"Das Leben ist eine Festversammlung; die einen finden sich ein als Kämpfer um den Preis, die anderen
als Händler, die Besten aber als Zuschauer,so zeigen sich im Leben die einen als Sklavenseelen, als
gierig nach Ruhm und Gewinn, die Philosophen aber als Forscher nach der Wahrheit."
(Pythagoras zugeschrieben in: Diogenes Laertius, Leben und Meinungen ..., Bd. II / 108)
"Wer denkt, wie die frühen Philosophen dachten, nimmt Urlaub von der gemeinsamen Welt, er wandert in die Gegenwelt aus", lasen wir in Sloterdijk bravourösen Essay über den "Scheintod im Denken". Er zitiert auch Gabriel Tarde; aber diesen Gedanken fand der Rezensent in einer kleinen Schrift: "Der Kritiker als Künstler" und man kann den Gedanken dort, dass der Mensch sich auf eine geistige Ebene begebe, "in dem wir uns von jeder Handlung los sagen und durch den Verzicht auf Tatkraft vollkommen werden" mit denen aus dem Sloterdijk Text vergleichen. Diese von Oscar Wilde beredte Unterscheidung zwischen dem "vita activa" und dem "vita contemplativa" findet sich u.a. auch in Becketts Dreiakter "Eleutheria". In meiner Rezension dort tauchte der Hinweis auf J.J. Rousseau (1712-1778) auf, der in seinen "Träumereien eines einsamen Spaziergängers" sich genau diesem "vita contemplativa" widmet. Seine zehn Spaziergänge sind es, die ihm helfen, sich seiner selbst zu vergewissern. Diese letzte Schrift folgt den "Confessiones" und zeigt einen gewissen Illusionsverlust gegenüber der aufklärerischen Zeit. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass er sich von den feindlichen Attacken Voltaires und anderen loslöst und eine Ruhe findet, die ein neues Glück verheißt. "Nur in diesen Stunden der Einsamkeit ... bin ich ganz und gar ich selbst und gehöre mir allein; nur in diesen Stunden kann ich ehrlicherweise von mir behaupten zu sein, wie die Natur mich wollte." So Rousseau im zweiten Spaziergang.
Die wahrhaft glücklichen Stunden, wie er schreibt, findet er auf einer kleinen Insel im Bieler See. In diesem fünften Spaziergang wird nun allzu deutlich, was Einsamkeit und Selbstbesinnung vermag. Diesen Zustand der absoluten Untätigkeit zu verändern, hieße auch, ihn nicht zu verbessern, so der schon lebenserfahrene Pädagoge und Gesellschaftskritiker. Rousseau bleibt in seinen Träumereien sein Herr, er lässt seinen Gedanken freien Lauf in diesem Urlaub von der zuvor geglaubten gemeinsamen Welt. Seine Schrift ist keine Wanderbeschreibung, auch keine Traumdeutung im herkömmlichen Sinn. Weltflucht und Einsamkeit sind seine Paten, die schon Gedanken der Renaissance waren. Petrarca schrieb in einem Sonett: "Einsam und gedankenverloren durchmesse ich die verlassensten Gefilde" und so erging es Rousseau, der in der "reverie" sich seines Ichs bewusst wurde, welches der Gesellschaft sich entzogen hat. Nur auf sich bezogen, vergleicht er seine gewünschte Situation mit der eines Gottes. Mit diesem Schritt verlässt er auch die Zeit, enthebt sich ihrer durch sein Verlorensein im Denken und empfindet den Augenblick als grandios. "Ich wollte, dieser Augenblick währte ewig. Und mit welcher Berechtigung nennen wir einen flüchtigen Zustand Glück, der uns doch nie recht befriedigt und erfüllt?" (Wer hier an einen Goethe-Zitat aus dem Faust denkt, liegt nicht verkehrt.) Nur sich selbst und sein Dasein zu genießen, ist Rousseaus Bestimmung. Fernab von Leidenschaft und äußeren Bedürfnissen widmet er sich selbst.
Nun, wenn die Phantasie erlahmt, Visionen nur noch schleppend kommen, sagt Rousseau, dann ist das Versinken in diese Träumereien eine Wohltat, eine vorgestellte Lebensechtheit, die lustvoller und intensiver nicht sein kann. Damit sind diese Spaziergänge eine Lesereise wert und was die Zusammenhänge angeht von Pythagoras über Petrarca zu Beckett und Sloterdijk, lesen wir im Vorbeigehen über ein Jahrtausendexperiment.
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