Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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40 von 42 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Träume von Flüssen und Meeren... oder wie sich Tim Parks selbst übertrifft..., 13. Juli 2009
Mit einem wunderbar präzise formulierten Eröffnungssatz; in dem der Leser in wenigen Worten vom Tod des Vaters des Protagonisten John James, dessen Weg nach Heathrow, dem darauf folgenden Flug nach Delhi, den Namen von John James' Freundin und der Beziehung zwischen Mutter und Sohn erfährt, nimmt Tim Parks seinen Leser fest bei der Hand und katapultiert ihn ins Innere seines Romans.
In Delhi angekommen, beginnt er sich für die Umstände des raschen Todes seines Vaters zu interessieren. Irritiert von der vermeintlich emotionellen Distanz seiner Mutter Helen, beginnt sich der etwas weltfremd und verträumt lebende John mit dem Leben seiner Eltern zu beschäftigen.
Ein weiterer Protagonist ist ein amerikanischer Autor, der statt der beabsichtigten Gespräche mit dem berühmten Anthropologen Albert James nun die Recherche zu seinem Buch über Albert James in erster Linie über die Witwe in die Wege leitet.
Meisterhaft, wie Tim Parks hier langsam und sicher die Fäden spinnt, die Schicksale seiner Protagonisten kontrapunktisch verbindet, die Entwicklungen behutsam steuert und den Leser immer tiefer in diese "Träume von Flüssen und Meeren" hineinzieht.
Nach London zurückgekehrt erreicht John mit einiger Verspätung ein posthum aufgegebener unvollendeter Brief seines Vaters, der dahin deutet, dass albert James vor seinem Tod die Nähe seines Sohnes gesucht hat.
Ein Fremdgehen seiner Freundin vermutend, flieht John einige Zeit später wieder nach Delhi, nicht jedoch zu seiner Mutter, sondern in ein billiges Hotel. Eine symbolische endgültige Loslösung von seinen Eltern. Diese zweite Entwicklungswelle, sowie die immer zahlreicher werdenden Mitwirkenden und die sich konsequent weiterentwickelnden und brodelnden Beziehungen zwischen den Protagonisten erlauben eine sukzessive Enthüllung von immer wieder neuen Schichten, die in einem furiosen Finale gipfeln.
Beeindruckend ist auch, wie realistisch und natürlich sich Delhi als Mittelpunkt dieses Romans mit dem Geschehen eins wird und nicht als quasi Kulisse zu einem Fremdkörper verkommt, vielleicht auch weil sich Tim Parks bewusst allen Klischees um Indien und jeglicher Indienexotik verweigert.
Schnörkellose Prosa, glasklare Sätze, treffende und präzise Dialoge und die Fähigkeit, Wichtiges auch durch Aussparung zu sagen machen diesen Roman zu einem beeindruckenden, spannenden und fesselnden Leseerlebnis, dem man schon nach dem ersten Satz nicht mehr entziehen kann.
"Träume von Flüssen und Meeren" ist ein großer Roman eines großen und originellen Schriftstellers, absolute Empfehlung.
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23 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Auf der Suche nach dem letzten Algorithmus des sozialen Lebens, 5. Oktober 2009
Früher mussten die Leute Romane lesen, wenn sie Grundlegendes über ihre Gesellschaften und ihr Verhalten erfahren wollten. Dann kamen Soziologie, Psychologie, Anthropologie, und die Kuriosa des alltäglichen Verhaltens wurden in sozialwissenschaftliche Gesetze überführt. Sind deswegen Romane als soziologische Erkenntnisquelle für die Wirklichkeit in der wir leben, überhaupt noch sinnvoll?
Ja, würde Tom Parks antworten, sie sind sogar notwendig, um die reichlich abstrakten Erkenntnisse und Theoreme der Anthropologie und Soziologie in literarische Formen zu übersetzen und plausibel zu machen. Was liegt da näher als einen Roman über einen Sozialphilosophen zu schreiben, der sein Leben lang nichts anderes tat, so genau wie möglich hinter die Kulissen des sozialen Miteinanders zu blicken. Das ist der Ansatzpunkt des vorliegenden Romans "Träume von Flüssen und Menschen".
Im Mittelpunkt des Buches steht der Sozialanthropologe Albert James, eine vielseitige und schillernde Figur des Wissenschaftsbetriebes, der in zahlreichen Disziplinen geforscht publiziert hat, ohne jedoch seine zahlreichen Erkenntnisse in eine wissenschaftliche Synthese zu überführen (in ganz wagen Umrissen wird hinter der fiktiven Gestalt von Albert James übrigens die Figur des Sozialanthropologen Gregory Bateson sichtbar). Allerdings handelt es sich bei Albert James um eine Hauptfigur, die den ganzen Roman über nicht aktiv in Erscheinung tritt, weil sie gleich zu Anfang des Buches verstirbt. Handlungsträger sind dagegen Alberts Witwe Helen, eine sozial engagierte Ärztin, die in Delhi unentgeltlich in einem Krankenhaus arbeitet, der verzogene Sohn John, der auch noch dem Studium noch von den Zuschüssen seiner Eltern lebt und der Journalist Paul Roberts, der gleich nach dem Tod des Wissenschaftlers in Indien auftaucht, um eine Biographie über den Meister zu verfassen.
Jeder Handlungsträger sieht in dem großen Albert jedoch etwas anders. Als Kulturrelativist reinsten Wassers, der jede Einmischung der Forschung in die soziale Wirklichkeit notorisch ablehnte und sein Leben lang versuchte "das Reich der Schamanen mit den Mitteln der Wissenschaft zu durchleuchten" (S.130) ist er für seinen Biographen Paul Roberts ein Genie, für seine Frau Helen ein Heiliger und für seinen Sohn John schlichtweg durchgeknallt. Je näher man der Figur kommt, desto zweifelhafter werden überdies die wissenschaftlichen und moralischen Konturen des Forschers, bis er sich am Ende seines Lebens ganz in skurrile Objekte zu verlieren scheint und den Verführungskünsten einer agilen jungen Inderin gefährlich nahe kam.
In dem Maße, in dem die Gestalt des Menschen Albert James in den Rückblicken und Reflexionen fassbarer wird, rückt mit der Ehe von Albert und Helen James das zweite tragende Motiv des Buches in den Mittelpunkt. Ganz so ideal wie die Ehe der James nach außen wirkte, war das Zusammenleben von Albert und James nämlich keineswegs. Abgesehen davon, dass die Eheleute schon seit Jahren nicht mehr zusammen schliefen, hat die Helen ihren Mann mit dessen Wissen regelmäßig betrogen, nicht, weil sie ihn verlassen wollte, sondern einfach nur aus Lust und Gelegenheit, ohne dass es ihr irgendetwas bedeutet hätte. Wie sich herausstellt, war es auch der plötzliche Tod des Professors in Wahrheit ein Freitod, bei dem die Ehefrau ihrem Mann mit einer Spritze assistierte. Halten sich bei dieser Ehegeschichte Momente der Entfremdung und Verschmelzung auf eine eigentümliche Weise die Waage, gehört die Vorstellung, wie Albert in den Armen seiner Frau Helen starb, um seine Ehe nicht zu seinen Lebzeiten zu Ende gehen zu lassen, allerdings zu den stärksten Momenten des Buches - auch gerade deswegen, weil diese Szene auch nur in Andeutungen beschrieben wird.
Doch auch das ist noch lange nicht die vollständige Geschichte. Rund um den Untergang von Albert und Helen James agiert eine ganze Galerie von Personen, von denen man die überwiegende Zeit des Buches ahnt, dass ihre Handlungen und Intentionen in einer enigmatischen Korrespondenz zum Schicksal von Albert und Helen stehen, ohne dass man ohne weiteres erkennen könnte, worin diese Beziehung besteht. John James und seine schrille Freundin Elaine, der Schürzenjägerbiograph Paul Roberts, die rebellische Jasmeet und zahlreiche anderen Figuren agieren wie Trabanten innerhalb einer Struktur, von deren vermeintlich auflösbarer Logik die Spannung des Romans über nicht weniger als 500 Seiten zehrt.
Damit ist die anspruchsvollste und abstrakteste Erzählebene des Romans erreicht. Denn das vorliegende Werk ist nicht nur ein Roman über einen Sozialanthropologen und seine Umgebung sondern über die sozialanthropologische Perspektive selbst. Die Meisterschaft des Autors erweist sich darin, dass er unaufdringlich aber effektiv, den Leser dazu verführt, gegenüber der Romanhandlung und seiner zahlreichen Verästelungen eine gleichsam sozialanthropologische Forscherperspektive einzunehmen. Indem der Leser nach dem Sinn" hinter der Handlung, nach dem gemeinsamen Nenner von Liebe und Dauer, Logik und Phantasie, Distanz und Engagement, Belustigen und Bewundern, London und Delhi in einem imaginären "Netz" oder System" forscht, nimmt er die gleiche investigative Perspektive ein wie der verstorbene Albert, der auch sein Leben lang nach dem letzten und fundamentalen Algorithmus des sozialen Lebens fragte, ohne eine Antwort zu erhalten. Das ganze Buch ist voller szenischer Verdeutlichungen soziologischer, psychologischer oder sozialanthropologischer Fragestellungen und Theoreme, meiner Ansicht nach am brillantesten gelungen in der wunderbaren Abschlussszene des Buches, in der es John und Elaine gelingt, sich gegenseitig etwas vorzuspielen, um ihrer Beziehung eine neue Basis zu geben.
So legt man das Buch nach fünfhundert Seiten tief bewegt zur Seite. Der letzte Algorithmus des Sozialen, von dem aus alles verstehbar und prognostizierbar wäre, hat sich nicht enthüllt, aber zum Wesen des Humanen gehört es, immer aufs Neue so ambitioniert danach zu suchen, als ob es ihn gäbe. Das ist für mich die Einsicht dieses großen Werkes. Die Würde liegt nicht im Finden und Verstehen sondern im Suchen.
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19 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Exotische Geheimnisse von Lebensspuren, 14. September 2009
Als John James vom unerklärlich plötzlichen Tode seines Vaters erfährt, macht er sich sofort auf die Reise nach Delhi, wo er verstorben ist. Seine Mutter ist eine merkwürdig kühle Frau, die ihre eigenen Vorstellungen von der Beerdigung des Vaters hat.
Delhi, die laute und schmutzige indische Stadt, war der berufliche Mittelpunkt beider Eltern. Der Vater war ein zwar angesehener Anthropologe, der in Anlehnung an die historische Figur des Anthropologen Gregory Bates konzipiert ist, hat finanziell jedoch nie recht reüssiert. Helen, die Mutter, arbeitet ebenfalls selbstlos ohne Geld in einem Krankenhaus.
John hat in England an Forschungsprojekten der Biochemie gearbeitet, steht inzwischen aber mittellos da, weil er sich nie um Geldmittel bemüht hat. Seine Mutter eröffnet ihm ganz klar, dass sie ihn nicht weiter unterstützen könne.
Haben wir es hier also mit einer realitätsfernen, idealistischen Familie zu tun, die zwar mit Leidenschaft den Wissenschaften frönt, im übrigen aber recht mittellos vor sich hintreibt?
Albert James ist die Hauptfigur, die jedoch bereits auf Seite 37 verstirbt. Für John, den Sohn, bleibt die Suche nach dem eigentlich Wesen seines Vaters und auch dem seiner Mutter die Aufgabe, der sich der Autor widmet.
Man taucht in das indische Leben ein und fragt sich die ganze Zeit, wohin die Reise des jungen John führt. In England besitzt er keinen Penny mehr, seine Freundin will ihn nicht heiraten, und er scheint als lebensfremder Mann durchs Leben zu straucheln. Tim Parks Erzählkunst besteht wie immer in einer sanften Verträumtheit seiner Figuren, die sich auch schon in dem schönen poetischen Titel zeigt, und in den Nebengleisen, in denen sich die Handlung verfängt. Was es nun wirklich im Leben von Albert James für Geheimnisse gab,--wer mag sie ergründen?
Unterhaltsam und weiträumig sind die Geschehnisse dargelegt. Mit viel Muße gibt man sich dem Erzählstrom hin und hofft von einer Seite zur nächsten, dass noch ein wenig Spannung aufkommen möge. Dem ist aber nicht so!
Es bleibt bei Stimmungsbildern, angedeuteten Lebensmustern, einem fremdartigen indischen Lebensstil, der Einblicke gibt, die nicht unbedingt weiterführen. Sowohl der Vater als auch Johns Mutter haben ihre eigenen Lebensgeheimnisse, die für John kaum,--und den Leser auch nicht----, zu entschlüsseln sind.
Der amerikanische Biograph Paul Roberts scheint eine Zeit lang dem Geheimnis des Lebens von Albert James auf der Spur. Doch Helens Widerspruch, auch ihre Abneigung gegen ihn, die sich von Zeit zu Zeit verändert, stehen seinem Vorhaben im Wege.
Die einzeln lose zusammen gewürfelten Geschichten ergeben nach und nach Einblick in diese oder jene Beziehung, ohne dass sie wirkliche Aufschlüsse über die psychologischen Hintergründe des jeweiligen Handelns gäben. Alles bleibt in einem wechselnden und vagen Hin und Her verankert, traumähnlich wanken die Figuren durch die Zeit, bis sich der Reigen ohne gültige Klärung schließt.
Tim Parks ist ein wunderbarer Erzähler, dessen Sprache durchaus bestrickt, der sich jedoch leicht in Seitensträngen verfängt. Das Buch ist unterhaltsam und liest sich leicht, doch fehlt ein wirklicher Spannungsbogen. Das macht die Lektüre gelegentlich mühsam.
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