Traumland Frankreich? Sicherlich nicht für den damals 13-jährigen Autor Julian Barnes, der mit seinen Eltern jeden Sommer dort verbringen musste. "Überall lauerten hier Gefahren von Knoblachkauenden zwielichtigen Gestalten, die zum Frühstück Rotwein tranken und ihr Brot (...) mit dem Taschenmesser aufschnitten." Von seiner steifen Heimat England war er da anderes gewohnt. Selbst als Erwachsener wird er immer wieder den zurückhaltenden Umgang seiner Kindheit mit der Leichtlebigkeit der Franzosen vergleichen und hebt auch in "Tour de France" die Unterschiede zwischen Frankreich und England in Sachen Kunst, Literatur und Lebensart hervor. Ein Buch nur für Briten? Keineswegs! Das aus dem Englischen von Gertraude Krueger übersetzte Werk spricht jeden Frankreichliebhaber an, ganz egal, ob westlich, südlich oder östlich der Insel.
Trotz erster Erfahrungen mit ungesalzener Butter, bluttropfendem Fleisch und ungewohnter Suppe kann Julian Barnes schon recht bald dem Zauber der französischen Zivilisation nicht mehr widerstehen. Ob Kunst oder Küche - die französische Lebensart zieht ihn vollständig in seinen Bann. Und so erzählt er in elegantem, oftmals ironischem Stil von den Helden seiner späten Jugend: den Chanson-Sängern Boris Vav und Jacques Brel, sowie dem berühmten Regisseur Truffaut und dessen filmischen Glanzleistungen. Das bereits 1907 erschienene Buch "Frankreichfahrt" kommt in "Tour de France" ebenso zur Sprache wie das gleichnamige Radsportereignis, das sich weltweit großer Beliebtheit erfreut. Ob Autor Julian Barnes davon jedoch noch immer begeistert ist, ist fraglich. Immerhin gestaltete sich seine "live"-Anwesenheit bei der Tour weniger spektakulär: "Erst kommen die Werbekarawanen und die Teamfahrzeuge mit Rennmaschinen auf dem Dach, (...) dann folgt die Ankündigung, dass die Fahrer in zehn Minuten eintreffen und das nahende Rattern des Fernseh-Hubschraubers. Dann (...) geschieht Folgendes:" Ehe man auch nur mit dem Kopf drehen kann, zischen die Radprofis an einem vorbei, sodass zwei wie im Fluge vergangene Minuten mit dem grellen Hupen des Schlusswagens zu Ende gehen...
Französische Ereignisse wie die "Tour de France" in Ehren, besonders interessiert sich Julian Barnes aber für den großen Romancier des 19. Jahrhunderts Gustave Flaubert. Ausführlich beschreibt er wie andere Autoren sein Leben und Werk interpretieren, bespricht seinen weltberühmten Roman "Madame Bovary" aus verschiedenen Positionen und macht auch vor dessen Freunden und Bekannten nicht Halt. Ohne Frage hat Gustave Flaubert die französische Literatur erheblich beeinflusst und seine literarische Figur "Emma" übt noch immer große Faszination auf heutige Leser aus. Doch ob Julian Barnes ihm deswegen den Hauptteil seines Buches opfern muss, bleibt fraglich. Verwirrend ist dabei der Titel "Tour de France", der eine gleichwertige Beschreibung von Charme, Kunst und Literatur Frankreichs vermuten lässt und keineswegs eine Kurzbiographie Gustav Flauberts.
Seine große Liebe zum Land der "Tour de France" wird bei Julian Barnes in jeder Zeile deutlich: In der Episode über die nach Frankreich mitgebrachte Asche seiner Eltern, in der (Leidens)Geschichte über seinen Lieblingsautor Gustave Flaubert und nicht zuletzt in seinen scharfen Beobachtungen der Bewohner Frankreichs.