Alter ist sicher kein Qualitätsmerkmal. Genauso sicher aber bewertet man ein neues Album eines 87jährigen un- und unterbewußt anders, als das eines jungen Musikers, der sich sein Renommée erst noch erarbeiten muß.
Doch ungeachtet der musikalischen Qualität des neuen Charles Aznavour Albums, verdient es große Anerkennung, daß jemand, der längst mehr ist als eine lebende Legende, eher schon Inbegriff eines ganzen Genres, auch in der neunten Dekade seines Lebens alle ein-zwei Jahre vollkommen neue Studio-Alben mit neuen Liedern schreibt, aufnimmt und veröffentlicht (keine Zusammstellungen alten Materials, die erscheinen zusätzlich auch, leider unnötig häufig). Darüber hinaus nach wie vor ausgiebig Konzerte gibt. Auch mit "Toujours" geht Aznavour dieser Tage auf Tournee. Zunächst 65 Konzerte in Frankreich, davon allein 30 im legendären Olympia in Paris!
Zum Album muß man nicht viele Worte verlieren. Aznavour erfindet sich mit 87 Jahren nicht neu. Warum sollte er auch? Er fügt seinem ohnehin schon gigantischem Lebenswerk ein weiteres, überaus bemerkenswertes und schönes Kapitel hinzu, ergänzt es um weitere wundervolle Aufnahmen. Er war zeitlebens nicht der Soundtüftler wie sein nicht minder legendärer Kollege Serge Gainsbourg. Aznavour-Chansons leben seit jeher von einer gut erzählten Alltagsgeschichte in Liedform und brillianten Musikern. Und je nach Inhalt der Geschichte wird es mal tief melancholisch oder sehnsuchtsvoll, übermütig swingend, tänzelnd, sehr sehr bitter oder zuckersüß. Nur wirklich wütend, tobend, wie Brél oder Becaud werden konnten, die ihrem Publikum so manches Lied beinahe entgegen brüllten, wurde Aznavour nie. Und auch damit fängt er nun auf "Toujours" nicht mehr an. All die anderen Facetten finden sich auch bei Aznavour 2011 wieder. Gut so! Beineidenswert gut bei Stimme und insgesamt auffällig leichtfüßig, lebensfroh kommt das neue Album daher. Es klingt ganz und gar nicht nach einem Album, daß das letzte sein könnte - und das möge es bitte auch noch nicht sein!
Zu gut ist er nach wie vor, keine Zugeständnisse in der Bewertung werden nötig. Das Album verdient fünf Sterne, auch wenn es von einem jugendlichen 60jährigen wäre.