Das Glück ließ Rachel Stone endgültig im Stich, als sie gerade am »Pride of Carolina«, einem Autokino, vorbeikam. Genau dort, auf der schmalen bergigen Asphaltstraße, die in der heißen Julisonne flimmerte, gab ihr altersschwacher Chevy Impala seinen letzten Atemzug von sich.
Sie schaffte es kaum, den Wagen an den Straßenrand zu lenken, als auch schon eine dicke, schwarze Rauchwolke aus dem Motor hervorquoll und ihr die Sicht nahm. Das Vehikel starb direkt unter dem großen sternenförmigen, gelblilafarbenen Eingangsschild des Autokinos ab.
Dieser letzte Schicksalsschlag war einfach zuviel. Sie legte die Hände aufs Lenkrad und ließ verzweifelt den Kopf darauf sinken. Sie konnte nicht mehr; seit drei langen Jahren kämpfte sie sich nun schon durch, doch nun konnte sie einfach nicht mehr. Hier, auf dieser kleinen Landstraße in North Carolina, kurz vor dem Städtchen, das ironischerweise auch noch Salvation hieß, war sie am Ende ihrer Kraft angelangt. Salvation – Rettung. Wo blieb ihre Rettung?
»Mommy?«
Sie wischte sich die Augen mit ihren Fingerknöcheln ab und hob den Kopf. »Ich dachte, du schläfst, mein Schatz.«
»Hab ich auch. Der komische Knall hat mich aufgeweckt.«
Sie drehte sich um und blickte ihren Sohn an, der vor kurzem seinen fünften Geburtstag gefeiert hatte. Er saß auf dem Rücksitz inmitten schäbiger Schachteln und Kisten, in denen sich alles befand, was sie noch besaßen. Der Kofferraum des Impalas war leer, weil er vor Jahren einmal eingedrückt worden war und sich seitdem nicht mehr öffnen ließ.
Auf Edwards Wangen waren Abdrücke von der Kiste, auf der sein Kopf gelegen hatte, und eine hellbraune Haarsträhne stand an dieser Stelle in die Höhe. Er war klein für sein Alter, auch viel zu dünn und immer noch ziemlich blaß von einer erst kürzlich überstandenen, lebensbedrohlichen Lungenentzündung. Sie liebte ihn über alles.
Seine ernsten braunen Augen blickten sie über den Kopf von Pferdchen, seinem abgenuckelten Kuscheltierhasen, an, der von klein auf sein unentbehrlicher Begleiter war. »Is’ wieder was Schlimmes passiert?«
Mit steifen Lippen rang sie sich ein beruhigendes Lächeln ab. »Bloß eine kleine Autopanne, das ist alles.«
»Müssen wir jetzt sterb’n?«
»Nein, natürlich nicht, mein Schatz. Warum steigst du nicht aus und vertrittst dir ein wenig die Beine, während ich mir die Sache ansehe. Aber bleib von der Straße weg.«
Er nahm Pferdchens verschlissene Hasenohren zwischen die Zähne und kletterte über einen Wäschekorb voller Se-cond-Hand-Kleidung und alter Handtücher. Er hatte erbärmlich dünne, blasse Streichholzbeinchen mit knochigen Knien, und auf seinem Nacken war ein kleiner Leberfleck, den sie besonders gern küßte. Sie reckte sich über die Sitzlehne zurück und half ihm beim Öffnen der Wagentür, die nur wenig besser funktionierte als der kaputte Kofferraumdeckel.
Müssen wir jetzt sterben? Wie oft hatte er ihr diese Frage in letzter Zeit gestellt? Edward war von Natur aus ein eher in sich gekehrtes Kind, und die letzten Monate hatten ihn noch scheuer und ängstlicher gemacht, viel zu ernst für sein Alter.
Sie vermutete, daß er Hunger hatte. Die letzte halbwegs anständige Mahlzeit lag schon vier Stunden zurück: eine vertrocknete Orange, eine Tüte Milch und ein Marmeladensandwich, das er an einem Picknicktisch auf einem Rastplatz in der Nähe von Winston-Salem vertilgt hatte. Was für eine Mutter war sie, daß sie ihrem Kind nichts Besseres bieten konnte?
Eine Mutter, die nur noch neun Dollar und etwas Kleingeld in der Tasche hatte.
Sie sah sich zufällig im Rückspiegel des Wagens und mußte daran denken, daß sie früher einmal als ausgesprochen hübsch gegolten hatte. Jetzt wiesen ihre Mundwinkel Falten auf, die das harte Leben dort eingegraben hatte, ebenso wie in den Augenwinkeln. Groß sahen sie aus, ihre grünen Augen, so groß, als wollten sie ihr ganzes Gesicht verschlingen. Die sommersprossige Haut über ihren Wangenknochen war blaß und so gespannt, daß es schien, als würde sie jeden Moment platzen. Sie hatte kein Geld für Schönheitssalons, und ihre wilde, kastanienrote Haarmähne umrahmte wirr ihr abgemagertes Gesicht. Das einzige, was sie noch an Schminke besaß, war ein moccafarbener Lippenstiftstummel, der ganz unten in ihrer Handtasche lag, doch hatte sie sich schon seit Wochen nicht mehr die Mühe gemacht, ihn zu benutzen. Wozu auch? Obwohl sie erst siebenundzwanzig war, fühlte sie sich wie eine alte Frau.
Sie warf einen Blick hinunter auf ihr ärmelloses Karokleid, das ihr von den knochigen Schultern hing. Der Stoff war schon ganz ausgebleicht und schlotterte ihr um den mageren Körper. Einer der sechs roten Knöpfe war zerbrochen, und sie hatte ihn durch einen braunen ersetzen müssen. Edward hatte sie erklärt, daß das jetzt »in« war.
Die Tür des Impalas ließ sich nur unter einem protestierenden Quietschen aufdrücken, und sie stieg aus. Sofort spürte sie die Hitze des Asphaltbelags unter ihren dünnen, absatzlosen, weißen Sandalen. Ein Riemchen war gerissen, und sie hatte es wieder zusammengeflickt, doch seitdem rieb ihr der so entstandene Knubbel die Außenseite ihrer großen Zehe auf. Ein kleiner Schmerz verglichen mit dem weit größeren Problem: zu überleben.
Ein Pickup sauste ohne anzuhalten vorbei. Der Fahrtwind peitschte ihr ihre lockige Haarmähne ums Gesicht, und sie hob den Unterarm, um sich die Haare aus dem Gesicht zu streichen und auch, um ihre Augen vor dem Staub zu schützen, den der vorbeirasende Truck aufwirbelte. Sie blickte hinüber zu Edward. Er stand neben einem Gebüsch, hatte sich Pferdchen unter die Achseln geklemmt und den Kopf weit in den Nacken geneigt, um zu der großen, gelb-lila Anzeigentafel über ihm hinaufstarren zu können, die wie eine explodierende Galaxis von Sternen dort schwebte. In bunten Glühbirnen standen dort die Worte Pride of Carolina, der Stolz von Carolina.
Mit einem Gefühl tiefer Resignation öffnete sie die Motorhaube und wich dann vor der dicken, schwarzen Rauchwolke zurück, die hervorquoll. Der Mechaniker in Norfolk hatte sie gewarnt, daß es der Motor nicht mehr lange machen würde, und sie wußte, daß dies nicht ein Problem war, das sich mit Ersatzteilen vom Schrottplatz lösen ließ. Sie ließ den Kopf hängen. Es war nicht nur so, daß sie damit ihr Auto verlor, sondern gleichzeitig auch ihr Zuhause, denn sie und Edward schliefen schon seit fast einer Woche im Wagen. Sie hatte Edward weisgemacht, daß sie Glückspilze wären, weil sie ihr Heim überallhin mitnehmen konnten wie Schildkröten.
Sie ging in die Hocke und versuchte, diesen neuerlichen Schicksalsschlag zu verdauen, einen Schlag, der nur das Ende einer langen Kette ähnlicher Schicksalsschläge bildete, die sie letztlich in dieses Städtchen zurückgeführt hatten, einen Ort, den sie geschworen hatte, nie wieder zu betreten.
»Verschwinde da, Junge.«
Die tiefe, bedrohliche Männerstimme riß sie aus ihrer Verzweiflung. Sie schoß so schnell in die Höhe, daß ihr einen Moment lang schwindlig wurde und sie sich an der Motorhaube festhalten mußte, um nicht umzukippen. Als ihr Kopf wieder klar war, sah sie ihren Sohn wie erstarrt vor einem bedrohlich aussehenden Fremden in Jeans, einem alten blauen Arbeitshemd und einer Spiegelglasbrille stehen.
Sie hastete so rasch um das Auto herum, daß ihre Sandalen auf dem Kies abrutschten und sie beinahe hingefallen wäre. Edward war starr vor Schreck und konnte sich nicht rühren. Der Mann streckte den Arm nach ihm aus.
Früher einmal war sie ein sanftes, ausgesprochen höfliches, ja verträumtes Mädchen vom Lande gewesen, doch das Leben hatte sie hart gemacht, und sie fauchte den Mann an: »Rühren Sie ihn ja nicht an, Sie Bastard!«
Er ließ langsam den Arm sinken. »Ihr Kind?«
»Ja. Und unterstehen Sie sich, ihn anzufassen!«
»Er hat in meine Büsche gepinkelt.« Die rauhe, ausdruckslose Stimme des Fremden besaß die...