Gute Bücher - gerade die Besten - erreichen den Menschen in einer für sie bestimmten Situation des Lebens. Es gehört etwas Glück dazu, "Träume von Flüssen und Meeren" gerade so aufzunehmen, dass man sie versteht - Einstellung, Offenheit, Lebensphase - vieles muss stimmen. Wem es aber vergönnt ist, im rechten Moment Tim Parks Werk im Ganzen zu erfassen, der wird reichlich belohnt werden.
John James, ein junger Forscher, hat es - auch nach dem plötzlichen Tod seines in Denker-Kreisen prominenten Vaters - weder mit seinem Eintritt in den Ernst des Lebens noch mit dem Erwachsenwerden ansonsten besonders eilig. Orientierung erhofft er sich von einer Flucht zu der in Indien lebenden Mutter. Dort führt er als nervend naiver und oberflächlicher, fast noch pubertärer Rezipient eines Panoptikums an Impressionen lange Zeit eher wie ein unbedarfter Führer durch das Geschehen, als dass er eine traditionelle Hauptfigur abgeben könnte.
Eine Handlung oder besser Entwicklung, die durch unberechenbare Tempowechsel und überraschende, teilweise schon fast "unfaire" Wendungen, unauffällig aber beharrlich an den Spannungsfäden zieht und einem Leser, der sich zu öffnen bereit ist, eine außerordentlich aufregende Lektüre verspricht.
Mehr als das Ausgangsszenario und die zu Beginn auftretenden Personen zu verraten, könnte solches Lesevergnügen sabotieren.
Öffnen sollte man sich der Gesamtheit. So, wie man als Genießer nicht gut beraten ist, ein Musikwerk vorab analytisch zu zerlegen, wird man an "Träume von Flüssen und Meeren" blind für das Ganze vorbeigleiten, wenn es einem nicht gelingt, den Gesamtklang des Romans aufzunehmen. In wunderbarer Weise gelang es Tim Parks nämlich, subtile Charakterbilder, Gefühlsentwicklungen, Schemen der Kulturen, vor allem aber immer wieder Konflikte, Verdrängungen und Verschmelzungen der verzweifelten Bemühungen um ein Verständnis des Lebens und der Interaktion der Menschen zu einem Traum zusammen zu fügen, dessen Bilder irritieren, faszinieren und immer wieder überraschen und erleuchten.
Dieser Roman erschließt sich ganz sicher nicht im Schnelldurchgang oder quasi nebenher - es lohnt sich mehr als bei anderen Werken, die Worte des Autors sorgfältig, offen und mit gebührender Wertschätzung aufzunehmen. Vielleicht symbolisiert der junge John in gewisser Art - quasi als sanfter Hinweis - auch den schnellen und oberflächlichen Leser, der zwar alles vor Augen hat, aber das Wenigste davon wahrnimmt.
jury 5* A0051 23.9.2010eg 7A