Nach den Versionen des Buches und des Films hier nun die des Hörspiels. Damit meine ich nicht nur, dass es sich einfach um ein drittes Medium handelt, sondern wörtlich eine dritte, komplett neue Version der Geschichte - und zwar keine schlechte.
In Dicks Buch "Do Androids Dream Of Electric Sheep", deutsch "Der Bladerunner", sind die von Rick Deckert und Kollegen gejagten Replikanten nichts weiter als Androiden, denen man kaum Sympathie entgegenbringt. Viel ist hier auch, was in dem Film nur peripher, bzw. garnicht abgehandelt wird, z. B. wird ein starkes Gewicht auf die Geschichte um den Besitz künstlicher und echter Tiere gelegt, die nach dem Aussterben vieler Arten zu Statussymbolen erhoben werden; dann ist die von Dick erfundene Religion des Mercerismus von Bedeutung, die der Film komplett ausspart.
Der Film wiederum, dessen Aufführung Dick leider nicht mehr erlebt hat (nur das Drehbuch hat er vor seinem Tod noch lesen können - was aber nicht der Grund für sein Ableben war), legt den Schwerpunkt eher auf die Frage: Was ist Leben? Er zeichnet das Porträt nicht nur des Replikantenjägers Deckert, sondern auch die einzelner Replikanten - und schließlich entpuppen letztere sich moralisch gar als menschlicher als die Menschen selbst. Nicht unbedingt der Romanvorlage entsprechend, aber sehr schön neuerzählt mit eindrucksvollen Bildern, guten Schauspielern und sphärischer bis bombastischer Musik von Vangelis. Ein neuer Aspekt, der im Buch nicht anklang, war die Frage nach der wahren Identität Deckerts; besonders der Directors-Cut drängt die Frage auf: ist Deckert selbst ein Replikant?
In der Hörspielversion wird diese Frage wieder gestellt und auch beantwortet (ich will hier allerdings nicht verraten, wie, um keinem die Spannung zu nehmen). Die Deckert-Frage ist allerdings das einzige, was das Hörspiel mit dem Film verbindet. Es lehnt sich wieder stärker an das Buch an, indem es beispielsweise auch auf den Mercerismus eingeht und auch die Geschichte mit den Tieren wieder mehr in den Vordergrund rückt. Trotz der Anlehnung ist die Geschichte des Hörspiels jedoch eine eigenständige, neue. Andere Personen treten in den Vordergrund, andere Höhepunkte werden gesetzt, und auch das Ende ist ein eigenes, das sich von dem des Buches wie des Films unterscheidet.
Sehr erfrischend, das neue Gewand dieser vielschichtigen Story, auch gut umgesetzt, vor allem im Sound. Ein bisschen schwach fand ich die Sprecher (dafür leider einen Stern Abzug, sonst wären es vier geworden), fühlte mich insgesamt aber gut unterhalten.
Wer Philip K. Dick mag, sollte die Hörspielversion auf jeden Fall mal testen. Vielleicht werden einige diese neue Auslegung als Mißinterpretation des Buches verreißen - kann man sicherlich auch so sehen. Ich jedoch finde neue Perspektiven stets interessant, und die liefert das Hörspiel sicherlich.