Kurzbeschreibung
Los Angeles, der Beginn eines langen, trockenen Sommers. Lydia Snow Lavin, eine junge Frau Mitte Zwanzig, steht nachts auf dem verwaisten Parkplatz eines Kinos. Ausgerechnet zu dieser späten Stunde springt ihr Auto nicht an. Als sie am anderen Ende des Platzes einen jungen Mann sieht, bittet sie ihn um Hilfe. Er ist sogar so nett, bis zu ihrer Wohnung hinter ihr herzufahren - falls der Motor noch einmal streikt. Auf Lydias Drängen hin lässt er sich auf einen Drink einladen. Er setzt sich. Er schaut ihr ins Gesicht. Ein blasser, ruhiger und einfacher Mann. Ein Rosenkavalier. Und als er schließlich spricht, sagt er freundlich: "Ich liebe dich". Doch Lydia Snow Lavin wird sich an diese Worte niemals mehr erinnern. Denn als die Neurologin Maude Garance am nächsten Morgen in die Augen von Lydia Snow Lavin blickt, weiß sie, dass auch diese junge Frau nie wieder aus ihrem Koma erwachen wird. Lydia ist gefangen im Niemandsland zwischen Leben und Tod, jeder Erinnerung beraubt. Nur eine unscheinbare Wunde am Hals offenbart, dass Toyer sein neuntes Opfer gefunden hat - und Maude ihre neunte Patientin. Die Ermittlungen der Polizei laufen immer noch ins Leere, aber Maude will sich nicht damit abfinden. Sie sinnt auf Rache. Zusammen mit der Journalistin Sara Smith versucht sie, Toyer in die Falle zu locken. Sie ahnen nicht, dass sie nur Marionetten in einem Schauspiel sind. Denn sie wissen nicht: Toyer ist ihnen immer nah.
Klappentext
New York Times
"Undenkbar wirkungsvoll, spannend, verwegen: In 'Toyer' sehen wir uns einer Reihe von unschuldigen Opfern gegenüber, die in die Venusfliegenfalle eines Wahnsinnigen getappt sind, der so listig ist wie Richard III und so manisch wie Hannibal Lecter."
Jimmy Buffett
Über den Autor
Auszug aus Toyer. von Gardner McKay , Birgit Moosmüller. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
LOS ANGELES
Die Grundfarbe Perlgrau, ein weißlich-blauer Himmel. Nachts das dunkle Purpur der Stadt, eine Dämmerung, die die ganze Nacht dauert.
Hier geht nie der Wind, und es regnet nur ganz selten. Los Angeles sieht im Regen nicht gut aus. Seine Stuckhäuser wechseln die Farbe wie das Sweatshirt eines verschwitzten Läufers. Kein Gebäude ist abgewohnt, nichts muß poliert werden, es gibt keinen Rost, keine verwitterten Fassaden, keine vergessenen Friedhöfe.
Los Angeles hat keine Geschichte, keine Denkmäler, keine Statuen, keine Erklärungen. Es existiert, weil sein Wasser einst aus dem Inyo County im Norden gestohlen wurde.
Sein Land wurde den Chumash-Indianern von den Spaniern gestohlen, dann den Spaniern von den Amerikanern. Inzwischen sind die Indianer tot, die Spanier nach Hause zurückgekehrt, und Los Angeles wartet auf Rache aus dem zugrunde gerichteten County im Norden, dem toten County, das kein Wasser mehr hat. Es ist reif für Vergeltung.
Beverly Hills. Alles hier ist neu. Autos frisch vom Fließband, Konsortien, die beim Mittagessen gegründet werden, neue Klamotten aus alten Städten, schimmernde, fast schon trockene Gemälde, Schuhe mit hauchdünnen Sohlen, die nie gehen, sondern auf deutsche Gaspedale treten, schicke, glänzende Kreditkarten, junge Frisuren. Niemand erinnert sich an das, was gestern gesagt wurde. Man glaubt und bewundert nur das Neue. Alles ist bloß vorübergehend. Dafür ist dieser Ort berühmt. Heimgesucht von den Geistern seiner verstorbenen celebratti, jenen, die sich immer teurere Häuser kauften, manchmal auch nur mieteten, und dann starben. Wurzeln bedeuten Stagnation. Verwitterte Häuser bedeuten Armut. Immobilienmakler bedeuten beau monde. In den Rinnsteinen liegen Orangen neben plüschigen Tennisbällen. Es gibt keine Armen.
Der Sunset Strip. Ein Tribut an das demokratische freie Unternehmertum, gesehen von einem Cartoonisten. Die Reklametafeln bieten Eitelkeiten feil und sind über den niederen Gebäuden angebracht, um den Himmel und die schmutzige Luft zu unterhalten. Neben zahllosen Straßencafés gleiten hermetisch abgeriegelte Autos dahin, die Fahrer voller Wut. Spaziergänger sind Eindringlinge.
Hollywood. Die Hügel sind vorschriftsmäßig grün. Ein Grün ohne Tod. Abendliche Farben, gesehen in der Mittagsdämmerung. Stilleben aus Palmen mit Krematorienasche auf ihren Wedeln. Die Landschaft altert nach Art eines Vinylsofas. Die Stille ist unheimlich.
Downtown. Packkisten stehen halb offen herum. Ein Haufen blitzblanker Gebäude, die nicht altern dürfen.
Los Angeles ist keine Großstadt, sondern eine große Stadt. Eine Stadt ohne Geschichte. Eine Stadt, die keine Geschichte will. Eine unvollständige Stadt, die möglicherweise etwas zu verbergen hat. Sie besteht aus Dutzenden von Distrikten, von denen einige ihr eigenes Rathaus haben und alle ihr eigenes Polizeirevier, ihre eigene Selbstgefälligkeit, ihre eigene Wut.
Die Stadt hat kein Gedächtnis, kein Zentrum. Sie wartet darauf, etwas zu werden. Irgendetwas. Entstanden durch einen Wasserdiebstahl. Etwas, das nicht mehr rückgängig zu machen ist.
Es gibt hier zwei Jahreszeiten, Tag und Nacht.
Toyer. Er ist ein Meisterwerk. Eine natürliche Reaktion auf diese Umgebung. Er ist vollkommen. Der neue Fluch. Es hat noch nie etwas wie Toyer gegeben, aber das ist natürlich immer so. Jeder neue Serientäter hat dieselbe erfrischende Eigenschaft: Er ist unvorstellbar.
Er hat alles, was nötig ist. Er ist ein Reservoir all jener, die ihm vorausgegangen sind. Ted Bundy mit seinem Charisma eines Möchtegern-Kongreßabgeordneten. Der schöne Satan namens Nightstalker. Der Hillside Strangler mit seinem mühsamen Selbstexpressionismus.
Der erbärmliche Son of Sam, der Befehle von einer Hundestimme entgegennahm. Der irregeleitete Zodiac. Der ausdruckslose Iceman. Tod.
Toyers Domäne ist Los Angeles. Und im Norden das San Fernando Valley, ein weites, trockenes Flachland, das einmal Los Angeles werden möchte, wenn es erwachsen ist. Er benutzt die große Stadt wahllos, als würde er Tennis auf einem überdimensionalen Platz spielen, auf dem die Grundlinien außer Sichtweite sind. Die Landkarte seiner Eroberungen verwirrt die Polizei. Ermittler ziehen Verbindungslinien zwischen farbigen Fähnchen. Sie hoffen Pentagramme zu sehen, Konstellationen zu entdecken. Er gibt ihnen keinen Hinweis außer diesem: Er ist neu, und er ist unvorstellbar.
DER ANFANG
LYDIA SNOW LAVIN
Für Lydias Geschmack dauerte der Film viel zu lang. Als sie aufstand, interessierte er sie schon längst nicht mehr. Eine endlose Anekdote. Würde das Liebespaar auf schreckliche Weise ums Leben kommen? Nein, natürlich nicht, außerdem war es ihr inzwischen egal, sie hatte die Vorschau gesehen. Trotzdem war sie bis zum letzten Terrorbombenanschlag geblieben.
Der FBI-Agent, der die beiden als Team ausgewählt hatte, wußte, daß sie sich nicht ausstehen konnten, was automatisch bedeutete, daß sie sich ineinander verlieben würden. Aber als es dann soweit war, sah Lydia, daß sich die Schauspieler immer noch nicht leiden konnten. Schreckliche Küsse.
Als die Lampen angingen und das Kino mit ihrem Dämmerlicht zu übelriechender Vornehmheit erhoben, merkte Lydia, daß sie fast allein war. Drei oder vier Paare standen auf und streiften sich die Krümel von den Beinen. Lydia nahm ihre Kinobrille ab und ließ sie in ihre Tasche gleiten. Nacheinander hatte sie die Szenen der Vorschau abgehakt. Die Vorschauen sind soviel besser, der Film in Instant-Form. Atemlose Filmchen unter der Führung eines geistigen Baritons, der einleitend jedesmal sagt: »In einer Welt, in der ...«
Man kann einen Film nicht zurück geben. Ein Kleid, ein Steak, ein Glas Wein, aber keinen Film. Ein Film ist ein Blind Date aus Hollywood, und dein Abend ist gelaufen.
Als Akt des Protestes ließ sie ihren Diet-Pepsi-Becher mit einem lauten Klack auf den Betonboden fallen.
Sechs Reihen weiter vorne sah ein Mann zu ihr herüber, ein dunkelhaariger Mann mit einem weißen Hemd, bei dem die Ärmel ein Stück hochgerollt waren und die beiden obersten Knöpfe offen standen. Er war in Begleitung eines viel kleineren Mädchens. Er wandte sich ab, blickte den Gang hinunter und sah dann noch einmal zurück. Schulterzuckend lächelte er Lydia an. Wegen des Films? Sie blickte instinktiv zu Boden. Er könnte im Verkauf arbeiten oder in der Werbung. Lydias alter Traum: das Versorgen und Bekochen eines aufstrebenden jungen Mannes, der jeden Morgen nach Seife duftend und mit auf Hochglanz polierten Schuhen zur Arbeit fährt.
Die satte Hitze des Parkplatzes legte sich um ihre Ohren und ihren Hals. Abgestandene Luft. Sie folgte dem dunkelhaarigen Mann und seiner viel kleineren Begleiterin, einem Paar, das nicht mehr miteinander sprach, durch die verschiedenen Atmosphären: aus dem Kinovorraum in die Nacht hinaus und weiter zu den Autos.
Aber ihr eigener Wagen sprang nicht an. Sie saß da, drehte den Zündschlüssel um und gab Gas. Beinahe wäre er angesprungen, aber nur beinahe. Wenn der Motor nicht lief, ging auch die Klimaanlage nicht. Sie hatte sich schon immer gefragt, warum. Sie sah ihren schwarzhaarigen Karrieremann mit seiner Liliputanerfreundin in einen neuen Kleinwagen steigen. Jetzt stritten sie miteinander. Das war auch nicht anders zu erwarten, die beiden paßten so schlecht zusammen. Lydia winkte ihm zu. Vielleicht kann er meinen Wagen anlassen, aber nur die Zwergenfrau sah ihr Winken, der Karrieremann hatte den Kopf abgewandt, und die beiden fuhren davon.
Lydia versuchte es noch einmal. Die Batterie funktionierte, sie hörte das wilde, entschlossene Heulen unter der Motorhaube. Die Lichter gingen an, das Radio lief. Die Klimaanlage streikte weiterhin. Wo zum Teufel ist Rick?
Plötzlich roch es nach Benzin. Na großartig. Das Ding ist abgesoffen. Laut Rick ist Benzingeruch immer ein Zeichen dafür, daß der Wagen abgesoffen ist.
Rick ist nicht da. Wenn er da wäre, bräuchte sie ihn nicht anzurufen, denn dann säße er jetzt neben ihr. Sie hatte ihn vom Kinovorraum aus angerufen, aber er war nicht rangegangen. Bestimmt liegt er mit seiner miesen kleinen Schlampe im Bett. Wieder einmal hörte sie sich seine typisch männliche Angeberansage an: Ich-bin-unterwegs-vielleicht-ist-Ihre-Nachricht-wichtig-für-mich. Sie sprach ihre Nachricht so laut aufs Band, daß die beiden sie bis ins Schlafzimmer hören konnten. Sie sagte ihm, er sei ein Scheißkerl und solle sich nie wieder bei ihr blicken lassen.
Sie sah wieder zum Kino hinüber, einem schäbigen Tempel, der wahrscheinlich in den vierziger Jahren gebaut worden war, um schlechten Filmen etwas Würde zu verleihen. Von dem feudalen Zauber, den das Gebäude damals vielleicht ausgestrahlt hatte, war nichts mehr zu spüren. Sie befolgte den Rat, den Rick ihr gegeben hatte, und ließ dem abgesoffenen Motor zehn Minuten Zeit, sich zu erholen.
Lydia starrte auf die Motorhaube. Die Anzeigetafel des Kinos erlosch. Nun, da es dunkel war, konnte sie auf der Motorhaube das schwache Spiegelbild des Mondes sehen. Als stämmige Sechsjährige war sie im Klassenzimmer einmal von ihrem Platz aufgestanden und hatte geantwortet, daß sie sehr gerne zum Mond fliegen wolle, aber nicht wisse, was sie dort essen solle. Sogar ihre Lehrerin hatte gelacht. Das fällt mir wirklich zu den unmöglichsten Zeiten ein.
Lydia stieg aus und starrte zum Mond hinauf. Er sah aus wie eine Glasscherbe, ein winterlicher Mond in einer schwülen Nacht. Vielleicht ist dort oben gerade Winter. Der Himmel war seltsam klar. Jupiter und Orion und Mars. Alles ist in Ordnung. Das Leben geht weiter. Ohne Rick.
Sie klopfte an die Glastür des Kinos, rüttelte daran. Das Personal war bereits weg, nur die Popcornmaschine stand leuchtend Wache, randvoll gefüllt mit aufgeblasenem Mais für das morgige Publikum.
Sie saß wieder im verriegelten Wagen, hielt mit beiden Händen das Lenkrad umklammert, ließ den Kopf sinken und wartete darauf, daß etwas passierte.
Ein Mann um die Fünfundzwanzig, mit dunkler Jacke und weißen, gummibesohlten Schuhen, benutzte gerade das hell beleuchtete Telefon an der Ecke des Parkplatzes. Er lehnte an einem bronzefarbenen Wagen von der Größe eines Flugzeugträgers, eine Hüfte nach außen gedrückt. Sie beobachtete ihn.
Wenn er jemals zureden aufhört, rufe ich Rick an und sage ihm, daß es mir leid tut.
Als er einhängte, winkte sie ihm. »Entschuldigung?« rief sie. »Sir?« Er stieg in seinen Wagen und fuhr zu ihr herüber.
Ihre Motorhaube war hochgeklappt. Er hatte sie mühelos geöffnet, indem er ohne hinzusehen und mit unverschämt sicherem Griff den Fanghaken gelöst hatte. In gebückter Haltung stand er zwischen den beiden Wagen und dachte mit angestrengter Miene nach. Schöne Haut. Er war etwa in ihrem Alter. In dem von oben kommenden Licht konnte sie nicht genau sagen, wie er aussah, ob er süß war oder nicht, aber er wirkte unkompliziert, wie ein Allerweltstyp. Schüchtern. Auf seiner Jacke prangte ein großes, orangefarbenes H. Ich kenne niemanden, der noch mit seiner Buchstabenjacke herumläuft.
Er hatte den Motor nicht abgestellt, so daß sein Wagen neben ihnen das Baßgebrumm stolzer Vergaser ausstieß, bereit, wieder durch die Nacht zu stürmen. Schimmernde Räder, frisch polierter Lack. Das Wageninnere wirkte ordentlich, und sie fühlte sich als Glückspilz.
Ein schüchterner, autonärrischer junger Mann. Warum sollte sie ihn nicht um Hilfe bitten? Sie war mit einfachen Männern immer gut zurechtgekommen, und hier war ein einfacher Mann. Sie selbst war auch nicht allzu kompliziert, dachte sie, warum sollte sie nicht gut mit ihm auskommen? Jedenfalls trug er eine Buchstabenjacke und sprach über ihr Getriebe, als wäre es ein guter Freund von ihm, was sie irgendwie süß fand.
Er schloß seine Arbeitslampe an seine Batterie an und hängte sie an die geöffnete Motorhaube. Sie reichte ihm einen Drahtkleiderbügel vom Rücksitz ihres Wagens, und er formte ihn zu einem langen Seil und installierte ihn in ihrem Motor. Sie dankte ihm, bevor er den Schaden reparierte, während er ihn reparierte und nachdem er ihn repariert hatte. Sie ließ den Wagen an. Ein klassischer netter Junge. Dabei hört man immer nur Warnungen.
Im Rückspiegel sah Lydia seine Scheinwerfer. Er fuhr mehrere Wagenlängen hinter ihr auf der Innenspur, um sie nicht zu blenden. Er hatte angeboten, ihr bis nach Hause zu folgen, um sicherzugehen, daß der Drahtkleiderbügel hielt.
Jetzt begannen sich die geraden, von Reklameschildern gesäumten Straßen zu krümmen und sanft zu den Hügeln anzusteigen. Das San Fernando Valley veränderte sich langsam, aus den bedrohlichen Ladenfronten wurden behäbige New-England-Häuser und spanische Haciendas. Schmale, von Immobilienmaklern benannte Straßen endeten mit dale, crest und view. Sie fuhren am Multiview Drive vorbei, dann durch die von gelegentlichen Straßenlampen beleuchtete Gegend namens Warren Oak Crest.
Schließlich ging es hinauf in die Berge, die als Santa Monica Mountains bekannt waren und das Tal im Süden begrenzten. Hügel aus sich auflösendem Granit ragten an die achtzig Meter hoch auf. Häuser, die an Lego-Spielzeug erinnerten, klebten an steilen Minigrundstücken, auf die keine Häuser gehörten und wo nur Tiere in der Lage waren, sich zwischen den Steilhängen zu bewegen. Manche dieser Häuser waren in die Luft hinaus gebaut und standen auf Stelzen. Die mit Salbei und Sumach bewachsenen Hänge unter ihnen waren vom Sommer bereits ausgetrocknet, bereit zu brennen.
Er fuhr mit gleich bleibendem Abstand hinter ihr her. Einen halben Block hinter ihr stieg er heftig auf die Bremse und parkte auf der abschüssigen Straße, ließ den Motor laufen. Er hat vielleicht nie die Schule abgeschlossen, aber er ist netter als die meisten Typen in der Arbeit.
Um die Außenlampe drängten sich Scharen von Motten, die glaubten, die Sonne gefunden zu haben. Die kleine Veranda neben der Haustür, die nur Platz für eine gerade Holzbank bot, war schwach beleuchtet. Das Häuschen war in den vierziger oder fünfziger Jahren - wann genau, wußte niemand - in der Tradition jenes Glaubens gebaut worden, daß alle Dinge nur so lange halten sollten, bis die Garantie abgelaufen war. Aber es hatte gehalten, und in den Sechzigern war an die Küche eine Kammer für die Waschmaschine angebaut worden, und später ein dürftiger Unterstand für ein Auto. Die üblichen Zeichen von Alter gab es nicht, weil es auch kein richtiges Wetter gab, nur infektiöse Luft. Das kleine Haus wirkte verschrumpelt.
Er stand in der Tür. Die Wohnzimmerbeleuchtung war Lydia nie wichtig gewesen. Die ursprüngliche Deckenlampe, die dem Raum etwas Maskulines gab, war längst ausgebrannt. Für Licht sorgten statt dessen zwei kleine, gebraucht gekaufte Lampen, von denen die eine einen bernsteinfarbenen, die andere einen roten Schirm hatte. Ansonsten bestand die Einrichtung aus ein paar weißen Korbmöbeln und einem abgenutzten Sofa. An den Wänden hingen gerahmte Poster. Die offene Badezimmertür gab den Blick auf dunkle Plastikflaschen frei.
»Zange?« Er öffnete und schloß die Hand. Taubstummensprache. »Haben Sie eine Zange, Miss?« Miss? Er hat meinen Namen vergessen.
»Ja. Ich hole sie.« Rick hat eine da gelassen.
»Ich würde es gern richtig reparieren, damit Sie morgen zur Arbeit fahren können. Und einen Schraubenzieher bitte. Und einen Lappen.«
Sie fand einen Lappen, aber keinen Schraubenzieher. Stattdessen reichte sie ihm einen Eisteelöffel, den sie in einem Café hatte mitgehen lassen.»Sie lieben Autos, stimmt's?«
»Ja, ich glaube schon.« Als sie ihm den Löffel reichte, lächelte er fast. »Das ist ein Löffel.«
Sie unterdrückte ein Lachen. »Sie werden hier nichts finden, was mehr Ähnlichkeit mit einem Schraubenzieher hat.«
»Kein Problem.« Sie sah ihn sich genauer an. Nicht direkt unattraktiv. Größer als sie, etwas älter. Trotzdem erschien er ihr geistlos, und sie wußte, daß ein geistloser Mann sie niemals auch nur ansatzweise interessieren würde. Wahrscheinlich lag er den ganzen Tag unter irgendwelchen Autos, sah sich abends Baseball an und hatte den Ehrgeiz, eines Tages Golf zu spielen. Wie Dad.
Sein bronzefarbener Flugzeugträger wartete einen Häuserblock entfernt am Randstein. Er stellte den großen dröhnenden Motor ab, so daß nichts mehr die Stille der Nacht störte. Nur noch die zarten Geräusche dahin eilender Insekten waren zu hören.
Sie brachte ihm eine Tasse Kaffee.
»Ich trinke keinen Kaffee. Trotzdem vielen Dank, Miss.«
»Kommen Sie doch eine Minute herein.« Sie hatte seinen Namen vergessen, wenn sie ihn überhaupt je gewußt hatte.