Ein kleines Büchlein mit ca. 150 Seiten im Postkartenformat muss schon durch Inhalt zu überzeugen wissen wenn es nicht überteuert erscheinen will. Heisst der Autor jedoch Georg Seeßlen ist diese Angst wieder einmal unbegründet. Seeßlen der auch für die "Frankfurter Rundschau", die "Zeit" und "Der Spiegel" schreibt ist in den letzten Jahrzehnten durch zahlreiche hochwertige und profunde Analysen der populären Kultur, insbesondere der Filmkultur, wie z.B. der Reihe "FILMWISSEN" oder auch den beiden Grundlagenwerken im Bereich "Horror" und "Science Fiction" einer der wichtigsten deutschen Schaffenden in diesem Bereich.
Seine Werke strotzen nur so von gut recherchierter, tiefgehend-vielschichtiger Analyse aber auch grosser Begeisterung, ja sogar Lust für das beschriebene Objekt selbst, sei es nun ein bestimmtes Genre, ein Regisseur oder auch die soziologischen Interdependenzen zur Gesellschaft an sich. Das vorliegende Werk ist das erste von 3 Bänden, Band 2 heisst "Der virtuelle Garten der Lüste" und Band 3 "Future Sex in Queertopia". "Träumen Androiden..." widmet sich unserer Gegenwart und näheren Zukunft und der bereits sanft eingetretenen Transformation des Menschen in den verbesserten "Postmenschen" der stetig maschinell, pharmakologisch und chirurgisch verbessert wird. Maschinenwesen entwickeln sich in Richtung Mensch und umgekehrt.
Das Buch analysiert in bisher noch nicht in deutscher Sprache gesehenen Weise die Historie und Aufgaben der alten Maschinen und den Übergang zu den neuen Maschinen und den Wunsch der Menschen diese immer menschenähnlicher zu machen. Auf diesem Weg erfährt man sehr vieles über die wundervolle Welt der Sexmaschinen und Liebespuppen und es werden alle möglichen "Sex-Fantasien in der Hightech-Welt" beleuchtet. Dieser Band I dieser Serie zeigt den Übergang von der industriellen Welt und die zarte Verschmelzung von "Bio" (Mensch) und Technologie insbesondere im erotischen Bereich. Sexpuppen, Dildos, künstliche Vaginas und sämtlich vorstellbare mechanische Helfer in diesem Bereich werden in gewohnt reflektierter Weise, aber auch sehr offen in entsprechenden Bilddarstellungen teils sehr stark an der Schnittstelle zum Expliziten vorgestellt.
Die beiden folgenden Bände werden dann die Transformation ins das noch gerade so Denkbare in diesem Gebiet weiterführen und vollends in die teils entmaterialisierte Cyborg-, Roboter-, Avatar-, Klon- und Zombiewelt der Erotik und Geschlechtlichkeit abtauchen bis dann nur noch entkörperlichter Sex stattfinden kann. Dieses erste Bändchen ist inhaltsschwer wie ein mehrere hundert Seiten starkes Buch und macht unheimlich Lust auf die folgenden und so kann ich allen kultur- und erotikinteressierten den Kauf nur ans Herz legen. Georg Seeßlen Kenner mit Interesse am Sujet sollten auch zugreifen. Für diese kann ich das Buch sowieso blind empfehlen.
5/5 Sternen