nette Pop-Song für das "Human touch" Album, wurde aussortiert und nicht verwendet (obwohl es auf dem Album wahrlich schwächere Songs gab), taucht dann Ende 1998 hier wieder auf und wurde auch von Sony zur Promotion für das Tracks-Projekt genutzt.
Enrique Iglesias, jenes Lichtjahre entfernt vom musikalischen Talent seines Vaters durch Auto-tune zum singen gebrachte Beach-Bubi beschließt die Nummer gut ein Jahr später zu covern und landet damit einen weltweiten Radio-Hit!
Zusammengefasst, was Springsteen in die Tonne haut, reicht in den Sphären der irre kreativen radiotauglichen Pop-Musik der letzten 20 Jahre immer noch für einen dicken Hit. Und wie erwähnt, "Sad eyes" ist für die Ohren eines Springsteen-Fans ganz sicher nicht der beste Song der Box, bestenfalls oberes Mittelfeld.
Kurz, die Box ist ein Fest und ich freu mich jetzt schon auf "Tracks 2", was hoffentlich 2023 erscheint und die zweiten 25 Karriere-Jahre noch mal nach Entsorgtem im Archiv durchstöbert.