Wie ich ist Jean Lützenrath aus Hamburg. Wie ich ist Jean Lützenrath 2009 den Camino de Santiago gelaufen. Die teils euphorischen Rezensionen hier, alle mit voller Punktzahl, haben mich dazu bewogen, sein Buch »Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum« zu kaufen.
Zum Inhalt. Im Gegensatz zu den meisten Pilgern übernachtet Jean überwiegend in seinem Zelt. Er genießt die Freiheiten und verhält sich meistens spontan, was letztendlich den Reiz des Buches ausmacht. Nahezu all seine Entscheidungen, die zu den Highlights seines Weges werden, trifft er spontan. Dass dies zu seiner Lebensphilosophie geworden ist, lässt er den Leser häufig durch akribische Argumentationen wissen. Da seine Spontaneität meistens zu einem positiven Ergebnis geführt wird, lebt er seine Theorie gleich vor, was mir sehr gefallen hat. Auch benutzt er (wie ich) eine junge, schnörkellose Sprache, versucht sich nicht literarischer zu geben als er ist, und kommt seinem sympathischen Charakter dadurch sehr nahe. Alles in allem gibt es an der Geschichte selbst nichts auszusetzen, schließlich geschehen einige tolle Dinge, und das Ende hat mich sehr berührt.
Zur Form. Ich vermute stark, dass das Buch selbst verlegt wurde o.ä., denn die Qualität der Form ist schlicht als katastrophal zu bezeichnen. Zunächst einmal, unglaublich aber wahr, wurde die Silbentrennung komplett ausgestellt. Hat wohl jemand vergessen anzuklicken, aber im Buch wird nicht ein einziges Mal ein Wort getrennt. Durch den erzwungenen Blocksatz existiert kein regelmäßiges Schriftbild, was der Lesbarkeit schadet. Ebenso diese Druckfehler, die manche Buchstaben dicker oder dünner erscheinen lassen, erschweren das Lesen unnötig. Die zahlreichen Rechtschreibfehler nerven ungemein. Einige Ortsnamen sind falsch geschrieben, okay, das passiert auch anderen Reiseautoren. Aber ein Wort wie »wohlmöglich« gibt es nicht, und auf eine umgangssprachliche Abkürzung wie »grade« statt »gerade« sollte man verzichten. Hat Jean ja auch zum Ende des Buches, aber zu Beginn stört es den Lesefluss ungemein.
Zudem hat mich eine Passage beinahe dazu gebracht, das Buch zuzuklappen und wegzuwerfen. »Eine Gruppe Thailänder, bestehend aus einem Chinesen, einem Japaner und einen Koreaner (...)« (Seite 78) Ich bin Japaner und kann zweierlei versichern: erstens heißt es »einem Koreaner«, und zweitens sind Chinesen, Japaner und Koreaner keine Thailänder. Ich glaube, Jean wollte »Asiaten« schreiben. Zumindest hat mir das eine Gruppe Franzosen, bestehend aus einem Deutschen, einem Polen und einem Österreicher, erzählt.
Das Fazit. Ich würde Jean (wenn er zwischen all seinen Reisen noch Zeit hat) empfehlen, sich noch einmal sorgfältig an die Fehlerkorrektur zu setzen. Denn das Buch an sich hat reichlich Potential. Noch einmal kaufen würde ich es mir nicht, besonders zu dem Preis. Sollten allerdings alle genannten Fehler ausgemerzt werden, würde ich das Buch uneingeschränkt empfehlen.