Meine Güte, das ich das noch erleben darf. Mit "Traced in air" meldet sich eine der innovativsten und gleichzeitig anbetungswürdigsten Prog-Bands der 90er Jahre zurück. Und zwar mit einem Paukenschlag !!! Viele Jahre mussten die Fans glauben, dass das Avantgarde/Death-Meisterwerk "Focus" tatsächlich die einzige Scheibe von CYNIC bleiben würde. Zwischenzeitlich hatten sich die Herren Shawn Malone, Sean Reinert und Paul Masdival mit anderen Projekten (z.B. GORDIAN KNOT oder AGHORA) bei Laune gehalten, die zwar musikalisch ebenfalls einwandfrei waren, den unvergleichlichen CYNIC-Spirit jedoch zu keiner Zeit erreichten.
Seit Veröffentlichung des Debüts sind sage und schreibe 15 Jahre ins Land gezogen. Und insofern ist es tatsächlich etwas enttäuschend, dass es auf "Traced in air" leider nur 8 neue Songs - bei einer Spielzeit von kargen 34 Minuten - zu bestaunen gibt. Aber in musikalischer Hinsicht ist der CYNIC-Zweitling haargenau das, was man erwarten konnte. Nämlich das begnadetste, spielerisch brillanteste und schlichtweg beste Prog Metal-Album des Jahres 2008. Im Vergleich zu "Focus" muss der Hörer zunächst feststellen, dass der CYNIC-Sound nur noch marginal an Death Metal erinnert, und die Songs dadurch etwas "glatter" wirken. Der typische Wechselgesang zwischen abgespactem Vocoder-Shouting und brutalen Death-Growls ist zwar geblieben, wurde aber zudem noch um wunderschöne Clean-Vocals (z.B. beim famosen "The king of those who know") erweitert. Ohnehin wurde der Härtegrad auf "Traced in air" etwas zurückgenommen, was Songs wie "Integral birth" , "The space for this" oder dem atmosphärischen Rausschmeißer "Nunc stans" auch für Fans von z.B. PORCUPINE TREE oder DREAM THEATER interessant machen dürfte, zu denen sich stellenweise musikalische Parallelen finden lassen. Im Vergleich zu diesen Bands gehen CYNIC jedoch erheblich abstrakter zu Werke, weswegen der Hörer auf jeden Fall einige Durchläufe benötigt, um sich ein erstes Urteil bilden zu können. Dann offenbart sich der große musikalische, buntschillernde Sound-Kosmos jedoch in all seiner Pracht, und zaubert jedem begeistertem Prog/Jazz-Freak ein meterbreites Grinsen aufs Gesicht. Auf unglaublichen Songs wie "Evolutionary sleeper" , "The unknown guest" oder dem unfassbar genialen "Adam's murmur" (ich könnt durchdrehen!!!) setzen CYNIC wirklich Maßstäbe im Sekundentakt, und beweisen dadurch eindrucksvoll, dass sie sich den "Prog-Gott"-Status mehr als verdient haben. Speziell in Punkto Drumming und virtuoser Gitarrenarbeit gibt es wohl keine andere Band auf diesem Erdenrund, die auch nur ansatzweise die spielerische Klasse von CYNIC erreicht. Mal sanft schmeichelnd...dann brutal nach vorne...die Soli fast schon unnahbar dissonant...im nächsten Moment erfrischend rockig...dazu ein herzerweichender Refrain...und im Abgang ungewohnt sphärisch. Weltklasse !!!
Als Fazit kann man nur festhalten, dass sich die Wartezeit von 15 Jahren absolut gelohnt hat, und dem triumphalen Siegeszug von CYNIC somit nichts mehr im Wege steht. Von mir noch mal der gutgemeinte Tipp: "Traced in air" erschließt sich nicht beim ersten Hördurchlauf - dass war bei "Focus" ja auch nicht anders - und entfaltet vor allem unter dem Kopfhörer seine komplette facettenreiche Schönheit. Wenn jetzt auch noch irgendwann ATHEIST mit einer neuen Scheibe aus der Versenkung auftauchen, dann ist der Schreiber dieser Zeilen wohl endgültig Reif fürs Irrenhaus. 5 Sterne für die Zyniker !!!