Dem Nachwuchsautor Wolf Kunik scheint ein spannender Handlungsfaden ebenso leicht von der Hand zu gehen wie (um nur zwei Klassiker des Genres zu nennen) Karl May oder Dumas: Da haben wir die Sklavenkarawane, die Heldin-Erzählerin in ihrer luxuriösen Einzelhaft mit ihrer einzigen Vertrauten (die ihrerseits ein tragisches Geheimnis hat), die tückische Intrige der Gegner, die dramatische Flucht usw.
Über die literarische Gattung der Abenteuer- und Schicksalserzählung hinausgehoben wird das Buch (wie auch seine beiden Vorgängerbände) aber bereits durch die Verknüpfung der Handlung mit der mystischen Tradition des Islam, die sich einer gut verständlichen Sprache moderner Weisheitslehren bedient. Man mag zur Verortung dieses Aspekts der Tränen der Sahara als Bezugspunkt durchaus Carlos Castaneda nennen, wenn auch (im Gegensatz zu den Don-Juan-Matus-Erzählungen Castanedas, aber übereinstimmend mit der Tradition des Islam) magische Effekte nicht das Ziel der Übung sind.
Endgültig einen neuartigen Schwung gewinnt das Konzept Kuniks für diese drei Bände jedoch durch die enge Verwebung der Erzählung in die dramatische Epoche zwischen der Vertreibung der Araber aus Spanien und der spanischen Eroberung Mexikos. In den Tränen der Sahara erlebt man z.B. Kaiser Karl V. in Konspiration mit seinem Beichtvater, dessen Wandlung vom eindrucksvollen Asketen zu einem von seiner Sinnlichkeit überwältigten Priester einer der großartigen Erzählstränge des Buches ist ein Wandel, der nicht nur der Schönheit der Erzählerin geschuldet ist, sondern auch seinem Amt, das einen integren Menschen hoffnungslos überfordert.
An dieser Stelle möchte ich die Tränen der Sahara auch als Jugendbuch empfehlen, da es im Rahmen einer rasanten Handlung die politischen und ethischen Exzesse jener rohen Epoche schonungslos und glaubhaft einbaut: Die Trilogie ist ein Geschichtsbuch, das Jugendlichen, die des schulischen Geschichtsunterrichts überdrüssig geworden sind, scheinbar harmlos als Unterhaltungslektüre entgegenkommt.
Daher hat der Verlag zu kurz gegriffen, als er Kunik den schmalzigen Titel Tränen der Sahara aufdrängte (wie ich glaube welcher Autor mit einer solchen Weite des Gesichtskreises würde seinem Buch diesen Namen geben?) und das Buch damit in der falschen Sparte angeboten hat. Da wäre ein Lektor, der (wie das früher selbstverständlich war) den Erzähler z.B. darauf aufmerksam gemacht hätte, daß es in der Sahara keine Klapperschlangen gibt, ein besserer Service des Verlages am Autor gewesen.
Die Erzählung hat übrigens durchaus emotional bewegende Stellen, die aber eine Nummer größer sind als der Stoff, den man in einem Werk mit solchem Titel erwartet: Fast das ganze Buch hindurch wird der Leser dazu verführt, die Liebe zwischen der Erzählerin und ihrem (für sie) verschollenen Mann, von der sie förmlich am Leben gehalten wird, als die fixe Größe hinzunehmen, die sie in der Herz-Schmerz-Literatur ist bis sich bei der Heimkehr nach Marrakesch herausstellt, daß diese Liebe in den Jahren der Trennung zur Lebenslüge geworden ist. Nun gut, resigniert der Leser, ich hätte es wissen müssen aber dann... kommt ein letzter Erzähl-Twist.
Dieses Ende des Buches soll hier jedoch verschwiegen bleiben, ebenso wie die psychologisch höchst einfühlsame und glaubhafte Entwicklungsgeschichte des Sohnes der Erzählerin, der während der Gefangenschaft von seiner Mutter getrennt wurde und nach einer christlichen Erziehung in schmerzhafter Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen wieder zu ihr zurückkommt.
Kurzum: Wolf Kunik ist ein begabter und tiefgehend-facettenreicher Erzähler, der vielleicht sogar seine volle Reife noch vor sich hat. Wir werden noch Unterhaltsames und zugleich Wichtiges von ihm erwarten können. Ich habe sein Buch (nur durch eine Nacht unterbrochen) in einem Zug gelesen.
Engelbert Wengel